https://www.faz.net/-gzg-85cr0

„Flashdance“ in Bad Vilbel : Kleine Alex, großer Traum

Nichts fehlt: Alex (Julia Waldmayer) unter der „Flashdance“-Dusche Bild: Eugen Sommer

Tanzen, bis die Stulpe raucht: Die Burgfestspiele in Bad Vilbel zeigen den Kultfilm „Flashdance“ als Musical.

          2 Min.

          Einem bauchfreien Sweatshirt, Schulterpolstern und Wollstulpen um die Fußgelenke kann man gegebenenfalls noch ausweichen. Den achtziger Jahren an sich aber nicht mehr. Demnächst werden im Städel „Die 80er“ gefeiert, die Rückschau auf die Kunstwelt von damals liegt voll im Trend, die Mode bedient sich freigebig an einem Jahrzehnt, in dem die Welt nur scheinbar noch in Ordnung war. Der Rest war: Atomkraft, Sorge um den Weltfrieden, Umweltschutz, solche Sachen. Die sind immer noch da, und die schlimmen T-Shirts jetzt auch wieder. Im Radio waren sie sowieso nie weg, die achtziger Jahre, und wer dazu sagt, das sei ja schließlich auch noch gute Musik gewesen - oje.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Na gut, es gibt, das spricht für die Achtziger, da Ausnahmen. Eine davon ist „Flashdance“. Die Hits aus dem Tanzfilm mit Jennifer Beals kennt jeder. Die meisten Leute mögen sie sogar. Umso gespannter wartet man auf Hits wie „What a feeling“, „Maniac“ oder „Romeo“, wenn jetzt die Bad Vilbeler Burgfestspiele „Flashdance“, den Kultfilm aus dem Jahr 1983, als Musical zeigen. Mit Stulpen, Stirnbändern und quietschbunten Kostümen. Und es sind, wie beruhigend, ganz junge Leute, die schon bei den ersten Takten der Titelmelodie anfangen zu klatschen, wenn die Ouvertüre anhebt.

          Nur wird, so nah dran die Inszenierung von Christian Voss auch ist, nun mal nicht einfach die Film-Geschichte der Stahlarbeiterin Alex, die im Nachtclub auftritt und von einer Karriere als Tänzerin träumt, gespielt, sondern ein Musical. Das heißt, dass nur ein Bruchteil der großen Hits in der Bühnenfassung vorkommen. Und der Komponist Robbie Roth samt Texter Robert Cary scheinen ein bisschen resigniert zu haben vor all diesen Krachern. An die reichen die schlichten Songs von Alex, ihrem Lover, dem Stahlerben Nick oder Gloria nicht einmal annähernd heran. Und man möchte angesichts von Zeilen wie „Wir hatten nie denselben Weg als Ziel“ gar nicht erst wissen, wie das wohl im englischen Original gelautet haben mag. Ganz leicht zu singen ist das aber auch nicht, denn die Musik, die sehr hübsch mit den Genres spielt und aus den Disco-Nummern mal Klassik macht, wenn die Ballettschüler trainieren, mal Jazz, dann wieder Hip-Hop, fordert viel Sorgfalt. Und Hits wie „Gloria“, „I love Rock’n’Roll“ und andere müssen ja auch noch gesungen werden.

          Umso mehr liegt es an den famosen 20 Sänger-Darstellern, die das Freilichtfestival aufbietet, dass „Flashdance“ gut zweieinhalb Stunden lang das Publikum mitgehen lässt. Julia Waldmayer mit dunkler Lockenperücke ist eine resolute, fast herbe Alex, deren Kondition bewundernswert ist: Fast ununterbrochen nicht nur zu singen, sondern auch weit über dem üblichen Musicalniveau zu tanzen, wie es die Tanzgeschichte erfordert, ist eine bravouröse Leistung. Ihr Nick (Tim Al-Windawe) bekommt von ihr mehr Körbe als Küsse, dafür bleibt ihm ein schöner, nachdenklicher Song über seine Leiden als Millionenerbe. Konsequent hat Christian Voss die Sozialstory des Films - Arbeiter sollen entlassen werden - nicht überbewertet und stattdessen versucht, Ironie und einige Gags einzustreuen, was aufgeht, zumal Figuren wie Jimmy (Marcel Kaiser) oder Hannah (Barbara Goodman) für Komik sorgen.

          Choreograph Till Nau bleibt nicht nur nah am Film, er holt auf der mehrstöckigen Bühne (Oliver Kostecka) das Maximum aus den Tanzszenen, die ja, wir sind schließlich live, ohne Tricks auskommen. Das vergnügungswillige Publikum kommt auf seine Kosten. Und, ja: Nicht nur die Szene mit der Wasserdusche gibt es, auch die mit dem BH. Natürlich zieht Alex den aus einem Sweatshirt. Grau, kastig, ohne Kragen. Wir sind schließlich in den Achtzigern. Riesiger Beifall.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.