https://www.faz.net/-gzg-70cdq

Musik in der Kirche : „Auch die alten Lieder sollen swingen“

  • -Aktualisiert am

Erfolgsstück: Im November 2011 führte die Junge Kantorei Bad Soden in der Kirche St. Katharinen das Musical „Mission Jerusalem“ auf. Anfang Oktober wird es noch einmal zu sehen sein. Bild: Eilmes, Wolfgang

In der kirchlichen Jugendarbeit wird Musik immer wichtiger- aber die Zahl der Kirchenmusiker geht zurück.

          4 Min.

          Das Deutsche Chorfest, das am Donnerstag in Frankfurt beginnt, ist auch für die Kirchen ein Ereignis. Am Sonntag, dem letzten Tag des Festes, finden in vielen Kirchen Gottesdienste mit Chören statt, und die evangelische Alte Nikolaikirche auf dem Römerberg will die ganze Zeit über so etwas wie ein geistliches Zentrum sein. Geplant sind dort Andachten und Angebote zum Singen für jedermann.

          Christa Kirschbaum, Landesmusikdirektorin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), wird dieses Singen anleiten. In der Innenstadt wird in jenen Tagen die Liebfrauenkirche eine Art katholisches Zentrum für die Chöre bilden - kein Wunder, denn Kirchenmusik spielt in dieser Gemeinde eine große Rolle.

          Schwer, Standard zu halten

          Überhaupt ist Christentum ohne Musik nicht vorstellbar - angefangen vom einfachen Gemeindegesang im Gottesdienst bis hin zu Kompositionen, die seit Jahrhunderten aufgeführt werden. 2010 gab es mehr als 4000 geistliche Konzerte mit rund 380.000 Besuchern in der EKHN. Dieses Jahr hat sie zum „Jahr der Kirchenmusik“ erklärt, 500 Veranstaltungen finden dazu statt. Eine „Gelegenheit, im guten Sinn missionarisch zu sein“, findet Kirschbaum.

          Gleichwohl könnte es schwerer werden, auf Dauer einen guten kirchenmusikalischen Standard zu halten oder zu entwickeln. Die Zahl der Kirchenmusikstudenten, die später hauptamtliche Kirchenmusiker werden, geht zurück, wie Kirschbaum und ihr Kollege vom Bistum Limburg, Diözesankirchenmusikdirektor Andreas Großmann, festgestellt haben. Dabei hängt die Qualität der Kirchenmusik in einer Gemeinde stark vom Engagement hauptamtlicher Musiker ab. Das ist Anlass für die EKHN, einen Orgelwettbewerb zu veranstalten, um nebenamtliche Organisten für ein Studium zu motivieren. Auch dem Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst ist die Kirchenmusik ein wichtiges Anliegen.

          Erfinderisch bei der Suche nach einem Musiker

          Im Bistum Limburg gibt es 26Stellen für hauptamtliche Kirchenmusiker, in der EKHN 132, zu den kirchenmusikalischen Zentren zählen die evangelische Katharinenkirche in Frankfurt und der Limburger Dom. Hinzu kommen viele nebenamtlich tätige Organisten und Chorleiter, ohne die es um die Kirchenmusik in den Gemeinden schlecht bestellt wäre, und vor allem in der evangelischen Kirche beheimatete Posaunenensembles. 436 von ihnen gibt es in der EKHN.

          Gemeinden, die einen hauptamtlichen Musiker wollen, auch wenn das ein Stellenplan nicht vorsieht, müssen erfinderisch sein. So bezahlt die katholische Pfarrei in Bad Soden ihren Kirchenmusiker Tobias Landsiedel über die Finanzzuweisung des Bistums hinaus seit gut zwei Jahren mit Hilfe von Spenden selbst: Sie will den talentierten Mann, der erfolgreich mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, unbedingt halten.

          „Viele gute Leute entscheiden sich für den Schuldienst“

          Das ist im Bistum bisher einzigartig. „Es gibt Menschen, die ihr Portemonnaie aufmachen, denn viele fühlen sich davon angesprochen“, sagt Susanne Stein vom Verwaltungsrat der Gemeinde. Gemeinsam mit einer Stimmbildnerin probt Landsiedel regelmäßig mit Kindern und Jugendlichen, zur „Jungen Kantorei“ gehören mittlerweile 125Mitglieder. Landsiedel hat an der Frankfurter Musikhochschule studiert und hätte auch Lehrer für Musik und Deutsch werden können; das erste Staatsexamen hat er.

