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Mysteriöser Mordfall in Babenhausen : Der letzte Strohhalm

  • -Aktualisiert am

„Ich will keinen Hass schüren“: Anja Darsow in der Altstadt von Babenhausen. Bild: Wohlfahrt, Rainer

„Ihr Mann ist ein Mörder.“ Mit diesem Urteil hat sich Anja Darsow nie abgefunden. Sie kämpft für den Vater ihrer drei Kinder und für ihre Ehe. Eine Chance hat sie noch, vielleicht.

          6 Min.

          Anja Darsow hat ein Ziel vor Augen. Darin kommt ein hoher Berg vor. Er steht im Allgäu. Wenn alles vorbei ist, möchte sie dorthin. Mit ihrem Mann. „Ich stelle mir vor, wie sich die Tür der JVA Weiterstadt öffnen wird, wie er herauskommt. Weil seine Unschuld endlich bewiesen ist.“ Vielleicht, sagt die Siebenunddreißigjährige, könnte es dann wie früher werden. Wie damals, als sie noch nicht Hauptdarsteller rund um einen der spektakulärsten und mysteriösesten Mordfälle waren, die je in Deutschland geschahen. Sondern bloß ein glückliches Paar mit drei Kindern, zwei Jobs und einem Einfamilienhaus in Babenhausen.

          Anja Darsow, eine blonde Frau mit ernstem Blick, hat einen Albtraum, mehr noch, sie lebt in ihm. Sie wird ihn vielleicht nie wieder loswerden, selbst, wenn er eines Tages tatsächlich einmal offiziell für beendet erklärt werden sollte. Begonnen hat er 2010, als ihr Mann festgenommen wurde. Der Vorwurf: Andreas Darsow soll in der Nacht zum 17. April 2009 früh morgens seinen Nachbarn, einen 62 Jahre alten Immobilienmakler, beim Heraustragen eines Müllsacks mit sechs Schüssen umgebracht haben, danach die im ersten Stock schlafende Ehefrau. Auch auf die behinderte Tochter des Paares soll er in Tötungsabsicht zweimal geschossen haben, bevor er flüchtete. Die Tochter, eine Autistin, überlebte schwerstverletzt, kann aber bis heute keine Angaben zum Täter machen. Bald nach dem Verbrechen wurde, neben anderen, auch Anja Darsow als Zeugin vernommen. „Schon bei dieser ersten Befragung hieß es: Ist ihr Mann gewalttätig? Schlägt er sie? Ich dachte noch, was für komische Fragen. Warum fragen die so etwas?“ Ein Jahr später wird ihr Mann festgenommen und unter Anklage gestellt.

          Bauplan für Waffe auf dem Computer

          Weshalb ein bis dato vollkommen unauffälliger Mann ohne jedwede einschlägigen Vorstrafen, ohne auch nur eine Wirtshausschlägerei auf dem Kerbholz, zum Mörder wird? Wut über Ruhestörung soll laut der Ermittler das Motiv sein: Andreas Darsow habe sich über mehrere Jahre durch Lärm und oft laute Schreie aus dem Nachbarhaus so gestört gefühlt, dass er schließlich zur Waffe gegriffen habe. Handfeste Beweise für Darsows Schuld, DNA-Spuren am Tatort etwa, gab es nicht, die Tatwaffe ist verschwunden. Die Anklage gegen den Mann, der seine Unschuld beteuert, gründete auf Indizien, genauso die spätere Verurteilung, die vom Bundesgerichtshof bestätigt wurde. Darsow, hieß es, habe sich an einem Firmencomputer darüber informiert, wie ein Schalldämpfer für eine Schusswaffe gebaut werde und den Computer zerstört, um Spuren zu beseitigen. An Kleidungsstücken Darsows in seinem Haus seien Schmauchspuren gefunden worden, die von Übungsschüssen stammen sollten. Die Verteidigung hatte argumentiert, der Angeklagte habe sich über den Krach der Nachbarn nicht geärgert, sondern einfach im Schlaf Ohrstöpsel getragen. Die Bauanleitung für die Waffe sei kein Argument; zu dem Computer hätten auch andere Zugang gehabt.

          Für Anja Darsow war schlimm genug, dass ihr damals 41 Jahre alter Mann auf der Anklagebank saß. Aber niemals, sagt sie, „hätten wir mit dem gerechnet, was dann passiert ist“. Trotzdem in dem Verfahren viele Vorwürfe entkräftet werden und noch mehr Fragen offenbleiben, wird ihr Mann im Juli 2011 vom Landgericht Darmstadt wegen Doppelmords und versuchten Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Wegen besonderer Schwere der Schuld ohne Aussicht auf eine vorzeitige Haftentlassung, was mindestens 25 Jahre hinter Gittern bedeutet.

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