https://www.faz.net/-gzg-8kajd

Museum für Ältere : Wenn Erinnerung Teil des Programms ist

Auf und ab mit Stufen: Barrierefreiheit war beim Bau nicht nur des Bad Homburger Schlosses noch kein Kriterium. Bild: dpa

Auf Kinder sind sie meist eingestellt. Wie aber gestaltet sich ein Besuch in der Wohnung der Landgräfin mit Demenz? Museen in der Region stellen sich auf neue Zielgruppen ein.

          3 Min.

          Die Kinder waren die Ersten. Jedes Museum ist heute darauf vorbereitet, jüngsten Besuchern selbst sperrige Historie oder feinsinnige Kunst auf lebendige Weise zu vermitteln. Das Gießener Mathematikum ist sogar ganz einem häufig ungeliebten Schulfach gewidmet. Doch weil die Zahl alter Menschen steigt, nehmen viele Institutionen auch diese Gruppe stärker in den Blick. Die Saalburg bietet seit vier Jahren an jedem ersten Freitag im Monat Führungen mit dem Titel „Altertum für Ältere“ an. Sie sind deutlich kürzer als die regulären und enden mit Kaffee und Kuchen in der Taberna des wieder aufgebauten Römerkastells. „Dort können die älteren Besucher Fragen stellen, und sie nutzen das rege“, sagt Saalburg-Direktor Carsten Amrhein. Die Führungen seien fast immer ausgebucht.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Einen Schritt weiter geht das Landgräfliche Schloss in Bad Homburg. Museumspädagogin Britta Reimann hat den einstigen Sitz von Landgrafen und Kaiser vor anderthalb Jahren für Menschen mit Demenz erschlossen. Die kurzen Führungen widmen sich einzelnen Themen und beziehen die Besucher aktiv ein: Wenn es um Kopfbedeckungen, Essen, Sauberkeit oder Märchen geht, kommen sie auch selbst schnell ins Erzählen. Requisiten wie Mützen und historische Alltagsgegenstände regen dabei alle Sinne an.

          Von wissenschaftlicher Studie begleitet

          Etwa acht demente Personen und ihre Betreuer nähmen jeweils teil, sagt Reimann. Meist komme der Kontakt über die Diakonie oder Seniorenheime zustande, so dass sich die Gruppen vorher bildeten. In manchen Monaten veranstalte man zwei solcher Führungen. Außerdem gebe es das Angebot, im Atelier der Museumspädagogik zu drucken, zu malen oder sich in Bildhauerei zu üben.

          Weil der Eintrittspreis niedrig gehalten wird, ist das Angebot „Zeitreise im Schloss“ auf Drittmittel angewiesen. Gerade konnte Reimann von Wolfgang Blum, Vorstand der Rudek-Stiftung, eine Spende über 3500 Euro entgegennehmen. „Damit können wir auf lange Zeit arbeiten“, sagt Reimann.

          Noch ist die Arbeit mit Demenzkranken in Museen die Ausnahme. Das Städel in Frankfurt leistet dazu in Kooperation mit dem Arbeitsbereich Altersmedizin der Frankfurter Goethe-Universität Grundlagenforschung: Für das Projekt Artemis sind Demenzkranke und ihre Angehörigen regelmäßig im Museum und beschäftigen sich mit Kunst, sowohl bei Führungen als auch bei der eigenen kreativen Arbeit. Welche Auswirkungen dies auf das Wohlbefinden der Menschen mit Demenz und die Beziehung in der Familie hat, untersucht begleitend eine wissenschaftliche Studie.

