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Motorrad-Sperrung in Hessen : Ein Mann und seine Maschine

Robert Reinke fährt mit seiner Triumph Daytona regelmäßig auf das Feldbergplateau. Bild: Marcus Kaufhold

Auf den Zufahrten zum Großen Feldberg hält die Polizei nur wenige Motorradfahrer an. Bei den meisten hat sich die Sperrung herumgesprochen. Die verbliebenen Fahrer zeigen Verständnis – zumindest die meisten.

          Das schwere, rote Motorrad blitzblank geputzt, der passende Helm dazu, Schutzkleidung, wie es sich gehört: Der Mann aus Oberreifenberg, der auf die Polizeibeamtin mit dem Papierkram wartet, ist kein verwegener Geselle. Seine Version der Geschichte ist ihm wichtig: „Vom Kreisel aus habe ich das Schild nicht bemerkt, das ist erst nach dem Einbiegen an der Straße zu sehen“, sagt er. „Dann habe ich gleich die erste Möglichkeit genutzt, um herauszufahren.“ Diese bietet sich am Parkplatz an der rechten Seite. Aber da steht am Sonntagmittag ein Polizeiwagen.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Die Erklärung bewahrt den Mann nicht vor einer Verwarnung in Höhe von 20 Euro. „Wenn Sie hier auf dem Parkplatz stehen würden, wären es 30“, sagt die Beamtin noch. Sie zeigt dem Motorradfahrer den Erfassungsbogen, dessen Ausfertigung er später per Post zugeschickt bekommt. Dass da etwas von „Tatzeit“ und „Tatort“ steht, ist dem Mann sichtlich unangenehm. Es ist zwar erstaunlich, dass er von der seit Samstag geltenden Sperrung nichts mitbekommen hat, da er in einem Schmittener Ortsteil wohnt. Aber man glaubt ihm sofort, wenn er sagt, er sei eigentlich ein gemütlicher Fahrer. „Ich verstehe das Interesse an einer Verkehrsberuhigung“, sagt er. Und ist als Anwohner selbst froh, dass am Oberreifenberger Ortseingang ein Blitzer dafür sorgt, dass das Tempolimit eingehalten wird.

          Frei von Motorrädern

          Seit Samstag, 0.00 Uhr, dürfen die Kanonenstraße zwischen Oberursel-Hohemark und Schmitten, die Siegfriedstraße bis Oberreifenberg und die Abzweigung zum Feldberggipfel von Motorrädern nicht befahren werden. Die Sperrung gilt neun Tage lang bis einschließlich 19. Mai und wird im September wiederholt. Mit dem Verkehrsversuch will der Hochtaunuskreis gegen die hohe Zahl von Unfällen vorgehen, außerdem reagiert er auf die Beschwerden wegen des Lärms hochdrehender Maschinen. Das Gipfelplateau bleibt aber von Westen her über Königstein und das Rote Kreuz erreichbar.

          Am ersten Tag der Sperrung registriert die Polizei keine Verstöße. Kein Wunder, bei Dauerregen und fünf Grad Celsius zieht es am Samstag keinen Motorradfahrer hinaus. Als sich am Sonntag die Sonne immer länger zeigt, sieht es schon anders aus. Sven Hauke Ely aus Wiesbaden hat sich den Großen Feldberg als Ziel seines Kurzausflugs auf der neuen BMW R 1250 GS ausgesucht. Für die Sperrung hat er Verständnis. Er weiß aus dem Urlaub am Gardasee, wie es ist, wenn rund um den See ständig Dröhnen zu hören ist. Dass die Straßen am Feldberg gefährlich sind, hat er selbst erlebt. „Mich hat mal einer zu schnell den Berg herunter überholt.“ Er musste mitansehen, wie der andere Motorradfahrer von der Straße flog. Anders als Ely fährt Robert Reinke ein bis zwei Mal in der Woche auf den Gipfel, seit er vor 15 Jahren das Motorradfahren begonnen hat. „Es ist mir wichtig, hier oben zu sein.“

          Dauerhafte Sperrung wohl wenig sinnvoll

          Klar wäre es schade, wenn er aus Offenbach käme und die Route über die Kanonenstraße nicht nehmen könnte. Da er aber in Eppstein wohnt und über Königstein anfährt, bleibt ihm ein Umweg erspart. Es sei schon in Ordnung, die Auswirkung einer befristeten Sperrung auszuwerten. „Sinkt die Unfallrate insgesamt, oder zerschellen sie woanders?“ Er fühle sich selbst unwohl, wenn er mit seiner Familie an der Großen Kurve die Straße überquere, um zum Fuchstanz zu laufen. Eine dauerhafte Sperrung hielte er aber für wenig sinnvoll. „Dann holen sich die Leute eben im Spessart den Kick“, sagt er, nachdem ein englischer Besucher begeistert Reinkes Motorrad bewundert hat, eine Triumph Daytona 600.

          Nicht alle sind so verständnisvoll wie die Fahrer der schweren Maschinen, die den Weg auf das Plateau gefunden haben. „Völlig überflüssig“ findet Matthias Wolf die Sperrung. „Wenn keiner fährt, fährt sich auch keiner kaputt“, beschreibt er den aus seiner Sicht überschaubaren Erkenntnisgewinn des Verkehrsversuchs. Wolf ist mit dem Mountainbike da, fährt aber jeden Tag mit dem Motorrad von Oberursel nach Frankfurt. „Wenn einer aus Schmitten zur Arbeit will, muss er einen riesigen Umweg fahren“, schimpft er. Auch den Geschwindigkeitsbeschränkungen auf der Kanonenstraße kann er nichts abgewinnen. Anders argumentiert Adolf Stibor-Kühn, der in der Siedlung Hegewiese gerade seinen Golden Retriever ausführt. „Heute ist es total ruhig“, stellt er zufrieden fest. Früher habe er im zweiten Haus nach der Einfahrt gewohnt. „Das war nicht auszuhalten.“ Jetzt wohnt er am hinteren Ende und hört vor allem die Motorräder auf der Siegfriedstraße nach Oberreifenberg. „Da geben sie aber nicht so viel Gas.“ Er hat nichts gegen Motorradfahrer. „Meine Frau fährt selbst, wir cruisen lieber.“ Doch wenn er an der Hegewiese die Landstraße auf dem Weg zum Wanderparkplatz überquere, sei das manchmal lebensgefährlich. „Da hört und sieht man nichts, und plötzlich jagt einer in Schräglage um die Kurve.“ An diesem Tag kommt an dieser Stelle nur vereinzelt ein Motorradfahrer vorbei, der die Schilder übersehen und einer Kontrollstelle der Polizei entgangen ist. Am späten Nachmittag zieht Uwe Schweitzer, Leiter der Polizeistation Oberursel, Bilanz. Zehn Motorradfahrer haben die Beamten gestoppt.

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