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Museum für Angewandte Kunst : Dinge aus fernen und fremden Lebenswelten

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Das Schlichte ist das Avantgardistische: Das Frankfurter Zimmer. Bild: Cunitz, Sebastian

Das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst ist nach einer fast fünf Monate währenden Innensanierung wiedereröffnet worden. Mit vier Ausstellungen präsentiert es sich als Haus, in dem Design und Kulturgeschichte besonders wichtig genommen werden.

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          Ein Blick auf das internationale Kunsthandwerk lehrt, dass die Menschen zu allen Zeiten, an jedem Ort und unter ganz verschiedenen Bedingungen das Bedürfnis hatten, das Nützliche mit dem Schönen zu verbinden. So gut wie nie erschöpfen sich die Dinge des täglichen Gebrauchs in ihrer Zweckmäßigkeit, sie haben vielmehr auch eine ästhetische Dimension, eine Bedeutung, die über das Praktische hinausgeht. So aber erzählen sie auch Geschichten von denen, die sie einst benutzt und sich an ihnen erfreut haben, über Epochen und Lebenswelten. Und über Gewohnheiten und Verhaltensweisen, Interessen und Gefühle, wie sie der menschlichen Natur im Allgemeinen entsprechen: Die Reiseapotheke etwa mit ihren Glasfläschchen für alle möglichen Wässerchen und Tinkturen zeugt von der Angst vor Krankheiten ebenso wie von der Hoffnung, sie mit diversen Hilfsmitteln kurieren zu können.

          Es handelt sich um eines von etwa 250 Objekten, die aus dem Bestand des Museums für Angewandte Kunst stammen oder als Leihgaben nach Frankfurt gekommen sind, um in der Ausstellung „1607 - Aus den frühen Tagen der Globaliserung“ von einem Zeitalter zu berichten, das gemeinhin als das der Entdeckungen bezeichnet wird. In jenem Jahr wurde die erste englische Siedlung auf amerikanischem Boden gegründet. Europa zog hinaus in die Welt, um neue Gegenden zu erobern, Handel zu treiben und sich mit Gütern aus Übersee zu versorgen. Kaffee, Tee und Schokolade wurden zu Importschlagern, an denen sich die Besserbetuchten gütlich taten. Das Tabakrauchen kam in die Mode, und wer es sich leistem konnte, umgab sich mit wunderlichen Gegenständen aus fernen Landen.

          Nürnberger Bierhumpen neben chinesischem Porzellan

          Die Schau führt mittels eines erdichteten Schiffslogbuchs zu verschiedenen Stationen, von denen man annehmen kann, sie lägen im Inneren eines gesunkenen Frachters. Jedenfalls suggeriert dies die Ausstellungsarchitektur. Alle möglichen Themen kommen zur Sprache: Religion, Medizin, Nautik. Eine zweite Ebene der Erläuterung bildet der gesprochene Text einer fiktiven Archäologin, die das Gesehene deutet.

          Die kunstgewerblichen Objekte werden nicht wie sonst üblich nach Herkunftsregion unterschieden, sondern bilden ein munteres Sammelsurium des gleichzeitig Entstandenen. Chinesisches Porzellan aus der Ming-Dynastie findet sich neben venezianischen Glaspokalen, japanischen Lackdosen oder Nürnberger Bierhumpen. Stücke aus den verschiedenen Einzelkollektionen des Hauses wurden miteinander kombiniert zu einer Art Eine-Welt-Melange. Der Fortschritt war immer dabei: Der Reisende von Welt vergaß seine Taschensonnenuhr nie.

          Tradition und Moderne vereint: Südkoreanisches Design.
          Tradition und Moderne vereint: Südkoreanisches Design. : Bild: Cunitz, Sebastian

          Die Präsentation rund um das Jahr 1607 ist eine von vier Ausstellungen, mit denen das Museum für Angewandte Kunst, das in seinem offiziellen Namen jetzt das „für“ weglässt, am Freitagabend wiedereröffnet worden ist. Nach einer in Rekordzeit ausgeführten Innensanierung hat das Haus jetzt nicht nur an räumlicher Großzügigkeit gewonnen, sondern offenbart auch ein frisches Konzept. Transparenz lautet die Losung: Was zusammengehört, soll auch in entsprechende Korrespondenz zueinander treten. Eine bewegliche, offene Ausstellungsweise setzt alles, was gezeigt wird, in Beziehung. Kontext ist alles.

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