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Musiker Shantel im Gespräch : „Frankfurt war für mich die perfekte Spielwiese“

Star aus Frankfurt: Stefan Hantel hat seine Weltkarriere in einem Club im Bahnhofsviertel begonnen. Bild: Esra Klein

Als Shantel hat der 1968 geborene Musiker Stefan Hantel den „Balkan-Pop“ erfunden und von Frankfurt aus eine Weltkarriere gestartet. Dabei hat ihn auch sein familiärer Hintergrund stark beeinflusst.

          8 Min.

          Wo konnte Ihr Publikum Sie zuletzt bei einem Auftritt erleben?

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Vor kurzem war ich in Athen. Der französische Staatspräsident Hollande war zeitgleich mit uns in derselben Location, um sich mit dem griechischen Ministerpräsidenten Tsipras - ganz werbewirksam - auf einem Konzert zu treffen. Das war ein sehr bizarrer Zufall, alles war abgesperrt und voller Sicherheitsleute. Wir haben dann aber so laut gespielt, dass die ganze Delegation ziemlich schnell wieder abgedampft ist.

          Es heißt, Sie absolvieren 300 Auftritte im Jahr. Wie schaffen Sie das?

          Auftritte sind mein Beruf. Und der macht mir sehr viel Freude. Vor Publikum zu spielen oder etwas zu inszenieren, das ist für mich ganz normal.

          Wo spielen Sie?

          Überall auf der Welt. Von Kanada über Japan, Russland, Ukraine und Türkei bis hin zu den europäischen Ländern.

          Wer kommt zu Ihren Konzerten?

          Junge Leute, viele Studenten. Aber es ist den Besuchern auch nicht peinlich, ihre Eltern oder Großeltern mitzubringen.

          Sie sind ein Star mit weltweiten Auftritten. Nur in Frankfurt scheint man das noch nicht richtig bemerkt zu haben. Fühlen Sie sich als der Prophet, der nichts im eigenen Lande gilt?

          Nein, so würde ich das nicht sagen. Alles was ich mache, hat seinen Ursprung in Frankfurt. Frankfurt war für mich immer die perfekte Spielwiese, um etwas auszuprobieren. Als ich damals im Schauspiel unter der Intendantin Elisabeth Schweeger mit dem „Bucovina-Club“ anfing, habe ich komplette Narrenfreiheit bekommen. Ob meine Idee „Tradition trifft auf Moderne“ funktioniert, wusste man damals noch nicht. Das war ein Experiment.

          Hatten Sie nicht schon zuvor Erfahrung in Ihrem Club im Bahnhofsviertel gesammelt?

          Als ich und meine Freunde Ende der achtziger Jahre an der Kaiserstraße mit dem Club „Lissania Essay“ anfingen, setzten wir auf eine Kreuzung von Roots-Musik zum Beispiel aus Nordafrika oder Brasilien mit moderner elektronischer Musik. Das war die neue Club-Kultur und kein Mainstream.

          Was bedeutete „Lissania Essay“?

          „Lissania“ hieß das Gründerzeit-Haus, in dem der Club Räume hatte. Dort hatten dubiose Import-Export-Firmen ihren Sitz. Wir hatten eine Etage angemietet, die wir mit einem eritreischen Café teilten. Veranstaltungen machten wir am Wochenende. „Essay“ nannten wir den Club, weil wir nicht nur Disko und Party, sondern auch Lesungen und kleine Kunstaktionen plazierten.

          Klingt anarchistisch.

          Als ich mit dem „Lissania Essay“ anfing, war es ein Experiment. Der Club sollte keine Institution sein. Wir wussten immer, dass es von einem Tag auf den anderen wieder vorbei sein könnte. Wir hatten keinen richtigen Vertrag, es gab keine Verbindlichkeit. Das war aber auch gut so.

          FRAGE: Von was haben Sie damals gelebt?

          ANTWORT: Ich war Student und habe Grafikdesign in Darmstadt und Kunstgeschichte in Frankfurt studiert. Eigentlich wollte ich in diesem Metier auch weitermachen. Party und Musik waren für mich eine Supererfahrung, aber irgendwie unseriös.

          Wie wurden Sie dann Musik-Profi?

          Diese Partys waren ein Treffpunkt des kulturellen Nachwuchses, der sich hier die Nächte um die Ohren geschlagen hat. Zu uns kamen zum Beispiel die ganzen Ballett-Leute von William Forsythe. Die Nächte mussten bespielt werden mit Musik. Was es auf CD und Platte gab, hat mir aber nicht gereicht.