          „Viele gute Leute entscheiden sich für den Schuldienst“, sagt Diözesankirchenmusikdirektor Großmann. Die Anstellung dort sei sicherer. Andererseits beobachtet er, „dass Pfarrer in der Kinder- und Jugendarbeit zunehmend auf Kirchenmusik setzen“. Gerade im Rhein-Main-Gebiet gebe es beispielsweise viele Jugendbands. Großmanns Kollegin Kirschbaum stellt fest, dass es besonders bei Kinderchören einen Boom gebe. Ihr fallen auf Anhieb drei größere Singschulen für Kinder in der EKHN ein, etwa in Darmstadt. Und auch die relativ neue Domsingschule in Frankfurt ist ein Indiz dafür.

          Impulse aus dem Gesangbuch

          Was den Gemeindegesang angeht, könnte er nach Ansicht der beiden Fachleute besser sein. „In manchen Gottesdiensten ist er traumhaft schön, in vielen funktioniert das nicht so“, urteilt Kirschbaum. „Kirchenmusiker sollten Gemeinden zum Singen verlocken und müssen dafür auch einmal herunter von der Orgelempore.“ Großmann weiß, dass das in Gottesdiensten, die immer leerer würden, „schwieriger wird“ und es Gottesdienstgemeinden mit einer „Konsumentenhaltung“ gebe.

          Impulse für den Gemeindegesang erhofft sich Großmann vom erneuerten katholischen Gesangbuch „Gotteslob“. Es soll Ende 2013 fertig sein und liegt derzeit in Rom zur Genehmigung vor. Wie bisher wird es in dem Buch einen Stammteil geben und Teile, die jedes Bistum selbst bestimmen kann. Großmann hält die Mischung von alten und neuen Liedern im Limburger Teil für gelungen. Es seien sogar eigens Kompositionen in Auftrag gegeben worden.

          Lieber den Hit von Phil Collins

          Das Neue Geistliche Lied wird im Bistum durch einen eigenen Arbeitskreis gefördert. „Es ist aus dem Gemeinden nicht mehr wegzudenken, aber die Stücke müssen qualitätvoll sein, melodisch wie textlich“, hält Großmann fest. „Theologisch dünn dürfen sie nicht sein.“ Auch Kirchenmusiker Landsiedel findet beides wichtig: „Wir brauchen eine Mischung aus Altem und Neuem.“ Einerseits hätten alte Lieder eine hohe Qualität, andererseits müsse das Leben von heute auch mit Hilfe von Liedern „in die Kirche geholt werden“. Das Musical „Mission Jerusalem“, das die Junge Kantorei 2011 aufführte, hat er komponiert, die Texte entstanden in Zusammenarbeit mit den Jugendlichen.

          Für Kirschbaum wäre schon viel gewonnen, wenn die älteren Lieder so gespielt und gesungen würden, wie sie einst komponiert worden seien. So beruhten viele Kirchenlieder aus dem 17.Jahrhundert auf Tanzmelodien, das bekannte Lied „Großer Gott, wir loben dich“, sei im Walzertakt geschrieben. „Da hat sich viel eingeschliffen, aber auch die alten Lieder sollen swingen.“ Was modernere Formen angeht, sieht die Musikdirektorin nicht nur in evangelikal geprägten Gemeinden einen Trend zu Lobpreisliedern - Stücken mit stark bekenntnishaften Texten, die aus amerikanischen Gemeinden nach Europa kommen.

          Mit Wünschen nach moderner, aber kirchenferner Musik hat es Großmann gelegentlich auch zu tun, zum Beispiel bei Hochzeiten. „Es kommt schon vor, dass Brautleute sich etwa ein Lied von Phil Collins wünschen, bei dem sie sich kennengelernt haben.“ Und dann? „Ich versuche, Wünsche zu realisieren, aber ich bin kein Popmusiker.“ Außerdem sei eine Hochzeit kein Wunschkonzert, sondern „eine sakramentale Handlung“.

          Weitere Themen

          SEK-Einsatz im Frankfurter Gallus

          Quartier geräumt : SEK-Einsatz im Frankfurter Gallus

          Im Frankfurter Gallus ist die Polizei mit einem Großaufgebot angerückt, Spezialeinsatzkommando-Kräfte inklusive. Offenbar hat sich ein mutmaßlich bewaffneter Mann in einem Gebäude verschanzt.

          Zum ersten Mal auf dem neuen alten Goetheturm Video-Seite öffnen

          Wahrzeichen steht wieder : Zum ersten Mal auf dem neuen alten Goetheturm

          Er erstrahlt fast wieder in seinem alten Glanz - der Frankfurter Goetheturm. Und gäbe es Corona nicht, würde Frankfurt dieses Wochenende zu einer Eröffnungsfeier einladen. Zumindest ein kleiner Kreis konnte das Wahrzeichen am Freitag schon mal genauer in Augenschein nehmen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.