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Schuh-Design : Schutz und Schmuck – alles für die Füße

Die Ausstellung „Step by Step“ beschäftigt sich mit dem Thema Schuhe über alle Kontinente und durch alle Zeiten hinweg. Bild: Laura Brichta

Von Sitzschuhen, Erotik und linken Füßen, von Shakespeare, Balzac und „Sex and the City“: Das Deutsche Ledermuseum in Offenbach erzählt die Kulturgeschichte nicht nur des Schuhs.

          5 Min.

          Interessante Sandalen hat dieser Hermes an. Keine Flügel, nirgends, obwohl sich heutzutage sogar Leute links und rechts der Achillesferse solche kleinen Flügel tätowieren lassen. Der Hermes des Praxiteles aber, seit 340 vor Christus in Sandalen unterwegs, trägt ein flügelloses, raffiniert verschlungenes Modell, das am Vorderfuß nicht fixiert ist. Kunststück, da Hermes sich doch angeblich schneller als das Licht fortbewegen kann.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Zu Fuß scheint er also nicht zu gehen. Insofern müssen seine schicken Sandalen auch nicht unbedingt alltagstauglich sein. Nicht so zum Beispiel wie die Caligae, die Sandalen der römischen Legionäre, aus gitterförmig geschnittenem Rindsleder, am Spann und Vorderfuß trittsicher gebunden, die Sohle oft noch mit Eisennägeln beschlagen, für lange Wege.

          Deutsches Ledermuseum in Offenbach

          Ein Exemplar, ein linkes, aus dem ersten Jahrhundert nach Christus, ist in Mainz ausgegraben worden. Nun ist es im Deutschen Ledermuseum in Offenbach auf pastellfarbenem Untergrund gleich neben modernen Sandalen zu sehen. Der Unterschied ist gering. Und zeugt so nicht nur von der tatsächlich durch Jahrtausende bestätigten Zeitlosigkeit guten Designs, sondern auch davon, wie schlau man in der Antike war, wo sich rechte und linke Schuhe noch unterschieden.

          Wie so vieles ist auch diese Kulturtechnik später für viele Jahrhunderte wieder verschüttet gewesen, bis Mitte des 19. Jahrhunderts der Frankfurter Anatom Georg Hermann von Meyer die Schuhherstellung regelrecht revolutionierte mit der Erkenntnis, dass rechte und linke Füße nun mal nicht in die gleichen, achsensymmetrischen, geometrisch geformten Schuhe passen.

          Es sei denn, das wissen unter anderem Tänzerinnen, man formt sich seine Schuhe eben selbst zum individuellen Paar. Ballettschläppchen oder Spitzenschuhe, erst mal links wie rechts gleich, pflegen durch akribische Misshandlung rasch zu einem individuellen Paar zu werden. Und die Tänzerin im rosa Spitzenschuh sieht zumindest so aus, als könne sie, Hermes gleich, schweben.

          Hühneraugen, Schwielen, Balsen und Verkrümmungen

          Wer sich allerdings umsieht in der Ausstellung „Step by Step“, mit der das Ledermuseum der Kulturgeschichte des Schuhs eine große Ausstellung widmet, kommt nicht umhin festzustellen, das nicht nur Hermes, sondern auch ganz normale irdische Wesen in den vergangenen 2000 Jahren relativ oft der Meinung gewesen sein müssen, Gehen sei nicht unbedingt dass Allerwichtigste im Leben eines Menschen. So kommt es, dass auf den zwei Etagen ziemlich viele Schuhe zu sehen sind, zu denen die kleinen Begleitheftchen „Hühneraugen, Schwielen, Balsen und Verkrümmungen“ bei Gebrauch konstatieren oder gleich festhalten: „Lassen ein Gehen kaum zu.“ Nur wer ging oder geht eigentlich nicht?

          Die Mädchen aus reichem Hause in China, deren Füße durch das Abbinden der Vorderfüße und Zehen grotesk verstümmelt wurden bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Die hochadeligen Damen und Herren des 17. Jahrhunderts, die ihre Füße in reich bestickte Hochfrontpumps zwängten, mit millimeterscharfen Zehenspitzen, einem Schaft, der schon beim Ansehen Schmerzen verursacht, und steilen Absätzen, in denen man allenfalls nach hinten kippen könnte. Und die Fetischfreunde von heute, deren lacklederne Plateaupumps sich schon deshalb nur für die erotische Horizontale eignen, weil „Material und Aufbau der Schuhe ein Stehen verhindern“.

          Parallelen in Form und Funktion: Seidenstiefel um 1870 und aus Strick heute Bilderstrecke

          Wie sexy Schuhe sein können, welche berühmten Designer sich im direkten Vergleich der Modelle als ausgesprochene Kunsthistoriker erweisen und dass überhaupt bei näherem Betrachten vieles unserer heutigen Lebenswelt ganz nah ist, erfährt man in dieser Ausstellung, die gerade mal 150 der insgesamt 10.000 Objekte umfassenden historischen Schuhsammlung des Hauses zeigt. Es ist, wie im vergangenen Jahr die Kabinettausstellung zur Geschichte der Damenhandtasche, auch ein Versuch, die Not mit der Tugend zu verbinden: Aus der Aufarbeitung für die Ausstellung wird ein neuer Teil des Hauses.

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