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Nach Attacke am Bahnhof : „Tod von Menschen billigend in Kauf genommen“

In Gedanken bei Leo: Die Anteilnahme der Reisenden war noch Wochen nach der Tat groß. Nun soll eine Tafel angebracht werden. Bild: Marina Pepaj

Ein Jahr nach der tödlichen Attacke auf einen Jungen im Frankfurter Hauptbahnhof kritisiert seine Familie Bahn und Justiz. Der Täter wird voraussichtlich nicht bestraft werden.

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          In vier Wochen beginnt der Prozess, der das schreckliche Geschehen am Morgen des 29. Juli 2019 im Frankfurter Hauptbahnhof aufarbeiten soll. Den Ermittlungen zufolge stieß der 41 Jahre alte Habte A. einen acht Jahre alten Jungen und seine Mutter auf das Gleis, auf dem gerade ein ICE einfuhr. Die Mutter konnte sich noch rechtzeitig zur Seite rollen, der Junge wurde überfahren und tödlich verletzt. Eine ältere Frau, die A. laut den Ermittlern ebenfalls vor den Zug stoßen wollte, konnte sich befreien, wurde jedoch erheblich verletzt. In einem offenen Brief kritisiert der Anwalt der Familie nun, genau ein Jahr nach der schrecklichen Tat, sowohl die Ermittlungen als auch den Umstand, dass aus dem Geschehen immer noch keine Konsequenzen für mehr Sicherheit an Bahnhöfen gezogen worden seien.

          Helmut Schwan

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Habte A. wird voraussichtlich nicht bestraft werden. Nach einem vorläufigen Gutachten war der Eritreer, Vater von drei Kindern, zum Tatzeitpunkt wegen einer schizophrenen Erkrankung nicht schuldfähig. Vor der Schwurgerichtskammer des Frankfurter Landgerichts wird es deshalb darum gehen, ob er auf Dauer in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen werden muss. Während die Staatsanwaltschaft die Tat als Totschlag wertet, hat das Gericht den Hinweis gegeben, sie könne auch als heimtückischer Mord bewertet werden.

          Für die Auffassung, er habe die Arg- und Wehrlosigkeit der Opfer ausgenutzt, spricht einiges. Habte A. hatte sich, wie Zeugen berichteten und auf Videoaufnahmen zu sehen war, an jenem Morgen hinter einem Pfeiler am Gleis verborgen und sich dann unvermittelt auf die Frau und ihren Sohn gestürzt. „Seit dem tragischen Verlust unseres kleinen Sohns und Bruders geht es uns nicht gut, in den vergangenen Monaten stand einzig die Erinnerung und Trauer um unseren kleinen Leo im Vordergrund“, zitiert Rechtsanwalt Ulrich Warncke aus einem Schreiben der Familie. Es habe die Familie tief berührt, wie viele, auch völlig Fremde, ihr Mitgefühl in Briefen, Geschenken, Spenden ausgedrückt hätten.

          Gesichtserkennung noch nicht ausgereift

          Wie der Anwalt weiter darlegt, üben die Angehörigen Kritik an der Zusammenarbeit der deutschen und der Schweizer Ermittler. A. war in seinem Zufluchtsland Schweiz schon in psychiatrischer Behandlung, als er offenbar vor einem Jahr die Kontrolle über sich verlor. Er griff seine Familie und Nachbarn an und machte sich dann auf den Weg nach Frankfurt. Die Schweizer Polizei fahndete nur intern nach A., bei einer Einreisekontrolle wäre er daher nicht aufgefallen. In Frankfurt verbrachte er offenbar zwei Tage auf der Straße, ehe er am 29. Juli an Gleis 7 im Hauptbahnhof wahllos Menschen attackierte.

          Die Bahnpolizei und die Bahn haben ihrer Darstellung nach im Frankfurter Hauptbahnhof die Streifen verstärkt. Außerdem wurde die Zahl der Videokameras auf inzwischen rund 300 erhöht. Systeme, mit denen sich Gesichter erkennen oder auffällige Personen nachverfolgen lassen, seien noch nicht so ausgereift, dass sie eingesetzt werden könnten, heißt es.

          Verbesserung der Sicherheit lässt auf sich warten

          Vor einem Jahr, unter dem Eindruck der grauenhaften Tat in Frankfurt, hatten Bundesinnenminister Horst Seehofer und sein für das Verkehrsressort zuständige Kollege Andreas Scheuer (beide CSU) versprochen, sehr bald die Sicherheit an Bahnhöfen zu erhöhen, zumal sich wenige Tage zuvor ein ähnlich schrecklicher Vorfall im nordrhein-westfälischen Voerde ereignet hatte. Es wurde eine Arbeitsgruppe gebildet, die Realisierung von Verbesserungsvorschlägen lässt allerdings weiter auf sich warten. Im Gespräch war auch, den Zugang zu den Gleisen eventuell sogar mit Schranken oder Gittern zu erschweren. Die Weiterentwicklung und Prüfung dieser Ideen habe sich infolge der Corona-Krise verzögert, heißt es.

          Der Anwalt von Leos Familie sieht eher in den Kosten und den Bedenken von Datenschützern den Grund, weshalb bisher in Bahnhöfen kein leistungsfähiges Videosystem installiert wurde. Möglicherweise hätte eine bessere Überwachung des Bahnhofs den Tod von Leo verhindert, schreibt Warncke im Namen der Familie.

          Einen absoluten Schutz vor Gewalttaten psychisch kranker Menschen könne es nicht geben, meint der Anwalt. Jedoch würden zu viele der Erkrankten gegen den Rat der behandelnden Fachärzte aus geschlossenen Kliniken wieder entlassen, weil die von ihnen ausgehende Selbst- oder Fremdgefährdung für die Justiz nicht „akut“ sei. In vielen Fällen müsse es erst zu Taten wie dieser kommen, bevor eine geschlossene Unterbringung genehmigt werde. „Damit nehmen Gesetzgeber und Justiz billigend in Kauf, dass Menschen schwer verletzt oder getötet werden.“

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