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Muslimische Bestattungen : Integration auf dem Grabfeld

  • -Aktualisiert am

Mit Halbmond und Minarett: ein muslimisches Grab auf dem Parkfriedhof Heiligenstock. Bild: Fiechter, Fabian

Stirbt ein Muslim, lässt seine Familie ihn in die Heimat überführen. Das wird anders werden, sagt Erdogan Tur.

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          Sie starb am Mittwoch im Alter von 73 Jahren. Als junge Frau war sie ihrem Mann nach Deutschland gefolgt und verbrachte die meiste Zeit ihres Lebens in Frankfurt. Trotzdem stand für ihre Angehörigen fest, dass die letzte Ruhestätte der Ehefrau und Mutter nicht hier, sondern in ihrer Heimatstadt sein sollte. Mit der Überführung und der Bestattung dort hatte die Familie gleich am Mittwochabend Erdogan Tur beauftragt. Schon am Freitag wurde der Leichnam auf einem Friedhof in Antalya beigesetzt.

          Tur ist auf Beisetzungen von Muslimen spezialisiert. Vor rund 20 Jahren machte er sich in Rüsselsheim als Bestatter selbständig. Er arbeitet im Rhein-Main-Gebiet und auch jenseits von Ländergrenzen. Melden sich bei ihm Angehörige von Verstorbenen, die aus der Türkei stammen, gehe es in neun von zehn Fällen darum, eine Beisetzung im Herkunftsland zu organisieren, sagt Tur. Vor allem die erste Generation der muslimischen Zuwanderer, aber auch viele aus der zweiten Generation wollten ein Grab im Herkunftsland. „Neben emotionalen Gründen und religiösen Geboten, wie etwa Ruhefrist und Bestattung im Leichentuch, spielt bei dieser Entscheidung auch das Geld eine Rolle“, sagt Tur. Während hierzulande für eine Bestattung und Grabgebühren 4000 Euro und mehr aufgebracht werden müssten, betrügen die Kosten für eine Überführung in die Türkei etwa 2000 Euro. Grabgebühren gibt es dort nicht.

          „Wir haben dafür noch keine Lösung gefunden“

          Auf Einladung der Frankfurter Stadtverwaltung hielt Erdogan Tur gestern, am Tag des Friedhofs, einen Vortrag über muslimische Bestattungen. Möglich sind die in Frankfurt seit den fünfziger Jahren. Das erste Grabfeld, gemäß islamischem Bestattungsgebot gen Mekka ausgerichtet, befand sich auf dem Waldfriedhof Oberrad. Als dort alle Gräber belegt waren, wurde 1994 ein neues Areal auf dem Parkfriedhof Heiligenstock angelegt. Bisher konnten aber bei muslimischen Beisetzungen nicht alle religiösen Rituale eingehalten werden. Aufgrund der Sargpflicht war eine Beisetzung ohne Sarg nicht möglich. Mit der Änderung des Friedhofs- und Bestattungsrechts im März dieses Jahres sind nun, wie schon in einigen anderen Bundesländern, auch in Hessen Beisetzungen im Leichentuch erlaubt, sofern religiöse Gründe dafür geltend gemacht werden.

          Praktiziert wurde das in Frankfurt allerdings noch nicht, obwohl seit März auf dem Parkfriedhof Heiligenstock einige Muslime bestatten wurden. „Wir haben noch keine Lösung dafür gefunden, die Bestattung im Leichentuch so umzusetzen, dass sie pietätvoll ist und zugleich den Vorschriften entspricht“, sagt Harald Hildmann von der Frankfurter Friedhofsverwaltung. Das Einbetten des Leichnams im Tuch erweist sich aufgrund der Enge und der Tiefe des Grabes als schwierig. In Hessen beispielsweise müssen die Särge mit mindestens einem Meter Erde bedeckt werden, so dass die Gräber etwa 1,75 Meter tief ausgehoben werden müssen.

          Zahl der Beisetzungen von Muslimen hat zugenommen

          Die „technischen und organisatorischen Probleme“ will die Kommune nach Bekunden von Hildmann nicht im Alleingang, sondern mit Betroffenen zusammen lösen. Daher sei ein Runder Tisch mit Vertretern aus den Moscheegemeinden geplant. Und auch zu einer Ortsbegehung wolle die Friedhofsverwaltung einladen. Bei dieser Gelegenheit solle auch die Grabgestaltung thematisiert werden.

          Auf dem muslimischen Teil des Parkfriedhofs Heiligenstock gibt es Gräber, die nicht dem hiesigen „Pflegestandard“ entsprechen, was auch daran liegen mag, dass nach islamischer Tradition Gräber nicht geschmückt sein sollen. Gegen karge Grabgestaltung sei nichts einzuwenden, meint Hildmann. Dass aber so manch ein Grab voll von Unkraut sei, das störe auch muslimische Friedhofsbesucher. Andererseits halten sich nicht alle an das Gebot, das Grab schlicht zu gestalten. So gibt es etliche Gräber mit Blumen, Kerzen und auch Engeln, und mancher muslimischer Friedhofsbesucher störe sich an diesen, reich geschmückten, Gräbern. „Das hat doch mit unserer Religion nichts mehr zu tun“, so lautete unlängst der Kommentar einer jungen Frau, die aus Pakistan stammt. Dennoch: Gerade in der Übernahme der hiesigen Grabgestaltung drückt sich aus, wie sehr die aus muslimischen Ländern eingewanderten Menschen in Deutschland heimisch geworden sind.

          Die Zahl der Beisetzungen von Muslimen hat nach Auskunft der Friedhofsverwaltung in den vergangenen Jahren zugenommen. Das wiederum liegt nach Einschätzung von Erdogan Tur unter anderem daran, dass Verstorbene, die zum Beispiel als Bürgerkriegsflüchtige kamen, kaum ins Herkunftsland überführt werden könnten. Zudem würden Muslime aus Ländern wie Afghanistan und Pakistan ihre Angehörigen aus pragmatischen Gründen hier bestatten lassen. Der türkischstämmige Bestatter prognostiziert, dass sich künftig immer mehr Muslime mit Wurzeln in der Türkei für eine Beisetzung hierzulande entscheiden werden. Denn eine der wesentlichen Hürden, die Sargpflicht, sei ja aufgehoben. Er selbst ist noch unentschlossen, wo er sich bestatten lassen will. „Wegen meiner Kinder wäre es sinnvoller, wenn mein Grab hier wäre“, sagt der dreifache Vater.

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