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Musikerin Natalia Mateo : Jazzblüten mit tiefen Wurzeln

  • -Aktualisiert am

Paneuropäische Musik, die verbindet: Natalia Mateo. Bild: Mateo

Das Fremdsein kennt sie, nicht nur deshalb macht Natalia Mateo Musik, die ihrer Seele guttut. Und immer mehr Leute finden das großartig. Jetzt ist sie mit ihrer Band in Mainz zu Gast.

          Man könnte meinen, dass mittlerweile alle möglichen musikalischen Fusionen hinlänglich ausgelotet sind. Jazzmusiker haben sich mit lateinamerikanischen und orientalischen Traditionen beschäftigt, afrikanische Überlieferungen haben Blues, Soul und Pop beeinflusst, schmetternde Bläserfanfaren den Balkan international akustisch verankert. Abseits der gewohnten akustischen Globalisierung finden sich Verbindungen, die bislang eher selten vollzogen wurden. Sie können gleichzeitig überraschend selbstverständlich und spannend klingen. So wie bei Natalia Mateo, die mit ihrem Quintett unter anderem slawische Lieder in aktuelle Jazz- und Songwriter-Ästhetik überführt.

          Auf ihrem Debütalbum „You“ von 2013 singt Mateo selbstgeschriebene Stücke mit englischen Texten sowie überlieferte Lieder auf Polnisch. Die kleidet die Band in individuelle Arrangements, die konventionelle Folklore entschieden hinter sich lassen. Zwischen anrührenden Balladen und variablen Improvisationen finden sich live neuerdings auch Anklänge an fernöstlichen Minimalismus oder aktuelle amerikanische Souljazz-Ästhetik.

          Immer wieder woanders

          Eingängige und ungewöhnliche Melodielinien werden von ungeraden Metren oder Breakbeats im Stil des elektronischen Drum & Bass beflügelt. „Zudem haben wir uns ein paar internationale Songs angeeignet, die wir lustig finden“, sagt Mateo vieldeutig lächelnd.

          Die klangvolle west-östliche Vereinigung ist nicht ausgedacht, sondern reflektiert Natalia Mateos persönliche Geschichte. 1983 wurde sie als Tochter eines klassischen Sängers in Warschau geboren, mit vier Jahren zog sie für ein Jahrzehnt nach Österreich. In diesen Jahren lernte Mateo Klavier, Geige und ein wenig Gitarre, dann kehrte sie nach Polen zurück. Mit 22 zog sie nach Berlin, wo sie sich mehr auf Gesang konzentrierte und nebenbei einen Master in Kulturwissenschaften abschloss. „Anfangs studierte ich in Berlin am European College of Liberal Arts“, erinnert sich Mateo an ihre Anfänge, „dadurch kam ich 2007 zu einer Tournee durch die Vereinigten Staaten. Wir reisten mit einer neunköpfigen Band wochenlang herum und spielten eine Mischung aus Jazz, Blues und Folk. Dabei traten wir teilweise bei prominenten Leuten wie Tennis-Star Pam Shriver auf. Das war ziemlich abenteuerlich.“

          2011 musste Natalia Mateo wieder einmal alles stehen und liegen lassen, um an der Hochschule Osnabrück Gesang zu studieren. „Durch die Intensität der Arbeit kam ich allerdings recht bald dort richtig an“, erinnert sich Mateo. „Als sich die Band an der Uni zusammenfand, war ich erstmals innerlich so gelassen, dass ich die Dinge nicht mit Hochdruck vorantreiben musste.“ Gemeinsam mit Fabian Ristau am Schlagzeug, Bassist Christopher Bolte, Gitarrist Dany Ahmad, Simon Grote am Klavier und Trompeter Gregor Lener entwickelt Mateo jenen charakteristischen Stil, der zunehmend mehr Resonanz bei Publikum und professionellen Beobachtern findet. „Ich merkte während des Studiums, dass meine Seele immer noch am meisten auf slawische Musik reagiert“, stellt Mateo fest. „Umso mehr freut mich natürlich, dass solche Lieder beim Publikum besonders gut ankommen.“

          Dynamik bei den leisen Tönen

          Aktuelle Bezüge für Natalia Mateos Folk-Jazz-Mix sind relativ rar, abgesehen von der in Polen hochgeschätzten Ana Maria Jopek. Der dortige Jazz hat eine lange Tradition und diente zu Zeiten des real existierenden Sozialismus auch als politisch aufgeladener Ruf nach Freiheit und Selbstverwirklichung. „In den Jahren nach dem Mauerfall ist der polnische Jazz zunächst sehr abgeflacht“, sagt Mateo, „seit einiger Zeit kommt er aber wieder. Polen haben einen starken Bezug zu ihren Traditionen. Diese waren sehr identitätsstiftend, weil der Staat im Lauf seiner Geschichte dreimal von der Landkarte verschwunden ist.“ Ihren eigenen paneuropäischen Lebenslauf empfindet Mateo mittlerweile als Bereicherung, selbst wenn sie in manchen Situationen eine Art „Fremdsein“ beschleicht. „Ein großer Teil von mir kommt oft von woanders her, aber das geht in der Globalisierung vielen Menschen so.“

          Letztlich sei die größere Perspektive doch ein echter Vorteil. „Sie relativiert den Standpunkt, den man bis dahin hatte. Angeblich osteuropäische Stereotypen wie Emotionalität und Impulsivität habe ich früher als Belastung empfunden. Dabei ist diese Gefühlstiefe natürlich etwas Tolles, auch wenn sie von Akademikern oft abgewertet wird.“ Zweifellos spricht Natalia Mateo damit vielen Menschen aus dem Herzen. Dafür spricht jedenfalls der Erfolg ungestümer Sinti- und Roma-Bands, dramatischer Flamenco- oder Fado-Stimmen. Verglichen mit deren Pathos, klingt Mateos Gesang absichtsvoll dezenter. Dynamik ist ihr besonders in Richtung leiser Töne wichtig, ebenso feine Details in der Phrasierung. Auftrumpfendes Soul- oder Klassik-Schmettern empfindet Natalia Mateo als „Leistungssport“, lieber singe sie ruhige Balladen, „weil sie Raum lassen für Nuancen und Atmosphären, die zwischen den Zeilen stehen“.

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