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„Musikgemeinde“ : Neuzugang Roland ein „Glückstreffer“ für Nauheim

  • -Aktualisiert am

Durchblick: Gerald Püchner prüft die Bohrung, die für den Klang in seinen Instrumenten sorgt Bild: Kaufhold, Marcus

Nauheim war jahrzehntelang ein deutsches Zentrum des Musikinstrumentenbaus. Doch produziert wird in der Gemeinde kaum noch, auch wenn sich in Gestalt des Unternehmens Roland wieder ein Instrumentenhersteller ansiedelt.

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          Altes Holz ist sein Kapital. In der Werkstatt hinter Gerald Püchners Einfamilienhaus in Nauheim lagern Dutzende Stapel von Holz, das teilweise drei Jahrzehnte alt ist. Er habe das aus dem früheren Jugoslawien stammende Holz als Lehrling in seinem Familienbetrieb selbst eingelagert. „Damals hat Tito noch gelebt“, sagt Püchner mit einem Lachen. Durch die lange Lagerung werde der Rohstoff natürlich getrocknet, sagt Püchner. Mindestens zehn Jahre müsse es liegen, damit daraus hochwertige Holzinstrumente gebaut werden könnten. Anderenfalls könne das Holz schnell reißen.

          29 Angestellte verarbeiten das Holz zu Fagotten, Oboen und Klarinetten. Im Erdgeschoss des Hauses stehen die Werkbänke der Mitarbeiter, die dort zum Beispiel Klappen aus Sterlingsilber an die Fagotte montieren. In den oberen Etagen wohnt die Familie. Jedes Instrument ist Handarbeit. 120 Fagotte, 40 Oboen und zehn Klarinetten fertigten die Instrumentenbauer im Jahr an, sagt Inhaber Püchner, der das Familienunternehmen zusammen mit seiner Schwester Gabriele Nilsson-Püchner in der vierten Generation leitet. Bis zu zwölf Monate dauere der Bau eines Instruments. Zwischen 12.000 Euro und 30.000 Euro koste ein Fagott. Zu seinen Kunden gehörten die großen Orchester und Solofagottisten der Welt. Aus Amerika und Australien kämen die Kunden für einen Tag, um die Instrumente anzublasen.

          „Chinesen erreiche unsere Qualität nicht“

          Die Konkurrenz aus China, die viele deutsche Instrumentenhersteller unter Druck gesetzt hat, sieht Püchner nicht als Gefahr. „Unsere Qualität erreichen die chinesischen Hersteller nicht.“ Deutsche Unternehmen wie der in Wiesbaden beheimatete Familienbetrieb Heckel seien die eigentlichen Wettbewerber.

          Seit mehr als 100 Jahren stellt die Familie Püchner Instrumente her. Angefangen hat die Unternehmensgeschichte aber nicht in Hessen, sondern im böhmischen Graslitz. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Familie von dort vertrieben. In Nauheim konnte sie ihr Handwerk wiederaufnehmen, so wie viele Instrumentenhersteller aus dem Egerland und dem Erzgebirge. Der erste Nachkriegsbürgermeister, Heinrich Kaul, setzte sich damals dafür ein, dass sich vertriebene Instrumentenbauer in der Gemeinde niederließen. Bis 1949 waren es etwa 20 Betriebe. Bis in die sechziger Jahre wuchs die Zahl weiter. Die Musikindustrie zahlte zeitweise mehr als die Hälfte der Gewerbesteuer.

          Doch von der Blüte der Musikindustrie ist nicht mehr viel übrig in Nauheim, auch wenn man im Rathaus noch mit Stolz von der „Musikgemeinde“ spricht. In den achtziger und neunziger Jahren schlossen immer mehr Betriebe. Der letzte große Name, der aus Nauheim verschwand, war der Klarinetten- und Saxophonhersteller Schreiber&Keilwerth, der im Jahr 2010 Insolvenz anmeldete und die Zentrale in Nauheim schloss.

          Andere Unternehmen haben ihren Sitz in Nauheim behalten, die Produktion jedoch verlagert, so wie der Musikkoffer-Hersteller Jakob Winter. Nach der Wende 1990 kaufte das Unternehmen eine Fabrik in Sachsen, baute sie aus und produziert seitdem fast nur noch dort. Lediglich Sonderanfertigungen werden in Nauheim gebaut.

          Von den einst vielen Instrumentenherstellern in der Gemeinde ist nur noch eine Handvoll übrig geblieben. Ein Großteil sind Ein-Mann-Betriebe wie die Werkstatt des Geigenbaumeisters Franz Wilfer. Auf Bestellung stellt er Geigen, Celli und Bässe her. Der letzte Auftrag für einen Neubau liege aber schon zwei Jahre zurück, sagt er. Wilfer verdient sein Geld hauptsächlich mit der Reparatur von Streichinstrumenten. Transportschäden wie Risse, abgestoßene Ränder und Lackkratzer bessere er aus. Obwohl er merke, dass die Orchester Kosten senken müssten und Reparaturen deshalb hinauszögerten, sei die Auftragslage gut.

          „Zweifelsohne ein Stück verlorene Identität“

          Und es gibt einen Neuzugang in der „Musikgemeinde“: Am Wochenende hat Roland seine neue Deutschland-Zentrale in Nauheim eröffnet. 50 Mitarbeiter werden fortan dort arbeiten. Bisher wurde das Deutschlandgeschäft von Hamburg aus gesteuert. Roland bezeichnet sich als weltweit führenden Hersteller elektronischer Musikinstrumente wie Keyboards und Synthesizer.

          Für Bürgermeister Jan Fischer (CDU) ist die Ansiedlung des Unternehmens ein Glückstreffer, der der Gemeinde „zweifelsohne ein Stück verlorene Identität“ wiedergebe. Neben der verkehrsgünstigen Lage und dem vorhandenen Wissen im Ort, wie Instrumente gefertigt und verkauft werden, sei aber wohl auch der niedrige Gewerbesteuersatz ein wichtiger Standortvorteil für Roland gewesen, sagt Fischer.

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