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Musikwissenschaft zum Erleben : Von den Meistersängern verführt

Komm auf die Schaukel: Ulrike Kienzle in ihrem Garten Bild: Wonge Bergmann

Dozentin, Kuratorin, Dramaturgin und Publizistin: Ulrike Kienzle ist zur Musikwissenschaftlerin vom Dienst für das Rhein-Main-Gebiet avanciert.

          3 Min.

          Wer ihre wissenschaftlichen Publikationen und die von ihr herausgegebenen Bücher und Notenbände mitsamt diverser Ausstellungskataloge auf einmal wegschleppen will, hat schwer zu tragen: Fleiß und Output der Musikpublizistin und Forscherin Ulrike Kienzle sind groß. Die zunächst angestrebte Karriere als ordentliche Professorin an der Goethe-Universität hat die Privatdozentin nach Jahren als Vertretungsprofessorin dort zwar letztlich nicht gemacht, doch ist sie in Frankfurt und Umgebung freischaffend zur Musikwissenschaftlerin vom Dienst geworden.

          Guido Holze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          In den vergangenen Jahren hat Kienzle bei ihrer publizistischen Arbeit Wert auf Themen mit Lokalbezug gelegt. So kuratierte sie 2019 die Ausstellung „Clara Schumann – Eine moderne Frau im Frankfurt des 19. Jahrhunderts“ im Institut für Stadtgeschichte. Schon zum Schumann-Jahr 2010 hatte sie sich im Auftrag der Frankfurter Bürgerstiftung im Holzhausenschlösschen und der Schumann-Gesellschaft mit dem Künstlerehepaar Robert und Clara Schumann sowie ihren Beziehungen zu Frankfurt beschäftigt. Umfassend, wie ihr 207 Seiten starker Band zum Thema belegt, im Vergleich zu Kienzles späteren Schriften im Verlag der Bürgerstiftung aber noch kompakt.

          Geboren wurde sie 1960 in Wiesbaden als Tochter musikalisch nicht vorbelasteter Eltern. Aber sie sei für Musik schon immer sehr empfänglich gewesen, erzählt Kienzle. Als Jugendliche kam sie durch Eigeninitiative zur klassischen Musik. Denn für die habe sich damals an ihrer Schule, einem Gymnasium in Groß-Gerau, sonst niemand interessiert. Als eine Art Erweckungserlebnis schildert Kienzle einen Besuch in der Oper Frankfurt. Sie sei 14 Jahre alt gewesen, als sie dort „Die Meistersinger von Nürnberg“ von Richard Wagner gesehen und am Ende des prächtigen Vorspiels das Gefühl gehabt habe, dass damit auch der Vorhang zu ihrem weiteren Leben aufgegangen sei.

          Musik als eine „verwandelnde Erfahrung“

          Mit 16 Jahren und damit relativ spät fing sie an, Klavier zu spielen. Sie las Goethe und Shakespeare und wollte Dramaturgin werden, um anderen Menschen erklären zu können, „warum mich Musik so faszinierte“. Besonders hingezogen fühlte sie sich zum Werk Richard Wagners. Er entwickele als Dichter-Komponist „Urbilder des Menschseins“ und verbinde philosophische Gedanken mit der „Überwältigungskraft“ seiner Musik sowie mit Text und Szene immer wieder zu einem intellektuellen Abenteuer.

          Welche Botschaften hinter oder in der Musik steckten, habe sie stets besonders interessiert. Dabei könne es für sie um Trauer, Freude, Verlassensein oder Transzendenz gehen. Für jeden, der sich darauf einlasse, könne ein Musikerlebnis eine „verwandelnde Erfahrung“ sein. Nach weiteren prägenden Erfahrungen dieser Art bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth, wo Kienzle noch den „Jahrhundert-Ring“ in der Inszenierung von Patrice Chéreau sah, begann sie 1979 an der Goethe-Universität in Frankfurt Neuere deutsche Literaturwissenschaft im Hauptfach sowie Musikwissenschaft und Philosophie in den Nebenfächern zu studieren. Ihre Magisterarbeit beschäftigte sich mit Schopenhauers Einfluss auf Wagners „Parsifal“, einem Thema, zu dem Kienzle weitere Publikationen veröffentlicht hat, bis hin zu ihrer Habilitation über „Religion und Philosophie in Richard Wagners Musikdramen“, die 2005 erschien.

          Selbsterfahrung mit Yoga

          Über ihre Beschäftigung mit Wagner und Schopenhauer, die sich früh mit altindischer Hochkultur und dem Buddhismus auseinandersetzten, kam Kienzle zum Yoga. Wer ihren Namen in eine Internetsuchmaschine eingibt, stößt sogleich auf Fotos und Seiten, die sie als erfahrene Lehrerin mit eigenem Studio ausweisen. Über das Gesundheitstraining hinaus sei ihr am Yoga die Selbsterfahrung wichtig, sagt sie – die Erfahrung des Einsseins und der Ganzheit des Menschseins. „Tönendes Nirvana“ heißt ein für ihr Musikverständnis typischer Aufsatz, in dem es um die „Aufhebung der Zeit“ in Wagners „Tristan“ und „Parsifal“ geht. Erschienen ist er in einem Band zum Thema „Wagner und der Buddhismus“.

          Interdisziplinäres Arbeiten sieht Kienzle als ihre Stärke. Sie habe gemerkt, dass das rein akademische Lehren und Forschen diesem Ansatz nicht ganz entsprach: „Ich wollte immer auch eine Brücke sein für Menschen, die gerne ins Konzert oder in die Oper gehen.“ Mit fundierten Programmheft-Texten etwa für Konzerte des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters kommt sie dem nach, ebenso mit Vorträgen und vielfältigem Engagement, etwa als Dramaturgin der neu gegründeten Brentano-Akademie in Aschaffenburg.

          Im Deutschen Romantikmuseum in Frankfurt, das 2021 eröffnet werden soll, ist sie als Ko-Kuratorin für Musik zuständig und war am spektakulären Erwerb von Robert Schumanns Skizzen-Manuskript der „Faust-Szenen“ beteiligt, denen die Alte Oper nach derzeitiger Planung im April 2021 ein Festival widmen wird. Ein nächstes Frankfurter Wunschprojekt hat Kienzle aber auch schon: ein kleines, vielleicht nur aus einem einzigen Raum bestehendes Museum, in dem Frankfurter Musikgeschichte virtuell erlebbar würde. Darin ginge es etwa um Telemann, Mendelssohn und den Cäcilien-Verein, Clara Schumann, Paul Hindemith und Franz Schreker. „Frankfurt ist als Musikstadt unterschätzt“, bedauert Kienzle.

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