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Musiker Shantel im Gespräch : „Frankfurt war für mich die perfekte Spielwiese“

Der Begriff „Balkan-Pop“ ist Etikettenschwindel. Das war mir damals aber sehr recht. Denn du brauchst für eine neue Idee eine griffige Formel. Auf „Balkan-Pop“ konnten sich alle einigen, als das Projekt um 2002 anfing.

Meinen Sie den „Bukovina Club“ im Schauspiel Frankfurt?

Ende 2001 fand dort die Premiere von Peter Greenaways Stück „Gold“ über Nazi-Gold in der Schweiz statt. Das Schauspiel wollte von mir dazu eine klezmerartige jüdische Musik. Ich sagte: „Das mache ich nicht.“ Wenn überhaupt, kommt für mich nur ein Crossover der Stile in Frage. Ich ließ das kalte Theaterfoyer mit Stoffen zu einem Bazar-Zelt umbauen. Bei der Premierenparty mischte ich Aufnahmen von Blaskapellen mit meiner Musik zusammen, und es ging an diesem Abend voll durch die Decke. Das war die Initialzündung zum „Bukovina Club“.

Weshalb?

Theaterintendantin Schweeger sagte: „Mach das doch jeden Monat.“ Bei diesen Auftritten habe ich dann den „Balkan-Pop“ erfunden.

Den Sound mit serbischer Blasmusik?

Ich habe tatsächlich eine serbische Blaskapelle aus 15 Roma eingeladen und habe mit ihr im Studio des Hessischen Rundfunks Aufnahmen gemacht. Der Tontechniker sagte erschrocken zu mir: „Die können doch gar nicht spielen, da ist doch alles verstimmt.“ Ich habe ihm geantwortet: „Genau so soll’s sein.“

Wollen Sie Extreme aufeinander krachen lassen?

Ja. Bei mir trifft die Metropole auf die Provinz.

Woher kennen Sie als Frankfurter die Balkan-Musik?

Meine Großmutter hatte eine Schallplatten-Sammlung aus dem damals kommunistischen Rumänien mit Folklore. Der Sound ist mir im Ohr, weil meine Mutter am Wochenende immer diese Platten aufgelegt hat. Sie ist übrigens nicht in Czernowitz zur Welt gekommen, sondern 1947 in einem Camp für Displaced Persons in der Nähe von Linz. Die Familie wollte nach Amerika und blieb hier hängen.

Man hört in Ihrer Musik auch viele griechische Elemente. Warum?

Als Kinder sind wir in den Ferien häufig mit meinem griechischen Großvater mit dem Auto nach Griechenland gefahren. Er war ein Gastarbeiter. Während der Fahrt lief immer sehr orientalisch-byzantinisch angehauchte griechische Musik. Sie hat mich ebenfalls geprägt.

Warum finden denn bio-deutsche Menschen ohne balkanischen Hintergrund oder Franzosen und Amerikaner Ihren „Balkan-Pop“ gut?

Es gibt auch Musik aus Kuba, die in Nordwesteuropa erfolgreich ist. Der Erfolg des „Bukovina Club“-Sounds hängt damit zusammen, dass von 1991 an nach dem Zusammenbruch des Kommunismus ein gewisses musikalisches Vakuum entstanden ist. Die „Bukovina Club“-Musik war der Soundtrack für das vereinte Europa. Sie ist frisch, anarchisch und nicht angloamerikanisch.

Haben Sie den guten alten Pop besiegt?

Das alte Rock-Pop-Monster ist damals zusammengebröckelt, durch das Internet und die neuen Tonträger. Auf einmal tauchte der Balkan-Sound auf und vereinte alle Szenen. Es war plötzlich alles möglich, es spielte keine Rolle, wie man tanzte, welchen Haarschnitt man trug, was man anzog. Das war völlig einerlei. Die Kids etwa aus der zweiten oder dritten Generation mit sogenanntem Migrationshintergrund sagten: Das ist unsere Musik.

Ist der Bukovina-Sound die europäische Antwort auf den amerikanisch-englischen Pop?

Der Bukovina-Sound hatte zumindest einen nachhaltigen Einfluss auf die kontinentale Popkultur. Er hat zum Beispiel die Blechblasinstrumente erst richtig in die Popmusik gebracht.

Sie sind der Sohn einer geflüchteten Mutter und hatten einen Großvater aus Griechenland. Was empfinden Sie, wenn Sie die vielen Flüchtlinge sehen, die nach Europa und vor allem nach Deutschland wollen?

Dass es sich um eine Notfall-Situation handelt, in der wir helfen müssen. Deutschland wird von ihnen profitieren.

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