          Wie haben Sie Ihre eigene Musik kreiert?

          Das war Zufall. Ich habe damals jemanden getroffen, der hatte ein kleines Studio. Der sagte: „Komm, wir machen mal was zusammen.“ So haben wir einen Soundtrack für die Nacht erstellt. Andere Bekannte von mir hatten gerade ein Plattenlabel gegründet. Die fanden meine Musik interessant, die ich mit Hilfe eines Mischpults, eines Synthesizers und eines Plattenspielers bei unseren Partys produzierte.

          Was war das für Musik?

          Es ging um Tanzmusik. Damals feierte in Frankfurt die Techno-Musik ihre ersten Erfolge. Wir im „Lissania“ waren eine Gegenbewegung dazu, denn Techno fanden wir blöd, das war uns zu teutonisch und zu sehr Massenware. Wir wollten sinnliche Musik, Eklektizismus, ein Durcheinander der Stile.

          Gelang Ihnen das?

          1994 habe ich die erste CD produziert: Club-Guerilla. Das war ein programmatischer Titel, wir wollten ja die etablierte Clubkultur unterwandern. Die Auflage lag bei 500 Stück. Nach drei Wochen wurden 1000 nachgepresst. Und noch einmal eine Woche später kam die erste Anfrage für einen Auftritt, aus Wien von einem Radiosender.

          Was wollten die Wiener von Ihnen?

          Die sagten, sie veranstalteten ein Festival und würden mich gerne engagieren. „Was soll ich denn machen?“, fragte ich. „Mach ein Konzert“, lautete die Antwort. „Hab ich noch nie gemacht“, wandte ich ein. „Dann ist es halt das erste Mal“, erwiderten die Radio-Leute. Und so gab ich in Wien mein erstes Konzert.

          Wie lief’s?

          Technisch war diese erste Show eine Katastrophe. Nichts hat so funktioniert, wie ich es mir vorgestellt hatte. Aber ich kam gut an.

          Begann damit Ihre Weltkarriere?

          Ja, ich begann, die Treppe hoch zu fallen.

          Und Ihr Studium?

          Grafikdesign hatte für mich schon Substanz. Aber im Studium langweilte ich mich. Viel mehr habe ich bei meinem Vater gelernt, bei dem ich gejobbt habe. Der war Gebrauchsgrafiker und machte Werbekampagnen für Firmen. Mir war aber klar: Ich will kein Gebrauchsgrafiker sein und für einen Autokonzern eine neue Kampagne erfinden.

          War Musikmachen die Alternative?

          Musik hatte für mich Elektrizität. Nach meiner Wien-Show kam eine Anfrage von einem Label aus Berlin, die wollten meine CD international veröffentlichen. Mit den Berlinern machte ich meinen ersten Plattenvertrag und nahm mein zweites Album auf. Danach kamen Anfragen aus New York, aus Frankreich und anderen Ländern. Auf einmal war ich voll im Geschäft.

          War das wie im Märchen?

          Ich habe mir immer gesagt: Das machst du jetzt ein Jahr lang, dann schließt du dein Studium ab. Aber es kamen immer neue Einladungen und Projekte. Sechs, sieben Jahre lang habe ich intensiv weitergemacht. Ich flog durch die Welt und absolvierte überall meine Shows, fand das super, lernte auch eine Menge. Aber bald merkte ich, dass mir irgendetwas fehlte.

          Was?

          Meine Musik war einfach noch nicht rund. Sie war stark vom anglo-amerikanischen Club-Sound geprägt. Englische Texte, eine am westlichen Pop orientierte Klangästhetik. Ich sagte mir: Du bist ein Künstler aus Deutschland, aus Frankfurt. Die Musik, die du machts, ist nicht ganz deine Geschichte. Wenn ich die coolen Kollegen aus London oder New York traf, musste ich mir eingestehen: Diese Jungs sind dir immer einen Schritt voraus, weil die diesen anglo-amerikanischen Stil eins zu eins repräsentieren.

          Wollten Sie einen Frankfurter Weg gehen?

          Ich wollte Musik machen, die mit meiner Identität zu tun hat. Bisher hatte ich mich auf einen Stil draufgesetzt und war in der Welle drin. Aber es war nicht wirklich meine Story.

          Wie fanden Sie Ihre ganz eigene Musik?