          „Museum zu den Besuchern“

          Das Freilichtmuseum Hessenpark bei Neu-Anspach verfügt zwar noch nicht über ein entsprechendes Angebot. Bei Besuchen in Norwegen hat Geschäftsführer Jens Scheller aber gesehen, wie Demenzkranke in einer Wohnküche des Freilichtmuseums Oslo mit den dortigen Pädagogen Gemüsesuppe gekocht haben. „Selbst Zeitschriften aus den fünfziger und sechziger Jahren lagen herum“, sagt Scheller. Die Menschen seien extrem aufgeweckt dabei gewesen, und so sieht er darin einen vielversprechenden Ansatz. Es sei allerdings sehr aufwendig, einen Raum entsprechend herzurichten, mit tatsächlich nutzbaren Utensilien auszustatten und die pädagogische Arbeit zu organisieren.

          Einen anderen Weg schlägt das Landesmuseum Darmstadt ein: Es bringt das „Museum zu den Besuchern“, wie das Angebot überschrieben ist. Wenn die Bewohner von Senioreneinrichtungen nicht mehr ins Museum kommen können, gehen Mitarbeiter dorthin, stellen einzelne Kunstwerke vor und setzen auch Gedichte, Musik und Lieder ein.

          Ebener Weg ohne Kopfsteinpflaster

          Nicht nur für alte Menschen ist es wichtig, dass Ausstellungen und Exponate ohne Hürden zugänglich sind. Das ist für ein Museum wie das erst vor kurzem sanierte Darmstädter Landesmuseum kein Thema mehr. Doch wenn eine Burg oder ein Schloss Teil der Attraktion ist, gehören enge Türme oder die Stufen einer auf Außenwirkung angelegten Treppenanlage gewissermaßen zum Programm. Der Direktor der Verwaltung der hessischen Schlösser und Gärten, Karl Weber, hat bei praktisch allen Liegenschaften mit diesem Widerspruch zu kämpfen. In Bad Homburg sei es gelungen, die Schlosskirche barrierefrei zugänglich zu machen. Außerdem gebe es im unteren Schlosshof eine Behindertentoilette.

          Mit Freude dabei: Bei einer Themenführung für Demenzkranke im Bad Homburger Schloss wird dieser Teilnehmerin ein Kopfschmuck aufgesetzt.

          Weber weiß, dass es in Bad Homburg mit seinen Rehabilitationskliniken viele Gäste gibt, die sich für einen Schlossbesuch interessieren, nach einer Hüftoperation aber eingeschränkt sind. Der Zugang vom Vestibül in den Garten zum Beispiel sei aber zu eng und zu steil, um ihn mit einer Rampe zu versehen. Dort habe man zumindest ein Geländer installiert. Für den Besuch in den anderen Räumen stehe eine Treppenraupe zur Verfügung, und künftig solle ein ebener Weg von der Herrngasse bis in den oberen Schlosshof führen, damit sich Menschen mit Rollator und Rollstuhl, aber auch Eltern mit Kinderwagen nicht über das rüttelnde Kopfsteinpflaster quälen müssen.

          Reliefs mit Fingerspitzen erkunden

          Einen solchen „Bypass“ zum historischen Pflaster gibt es auch in der Baugruppe Mittelhessen im Hessenpark. In der Saalburg überlegen die Verantwortlichen, wie die Stufen zum Horreum, einem der wichtigsten Ausstellungsgebäude, überwunden werden können. Die vor einigen Jahren gebaute Fabrica ist dagegen so ausgelegt worden, dass die Sonderausstellungen hindernisfrei zugänglich sind.

          Blinde und Menschen mit Seheinschränkungen sind eine weitere Gruppe, für die viele Museen Angebote bereithalten. In der Saalburg lassen sich Reliefs von Kastellen mit den Fingerspitzen erkunden und ausgewählte Fundstücke in die Hand nehmen. Im Landesmuseum Darmstadt können Blinde ein Lutherbildnis ertasten, das auf einer Acrylplatte in die dritte Dimension gewachsen ist. Und dann gibt es in Frankfurt noch das Dialogmuseum. In dessen dunklen Räumen gibt es gar nichts zu sehen - und Blinde führen die Besucher.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.