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Musiker Shantel im Gespräch : „Frankfurt war für mich die perfekte Spielwiese“

Wie fanden Sie Ihre ganz eigene Musik?

Durch Zufall bin ich über Festivals in Tel Aviv gelandet. 1996 oder 1997. Die Stadt fand ich spannend, und ich entschloss mich, länger zu bleiben. Mich hat dort das Zusammentreffen von osteuropäischer Musik, die etwa die Einwanderer aus den früheren Ostblockstaaten mitgebracht hatten, und westlicher Musik beeindruckt. Das war die musikalische Würze, die mir immer gefehlt hatte.

Ihre Mutter kommt aus Osteuropa.

Ja, aus der Bukowina. Aber dieser Teil der Familiengeschichte war für mich recht nebulös, ich kannte ihn nur aus Erzählungen, die von Melancholie geprägt waren. Meine Mutter hatte ja diesen imaginären Herkunftsort der Familie, diese Stadt Czernowitz in der Bukowina, verloren.

Was wussten Sie über die Bukowina?

Nichts. Aber ich dachte, da musst du unbedingt mal hin.

Und sind Sie hingereist?

Ein russischer Freund in Tel Aviv wollte mich für einen Auftritt in Moskau und Kiew gewinnen. „Nur, wenn wir auch nach Czernowitz fahren“, sagte ich. Dann sind wir tatsächlich mit dem Propellerflugzeug nach Lemberg geflogen und mit dem Auto nach Czernowitz weitergefahren. Dort sind wir irgendwann morgens um 4 Uhr angekommen.

Wie hat die Traumstadt ausgesehen?

Sie wirkte auf mich wie ein Kulturschock. Die Stadt ist im Krieg wenig zerstört worden, ihre Architektur in der Altstadt ist wunderbar pittoresk. Aber ich empfand Czernowitz als tot, nur noch als Skelett vorhanden. Man sah an den aufgegebenen Kirchen und Synagogen, dass hier viele Nationalitäten gelebt hatten. Aber die Bevölkerung ist nach dem Krieg komplett ausgetauscht worden, heute ist Czernowitz eine rein russischsprachige Stadt in der Ukraine. Die Juden waren noch im Krieg auf die Todesmärsche nach Transnistrien geschickt worden. Die bürgerliche Intelligenzia aus Ukrainern, Rumänen, Österreichern und Deutschen ist vor Stalins Truppen abgehauen oder kam ins Arbeitslager. Meine Großeltern gingen nach Rumänien.

Was suchten Sie in Czernowitz?

Das Haus meiner Großeltern. Ich habe mir die Adresse besorgt und bin hingegangen. Die russische Familie dort hat uns ins Wohnzimmer eingeladen. Ich rief auf einem der ersten Mobiltelefone aufgelöst meine Mutter an und sagte: „Ich bin jetzt in dem Haus deiner Eltern.“ Da kam mein russischer Freund und sagte: „Wir sind im falschen Haus.“ Wir verabschiedeten uns, suchten das richtige Haus und ich rief noch mal meine Mutter an.

Warum haben Sie danach Ihr Projekt im Schauspiel Frankfurt „Bukovina Club“ genannt?

Als ich nach meiner Reise durch die Bukowina und andere Balkanstaaten nach Frankfurt zurückkam, wusste ich: Ich kann nicht weitermachen wie vorher und gepflegte Unterhaltungselektronik mit exotischen Einflüssen spielen. Die Jacke passte nicht mehr.

Wollten Sie sich einen eigenen musikalischen Anzug schneidern?

Genau. Deshalb nahm ich mir vor, die tote Hülle, die ich in der Bukowina und in Czernowitz gefunden hatte, neu mit Leben zu erfüllen. Für mich war das die Gelegenheit, an einem kontinentaleuropäischen Sound zu stricken. Frankfurt war dafür die perfekte Stadt.

Warum ausgerechnet Frankfurt?

In Frankfurt konnte ich bei meinen Sound-Experimenten immer mehr wagen als in Berlin oder in Hamburg. In dieser besonders internationalen Stadt konnte ich auf Partys problemlos ein arabisches Bauchtanz-Stück spielen. In Berlin haben sie da sofort gesagt: Das geht nicht, das ist Hippie-Musik.

Ihre Musik trägt den Aufkleber „Balkan-Pop“. Was hat Arabien mit dem Balkan zu tun?

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