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Musical in der Alten Oper : Revolte auf der Tanzfläche

  • -Aktualisiert am

Der wohlbehütete Teenager, der dem Underdog verfällt: Baby und Johnny nähern sich an. Bild: Jens Hauer

Wie politisch Hüftschwünge sein können, zeigt das Musical „Dirty Dancing“. Die Adaption des Kultfilmes gastiert im Juli in der Frankfurter Alten Oper. Das Tempo reißt das Publikum von Anfang an mit.

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          Hinter den sieben Catskill Mountains fliegen noch die Petticoats, wippen Pferdeschwänze und haben Feriengäste ihren Spaß bei einem Animationsprogramm aus Sackhüpfen und der Reise nach Jerusalem, als John F. Kennedy schon Präsident ist, Martin Luther King einen Traum hat und in Vietnam der Krieg wütet. In der amerikanischen Provinz also fühlt sich 1963 an, als seien es die Fünfziger. Nur auf der Tanzfläche kündigt sich dem zwischen Speise- und Ballsaal pendelnden Publikum der Zeitenwechsel an. Dort kapitulieren Foxtrott und Walzer schließlich vor Merengue, Salsa oder ähnlich „dreckigen“ Schritten und Schwüngen. Während des Familienurlaubs verfällt der wohlbehütete Teenager Frances „Baby“ Houseman dem Charme des Underdogs Johnny, der nichts auf der Naht hat, sich aber verdammt sexy bewegen kann und mit dem das Mädchen dann so lange tanzt, bis buchstäblich der Blitz einschlägt.

          Die Geschichte, die „Dirty Dancing“ erzählt, ist Kult. Patrick Swayze ist leider schon tot, und Jennifer Grey irgendwo in Amerika zur reifen Frau geworden. Aber noch immer hat der Film, in dem beide die Hauptrollen spielen, leidenschaftliche Fans. Einige von ihnen waren 1987, als er in die Kinos kam und dort schier endlos viele Wochen lief, noch nicht einmal geboren. Unterdessen hat der Stoff seit Jahren auch als Musical Erfolg. Mit der jüngsten, von Koregisseur Alex Balga in enger Zusammenarbeit mit der Autorin des Originaldrehbuchs, Eleanor Bergstein, überarbeiteten Fassung tourt das Spektakel derzeit durch deutschsprachige Städte und macht dabei erstmals auch Station in Hessen: Vom 2. bis zum 12. Juli gastiert das Spektakel in der Frankfurter Alten Oper.

          Politisches rückt in den Fokus

          Zwar würden die Darsteller jeden Doppelgängerwettbewerb gewinnen. Dafür sorgen nicht zuletzt die Lockenperücke von Anna-Louise Weihrauch in der weiblichen Hauptrolle und die vielen Stunden, die Mate Gyenei alias Eintänzer Johnny augenscheinlich in der Muckibude verbracht hat. Abgesehen davon aber versucht die Bühnenadaption glücklicherweise gar nicht erst, den Film zu kopieren, sondern reduziert dessen Handlung im Gegenteil auf die Schlüsselszenen. Keine Frage also, dass Naivchen Baby, die sich in die Höhle des Personals verirrt hat, auf die Frage, was sie dort tue, den legendären Satz sagt: „Ich habe eine Wassermelone getragen.“ Auch die Hula-Darbietung von Schwester Lisa ist wieder zum Fremdschämen. Und die zur Ikone gewordene finale Hebefigur wurde schon beim Casting abgefragt. Wie die am Ende vom Muff ihrer Zeit befreite Frances auf Johnnys ausgestreckten Armen durch die Luft schwebt, muss schließlich achtmal pro Woche klappen. Darüber hinaus aber haben die Darsteller die Filmfiguren nicht eigens studiert.

          Vom Film unterscheidet sich das Musical nicht allein dadurch, dass der Soundtrack auf mehr als 50, freilich oft kurze Songs ausgedehnt wurde. Zugleich gibt sich die Show nicht zufrieden mit der Liebesgeschichte und den mitreißenden Tanzszenen, die in der Kinoversion im Vordergrund stehen und die auf der Bühne freilich nicht fehlen. Stattdessen rückt das politische Potential des Stoffs, das der Film weitgehend ungenutzt lässt, stärker in den Vordergrund. In Form einer eingespielten Martin-Luther-King-Rede, des schwarzen Hotelangestellten Tito sowie der Protestsongs „This land is your land“ und „We shall overcome“ wurde das Thema Rassendiskriminierung sogar hinzugedichtet. Auf diese Weise wird umso deutlicher, was die Welt damals alles in Aufruhr versetzt hat und dass den piefigen Fünfzigern ein Jahrzehnt des Aufbruchs folgte, in dem auch der Tanz zum Ausdruck von Rebellion wurde. Themen wie Krieg, Gerechtigkeit und Solidarität bleiben außerdem immer aktuell.

          Perfekte Illusionen erzeugt

          Für eine Tourneeproduktion ist der Aufwand enorm: Die Truppe besteht aus 28 Mitgliedern. Hinzu kommt eine aus neun Musikern bestehende Live-Band. Viel Kulissengeschiebe ist nicht nötig: Videoprojektionen schaffen die perfekte Illusion unter anderem einer grünen Wiese und - noch spektakulärer - eines Sees, in dem Johnny und Baby die Hebefigur trainieren. Die fehlenden Möglichkeiten der Kamera kompensiert die Bühnenshow mit dem Tempo, in dem Szenen, Songs und auch Emotionen aufeinanderfolgen.

          In selbstreflexiven Akkorden des großen Schlussthemas klingt schon zu Beginn der Vorstellung an, was schließlich alle wissen: Am Ende jenes Sommers 1963 werden Arm und Reich, Jung und Alt, Schwarz und Weiß die Zeit ihres Lebens gehabt haben.

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