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Schriftsteller aus Lubumbashi : Das Spielzeug liegt überall herum

Lubumbashi, Graz, Frankfurt: Der Schriftsteller Fiston Mwanza Mujila ist Gast der „Literaturtage“. Bild: Leonhard Hilzensauer

Er kommt aus Kongo, schreibt auf Französisch und unterrichtet in Österreich: Zu dem, was man mit Sprachen machen kann, hat Fiston Mwanza Mujila seine eigene Theorie.

          Er stammt aus der letzten französischsprachigen Stadt Afrikas. So nennt Fiston Mwanza Mujila seine Heimat Lubumbashi, die Millionenstadt, in der er 1981 zur Welt kam. Die Hauptstadt der alten Minenprovinz Katanga liegt ganz im Süden Kongos. Mit dem Bus, sagt der in Graz lebende Schriftsteller, braucht man über die naheliegende Grenze zu Sambia, dem ersten der englischsprachigen Nachbarländer, nur eine Stunde. Das portugiesischsprachige Angola ist in zwei Tagen zu erreichen. Nach Kinshasa hingegen, in die Hauptstadt seines eigenen Landes, gibt es quer durch den Urwald keine durchgehende Straßenverbindung. Wer nicht das Geld für einen teuren Flug hat, ist mit Auto, Zug, Bus und Schiff manchmal drei Monate unterwegs.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Lubumbashi ist eine Minenstadt, Kongo ein Rohstoffland. Coltan wird abgebaut, veredelt zu Tantal ist es ist ein unverzichtbarer Bestandteil jedes Smartphones. „Kongo ist Teil der Weltwirtschaft“, sagt Mwanza Mujila ironisch. „Tram 83“, sein Debütroman, den er demnächst auf den „Frankfurter Literaturtagen“ vorstellt (siehe Kasten), schildert die Gesellschaft, die sich in der wildesten Bar einer typischen Minenstadt versammelt.

          Neue Heimat in Graz

          Hier wird das Geld ausgegeben, dass von der Wertschöpfungskette ausländischer Minenkonzerne für schwarze Arbeiter und bestechliche Offizielle abfällt, hier schaut der „abtrünnige General“ vorbei, ein Lokalherrscher, wie es ihn in Kongo, dessen zunehmend autoritäre Zentralregierung über weite Teile des Ostens keine Macht hat, sehr oft gibt. Hier sucht eine Arbeitergesellschaft, geprägt von Männlichkeitsidealen und latenter Gewalt, bei den „Küken“ in den Hinterzimmern nach Entspannung vom Alltag, drumherum finden sich Künstler und Gauner wie der Schriftsteller Lucien und der Dieb Requiem.

          Ein wenig Lubumbashi steckt auch im Buch, das nicht von einer bestimmten Stadt und einem bestimmten Land, sondern von allen Minenstädten der Welt erzählt, wie Mwanza Mujila sagt. Geschrieben hat er das Buch, seinen ersten Roman nach mehreren Gedichtbänden, allerdings in Europa: „Ich wollte als Schriftsteller leben.“ Das ist zu Hause schwer. In Lubumbashi hat er Literatur studiert, dort wird harte Arbeit bewundert, Aufmerksamkeit für Autoren aber gibt es kaum. Mwanza Mujila hat in Belgien, Deutschland und Frankreich gelebt und wohnt seit einiger Zeit in Graz, wo er an der Universität afrikanische Literatur, Kunst, Film und Geschichte unterrichtet. Die Stadt ist für ihn zur Heimat geworden: „Ich bin viel unterwegs, aber ich kann nur hier schreiben.“

          „Nachdenken über die Globalisierung“

          „Tram 83“ hat er Anfang 2014 rasch verfasst. Das von seiner Liebe zur Musik durchtränkte Buch, das von den Träumen und Alpträumen nicht nur der kongolesischen Gesellschaft erzählt, ist vor zwei Jahren im französischen Original erschienen und stand voriges Jahr auf der Longlist der internationalen Ausgabe des Man-Booker-Preises. Vor wenigen Monaten ist es bei Zsolnay in Wien auch auf Deutsch herausgekommen.

          Angelegt hat es Mwanza Mujila, der mit dem Schreiben begann, obwohl er Musiker werden wollte, dann aber an der Musikschule von Lubumbashi und in der ganzen Stadt kein Saxophon zum Üben fand, wie ein Jazzkonzert von Heinz Sauer und Michael Wollny - jeder Moment ein eigener Klang, ganz anders als der Augenblick zuvor oder der danach: „Sprache ist wie ein Instrument“, sagt der Autor, für den einzelne Passagen eines Textes durch Satzbau, Wortwahl und Lautinstrumentierung so verschieden klingen können wie das geliebte Saxophon, eine Flöte oder ein Vibraphon.

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