          Durch Zufall bin ich über Festivals in Tel Aviv gelandet. 1996 oder 1997. Die Stadt fand ich spannend, und ich entschloss mich, länger zu bleiben. Mich hat dort das Zusammentreffen von osteuropäischer Musik, die etwa die Einwanderer aus den früheren Ostblockstaaten mitgebracht hatten, und westlicher Musik beeindruckt. Das war die musikalische Würze, die mir immer gefehlt hatte.

          Ihre Mutter kommt aus Osteuropa.

          Ja, aus der Bukowina. Aber dieser Teil der Familiengeschichte war für mich recht nebulös, ich kannte ihn nur aus Erzählungen, die von Melancholie geprägt waren. Meine Mutter hatte ja diesen imaginären Herkunftsort der Familie, diese Stadt Czernowitz in der Bukowina, verloren.

          Was wussten Sie über die Bukowina?

          Nichts. Aber ich dachte, da musst du unbedingt mal hin.

          Und sind Sie hingereist?

          Ein russischer Freund in Tel Aviv wollte mich für einen Auftritt in Moskau und Kiew gewinnen. „Nur, wenn wir auch nach Czernowitz fahren“, sagte ich. Dann sind wir tatsächlich mit dem Propellerflugzeug nach Lemberg geflogen und mit dem Auto nach Czernowitz weitergefahren. Dort sind wir irgendwann morgens um 4 Uhr angekommen.

          Wie hat die Traumstadt ausgesehen?

          Sie wirkte auf mich wie ein Kulturschock. Die Stadt ist im Krieg wenig zerstört worden, ihre Architektur in der Altstadt ist wunderbar pittoresk. Aber ich empfand Czernowitz als tot, nur noch als Skelett vorhanden. Man sah an den aufgegebenen Kirchen und Synagogen, dass hier viele Nationalitäten gelebt hatten. Aber die Bevölkerung ist nach dem Krieg komplett ausgetauscht worden, heute ist Czernowitz eine rein russischsprachige Stadt in der Ukraine. Die Juden waren noch im Krieg auf die Todesmärsche nach Transnistrien geschickt worden. Die bürgerliche Intelligenzia aus Ukrainern, Rumänen, Österreichern und Deutschen ist vor Stalins Truppen abgehauen oder kam ins Arbeitslager. Meine Großeltern gingen nach Rumänien.

          Was suchten Sie in Czernowitz?

          Das Haus meiner Großeltern. Ich habe mir die Adresse besorgt und bin hingegangen. Die russische Familie dort hat uns ins Wohnzimmer eingeladen. Ich rief auf einem der ersten Mobiltelefone aufgelöst meine Mutter an und sagte: „Ich bin jetzt in dem Haus deiner Eltern.“ Da kam mein russischer Freund und sagte: „Wir sind im falschen Haus.“ Wir verabschiedeten uns, suchten das richtige Haus und ich rief noch mal meine Mutter an.

          Warum haben Sie danach Ihr Projekt im Schauspiel Frankfurt „Bukovina Club“ genannt?

          Als ich nach meiner Reise durch die Bukowina und andere Balkanstaaten nach Frankfurt zurückkam, wusste ich: Ich kann nicht weitermachen wie vorher und gepflegte Unterhaltungselektronik mit exotischen Einflüssen spielen. Die Jacke passte nicht mehr.

          Wollten Sie sich einen eigenen musikalischen Anzug schneidern?

          Genau. Deshalb nahm ich mir vor, die tote Hülle, die ich in der Bukowina und in Czernowitz gefunden hatte, neu mit Leben zu erfüllen. Für mich war das die Gelegenheit, an einem kontinentaleuropäischen Sound zu stricken. Frankfurt war dafür die perfekte Stadt.

          Warum ausgerechnet Frankfurt?

          In Frankfurt konnte ich bei meinen Sound-Experimenten immer mehr wagen als in Berlin oder in Hamburg. In dieser besonders internationalen Stadt konnte ich auf Partys problemlos ein arabisches Bauchtanz-Stück spielen. In Berlin haben sie da sofort gesagt: Das geht nicht, das ist Hippie-Musik.

          Ihre Musik trägt den Aufkleber „Balkan-Pop“. Was hat Arabien mit dem Balkan zu tun?

          Der Begriff „Balkan-Pop“ ist Etikettenschwindel. Das war mir damals aber sehr recht. Denn du brauchst für eine neue Idee eine griffige Formel. Auf „Balkan-Pop“ konnten sich alle einigen, als das Projekt um 2002 anfing.

