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Musiker Bryan Ferry : Herzeleid im Traumhaus

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Der ewige Dandy: Bryan Ferry achtet auch mit 73 Jahren noch auf Haltung. Bild: Bäuml, Lucas

Bei seinem Auftritt in der Alten Oper bietet Bryan Ferry einen mitreißenden Karriereüberblick.

          Bryan Ferry kultiviert in sich gerne Gegensätzliches. Geboren 1945 in eine Arbeiterfamilie im nordenglischen Washington, County Durham, gilt der Sänger, Komponist und Texter bis heute als Inbegriff des stilbewussten britischen Dandy. Ein angeblich auf Adel, Luxus, Feinsinn und Kunst erpichter Grandseigneur. Oder haften dem früheren Kunstlehrer mit dem gepflegten Äußeren jene Imageprojektionen lediglich seit einer Ewigkeit an?

          Auch zum Start seiner seit Wochen ausverkauften Deutschland-Tournee in der Alten Oper Frankfurt bleibt Bryan Ferry dem vertrauten Bild treu. In den Nahkampf mit seinem Publikum geht der mittlerweile 73 Jahre alte, in feinsten Zwirn gekleidete Sänger ausgerechnet mit seinem wie in Zeitlupe dargebotenen Frühwerk „In Every Dream Home A Heartache“. Da wird das Bild des Connaisseurs und Lebemanns zwischen luxuriösem Penthouse, Cottage und Bungalow Ranch auf geradezu absurde Weise karikiert: Von einer aufblasbaren Gummipuppe schwärmt der Mann von Welt, der schon alles hat, nur keine innige Beziehung zu einem menschlichen Wesen. Und so projiziert er seine fehlgeleitete Gefühlswelt auf das per Nachname bestellte lebensgroße Modell aus Vinyl. Als der Song 1973 auf dem zweiten Roxy Music-Album „For Your Pleasure“ erschien, waren sowohl Text als auch das Arrangement mit der markanten Ausblendung pure Provokation.

          Begeisterungsstürme bei Roxy-Music-Fans

          Im vollbesetzten Großen Saal bleibt der von Ferry unnachahmlich gegurrte, verquere Artrock um ein lebloses Betthupferl allerdings jenem Teil der Anhängerschaft verschlossen, der Ferry erst in den achtziger Jahren und damit als Lieferanten etwas leblosen Elektropop-Liedguts für sich entdeckte. Für Begeisterungsstürme sorgt Ferrys Wahl des Auftaktsongs hingegen bei den Roxy-Music-Fans. Der Sänger kann sich aber auch auf eine erkleckliche Anzahl textsicherer jüngerer Fans verlassen, die sein Gesamtwerk, ganz ohne Ressentiments gegen einzelne Phasen seines Schaffens, im Blickfeld haben. Als Ferry sich von Roxy Music 1983 nach zuvor schon zeitweiliger Trennung endgültig löste, um sich fortan als Solist mit Edelmetall auszeichnen zu lassen, waren jene jüngeren Verehrer noch gar nicht geboren.

          Um allen Lagern gerecht zu werden, greift Zeremonienmeister Ferry, der souverän zwischen Mikrofon und E-Piano wechselt sowie gelegentlich auch kernig Bluesiges auf der Mundharmonika beisteuert, zu einem Trick: Kantigen Artrock von Roxy Music wie „If There Is Something“ und „Out Of The Blue“ liefert er zwar notengetreu avantgardistisch, aber etwas weniger schräg wie im Original.

          Einst makellos glatt Poliertes vom Schlage „Slave To Love“, „Boys And Girls“ oder „The 39 Steps“ versetzt er mit einer bis dato nicht gekannten Schärfe. Für die famos arrangierten Kurskorrekturen zeichnet das erstklassige neunköpfige Ensemble verantwortlich. Als stilistisch ungemein flexibel erweist sich nicht nur Langzeitwegbegleiter Chris Spedding an E- und Akustikgitarren. Spedding zur Seite steht der belgische Gitarrist Tom Vanstiphout. Facettenreiche Akzente setzen vor allem Marina Moore an der Violine sowie Jorja Chalmers an Sopransaxophon, Oboe und Synthesizer. In den beiden virtuosen Damen verkörpert sich der Urgeist von Roxy Music.

          Handküsse verteilender Bryan Ferry

          Mit dem Tanzflächenfüller „Tokyo Joe“ leitet Bryan Ferry dann über in den aktiven Teil. Ab dem Medley „Love Is The Drug / More Than This“ gibt das Sicherheitspersonal den bis dahin fürs Publikum gesperrten Platz direkt vor der Bühne frei – den Nachteil haben die Käufer teurer Tickets für die ersten Parkettreihen, die bei „Avalon“ und John Lennons „Jealous Guy“ samt Ferrys lakonischem Pfeifsolo vielleicht lieber ungestörter geträumt hätten.

          Zum Finale reiht sich ein dynamisch verrockter Gassenhauer an den anderen: Bob Dylans Protestsong „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ folgen die Rhythm-’n’-Blues-Perlen „Let’s Stick Together“ von Wilbert Harrison und „Shame, Shame, Shame“ von Jimmy Reed. Da tänzelt der sonst stets auf Contenance bedachte Gentleman im Rampenlicht, spielt gar versonnen in den strammen Takt versunken Luftgitarre. Als Schlusslicht fördert ein freundlich lächelnder und Handküsse verteilender Bryan Ferry mit „Editions Of You“ ein weiteres Glanzlicht aus der frühen Experimentierphase von Roxy Music zutage und alle sind glücklich.

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