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Musiker Lam Tungwar : Auf der Bühne entwaffnet

  • -Aktualisiert am

„Messenger of Truth“: Lam Tungwar hofft auf eine bessere Zukunft. Bild: Wonge Bergmann

Jahrelange musste er als Kindersoldat im Sudan kämpfen, nur wenige von ihnen überlebten. Heute ist Lam Tungwar ein südsudanesischer Hip-Hop-Star. Er ist gekommen, um sein Publikum aufzurütteln.

          Wenn Popstars ihr Publikum begeistern, werfen die Fans für gewöhnlich Kuscheltiere und Büstenhalter auf die Bühne. Wenn Lam Tungwar seine Zuhörer bewegt, lassen sie ihm ein paar Gewehre da. Einmal spielte der südsudanesische Rapper während eines Konzerts seinen Song namens „Drop the Gun“, zu Deutsch etwa „Lass das Gewehr fallen“. Am Ende häuften sich 1670 Schusswaffen auf der Bühne. Tungwar erstaunt das nicht. Im Südsudan trage jeder eine Waffe, sagt er.

          Der Musiker weiß sehr genau, was Gewehre anrichten können, denn er war jahrelang Kindersoldat. Nach einem Konzert in Mannheim macht er Station bei einem Freund in Frankfurt und erzählt, wie ihn fremde Männer als Sechsjährigen ansprachen, als er die Kühe seines Vaters hütete: Wenn er mit ihnen käme, könne er eine Schule besuchen. Er folgte den Männern, die sich bald als Rebellen der sudanesischen Volksbefreiungsarmee entpuppten und Hunderte Kindersoldaten in einem Feldlager um sich scharten. Sie gaben ihm ein Gewehr und zwangen ihn, bei Angriffen auf Konvois und Regierungstruppen Menschen zu erschießen.

          In Ostafrika ist er gefeiert

          Über diese Jahre, in denen er mit den Rebellen durch das Land ziehen musste, spricht Tungwar nicht gerne. Danach gefragt, lehnt er sich zurück, verharrt im Stuhl und senkt die Stimme. Seine Augen sehen dann aus, als hätte jemand das Licht darin ausgeknipst. „Viele der anderen Kinder sind gestorben. Sie bekamen Malaria oder ertranken, wenn wir durch einen Fluss schwimmen mussten“, sagt er. Er war einer der wenigen, die überlebten. Erst mit neun Jahren gelang ihm die Flucht nach Kenia.

          Dort besuchte er im Flüchtlingslager endlich eine Schule, später sogar die Universität in Nairobi. Weil ihn Albträume verfolgten, fing er mit 18 Jahren an, Songtexte zu schreiben. Heute ist Tungwar 31 Jahre alt und in Ostafrika ein gefeierter Hip-Hop-Star. Um Ruhm und Reichtum sei es ihm nie gegangen, sagt er. „Ich hatte damals das Gefühl, mich aussprechen zu müssen, und durch das Schreiben fühlte ich mich besser.“

          Weg von den Problemen der Heimat

          Mittlerweile lebt er wieder in seiner Heimat Südsudan, einem Land, das mit großen Problemen kämpft, und unterstützt als „Messenger of Truth“ das Programm UN-Habitat der Vereinten Nationen. Die „Messenger of Truth“ sind Musiker, die um die Welt reisen, um Jugendliche darin zu bestärken, für eine bessere Zukunft zu kämpfen.

          Dem Künstlernetzwerk gehört als einziger Europäer Rolf Stahlhofen an, Mitbegründer der Söhne Mannheims. Mit der Unterstützung der Frankfurter Stiftung „Keep the World“ veranstaltete er ein Benefizkonzert in Mannheim, bei dem auch Tungwar aufgetreten ist. Es ist sein zweiter Besuch in Deutschland nach 2007, mit dem Erlös unterstützen die beiden eine Kampagne zur Ausbildung von Hebammen in Afrika. Bevor er den Rückflug antritt, verbringen sie noch zwei Tage in Frankfurt. „Es ist wichtig für Lam, dass er wenigstens mal 48 Stunden lang Abstand von den Problemen in seiner Heimat bekommt“, sagt Stahlhofen.

          Radios lehnten seine Musik ab

          Im November werden Krankheit und Hungersnot viele Südsudanesen das Leben kosten, davon ist Tungwar überzeugt, denn starke Regenfälle haben die Ernte zerstört. Die Konvois von Hilfsorganisationen werden oft von Rebellen aufgehalten und kommen nicht dort an, wo sie gebraucht werden. Er wünscht sich von der EU und den UN mehr Unterstützung. „Viele gute Menschen leiden unter wenigen schlechten, die Gelder verschleudern. Denen muss man deutlich sagen: Was ihr macht, ist inakzeptabel.“

          In 37 Ländern ist der Rapper mittlerweile aufgetreten und hofft, seine Zuhörer aufzurütteln. Die Menschen hassten es manchmal, wenn einer die Wahrheit ausspreche, sagt er. Er tut es trotzdem und rappt nicht über Autos, nackte Frauen und „diesen ganzen idiotischen Schrott“, der in den Texten amerikanischer Hip-Hopper vorkommt. Daran fand das Publikum früh Gefallen. Sein erstes Lied mit dem Titel „Child Soldier“, Kindersoldat, veröffentlichte er 2006. Die Radiostationen lehnten seine Musik anfangs ab, sie fanden die Texte zu verstörend und wollten den Zuhörern lieber unbeschwerte Lieder vorspielen. Dann hatte Tungwar seine ersten Auftritte und überzeugte das Publikum. „Viele Leute haben in ihrem Leben harte Zeiten durchgemacht, deshalb können sie sich mit meinen Texten identifizieren“, sagt er. Er rappt auf Englisch, Arabisch und Kisuaheli. Nicht immer verstehen die Zuhörer, was er sagt, aber er glaubt, dass das ohnehin nicht wichtig ist. „Meine Musik spricht das Herz an.“

          „Vergib deinen Feinden“

          Das ist ihm wichtig, denn ein Land könne nur mit Liebe und Begeisterung wiederaufgebaut werden, sagt er. Trotz aller Probleme wünsche er sich, dass andere junge Südsudanesen, die geflohen sind, seinem Beispiel folgten und in ihre Heimat zurückkehrten. Der Neuanfang seines Landes könne nur gelingen, wenn die Jungen nicht den Kontakt zu ihrer Heimat verlören. „Sie müssen selbst erleben, was in unserem Land passiert, damit sie es eines Tages besser machen können.“ Um eine bessere Zukunft zu erreichen, appelliert er zu Hause bei Konzerten an die Zuhörer, ihre Waffen abzugeben.

          Dem Publikum will er unbedingt seine Botschaften mit auf den Weg geben, deshalb verzichtet er bei manchen Liedern auf die Begleitung seiner Band. Wenn die Leute von der Musik mitgerissen würden, hörten sie ihm nämlich nicht richtig zu, sagt er. Eine seiner wichtigsten Botschaften ist die, seinen Feinden zu vergeben. Auch er hat den Männern verziehen, die ihn als Kind seiner Familie entrissen und ihn jahrelang leiden ließen. Trotz allem verdienten sie, zu essen und zu lieben. „Und wenn sie sterben, verdienen sie, beerdigt zu werden. Das Leben ist so kurz. Es ist sinnlos, Menschen zu hassen.“

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