          Meinen Sie den „Bukovina Club“ im Schauspiel Frankfurt?

          Ende 2001 fand dort die Premiere von Peter Greenaways Stück „Gold“ über Nazi-Gold in der Schweiz statt. Das Schauspiel wollte von mir dazu eine klezmerartige jüdische Musik. Ich sagte: „Das mache ich nicht.“ Wenn überhaupt, kommt für mich nur ein Crossover der Stile in Frage. Ich ließ das kalte Theaterfoyer mit Stoffen zu einem Bazar-Zelt umbauen. Bei der Premierenparty mischte ich Aufnahmen von Blaskapellen mit meiner Musik zusammen, und es ging an diesem Abend voll durch die Decke. Das war die Initialzündung zum „Bukovina Club“.

          Weshalb?

          Theaterintendantin Schweeger sagte: „Mach das doch jeden Monat.“ Bei diesen Auftritten habe ich dann den „Balkan-Pop“ erfunden.

          Den Sound mit serbischer Blasmusik?

          Ich habe tatsächlich eine serbische Blaskapelle aus 15 Roma eingeladen und habe mit ihr im Studio des Hessischen Rundfunks Aufnahmen gemacht. Der Tontechniker sagte erschrocken zu mir: „Die können doch gar nicht spielen, da ist doch alles verstimmt.“ Ich habe ihm geantwortet: „Genau so soll’s sein.“

          Wollen Sie Extreme aufeinander krachen lassen?

          Ja. Bei mir trifft die Metropole auf die Provinz.

          Woher kennen Sie als Frankfurter die Balkan-Musik?

          Meine Großmutter hatte eine Schallplatten-Sammlung aus dem damals kommunistischen Rumänien mit Folklore. Der Sound ist mir im Ohr, weil meine Mutter am Wochenende immer diese Platten aufgelegt hat. Sie ist übrigens nicht in Czernowitz zur Welt gekommen, sondern 1947 in einem Camp für Displaced Persons in der Nähe von Linz. Die Familie wollte nach Amerika und blieb hier hängen.

          Man hört in Ihrer Musik auch viele griechische Elemente. Warum?

          Als Kinder sind wir in den Ferien häufig mit meinem griechischen Großvater mit dem Auto nach Griechenland gefahren. Er war ein Gastarbeiter. Während der Fahrt lief immer sehr orientalisch-byzantinisch angehauchte griechische Musik. Sie hat mich ebenfalls geprägt.

          Warum finden denn bio-deutsche Menschen ohne balkanischen Hintergrund oder Franzosen und Amerikaner Ihren „Balkan-Pop“ gut?

          Es gibt auch Musik aus Kuba, die in Nordwesteuropa erfolgreich ist. Der Erfolg des „Bukovina Club“-Sounds hängt damit zusammen, dass von 1991 an nach dem Zusammenbruch des Kommunismus ein gewisses musikalisches Vakuum entstanden ist. Die „Bukovina Club“-Musik war der Soundtrack für das vereinte Europa. Sie ist frisch, anarchisch und nicht angloamerikanisch.

          Haben Sie den guten alten Pop besiegt?

          Das alte Rock-Pop-Monster ist damals zusammengebröckelt, durch das Internet und die neuen Tonträger. Auf einmal tauchte der Balkan-Sound auf und vereinte alle Szenen. Es war plötzlich alles möglich, es spielte keine Rolle, wie man tanzte, welchen Haarschnitt man trug, was man anzog. Das war völlig einerlei. Die Kids etwa aus der zweiten oder dritten Generation mit sogenanntem Migrationshintergrund sagten: Das ist unsere Musik.

          Ist der Bukovina-Sound die europäische Antwort auf den amerikanisch-englischen Pop?

          Der Bukovina-Sound hatte zumindest einen nachhaltigen Einfluss auf die kontinentale Popkultur. Er hat zum Beispiel die Blechblasinstrumente erst richtig in die Popmusik gebracht.

          Sie sind der Sohn einer geflüchteten Mutter und hatten einen Großvater aus Griechenland. Was empfinden Sie, wenn Sie die vielen Flüchtlinge sehen, die nach Europa und vor allem nach Deutschland wollen?

          Dass es sich um eine Notfall-Situation handelt, in der wir helfen müssen. Deutschland wird von ihnen profitieren.

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