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Moscheeverband Ditib : Skepsis nach Querelen im Verband

  • -Aktualisiert am

Zweierlei Prägung: eine Muslimin vor einer türkischen und einer deutschen Fahne in der Friedberger Ditib-Moschee Bild: dpa

Die türkisch geprägte Ditib hat sich einen neuen Vorstand gegeben. Die Wahl schlägt hohe Wellen – bis in die Landespolitik. Der neue Vorsitzende Salih Özkan hat einiges zu tun.

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          Die Zusammenarbeit zwischen der Landespolitik und dem türkischen Moscheeverband Ditib in Hessen steht vor einer Bewährungsprobe. „Wir beobachten die weitere Entwicklung des Verbands mit einiger Sorge“, sagt Regierungssprecher Michael Bußer (CDU). Ditib ist eine von zwei islamischen Religionsgemeinschaften, mit denen das Land seit dem Schuljahr 2013/2014 islamischen Religionsunterricht anbietet. Vor kurzem haben die Delegierten aus 83 Moscheegemeinden in Kelsterbach mit großer Mehrheit einen neuen Vorstand gewählt: Es gab 187Ja- und fünf Nein-Stimmen. Nachfolger des bisherigen Vorsitzenden Fuat Kurt aus Darmstadt ist Salih Özkan aus Neu-Isenburg.

          Die Skepsis der Landesregierung nährt sich aus Schilderungen der Begleitumstände der Wahl. So soll der im türkischen Generalkonsulat in Frankfurt angesiedelte Religionsattaché eine deutliche Wahlempfehlung gegen Kurt gegeben haben. Axel Wintermeyer, der Chef der Staatskanzlei, und Kultusminister Alexander Lorz (beide CDU) sahen sich dazu veranlasst, mit Generalkonsul Ufuk Ekici Kontakt aufzunehmen, auch mit Blick auf den islamischen Religionsunterricht. Stellung nehmen will der Generalkonsul dazu jedoch nicht.

          Manche nennen es einen „Putsch“ gegen Kurt

          Außerdem ist Kurt vor der Wahl aus den eigenen Reihen massiv beschimpft worden, zum Beispiel als „militanter Linker“. Auch sein Einsatz für den islamischen Religionsunterricht wurde diskreditiert – von Sachkenntnis weitgehend ungetrübt. Schließlich zog Kurt, der wesentlich an der Einführung jenes Schulfachs in Hessen beteiligt war, seine Bewerbung kurz vor der Wahl zurück. „Ich habe keinen Sinn mehr darin gesehen, zu kandidieren.“ Mehr will er nicht sagen.

          Nun macht das Wort vom „Putsch“ gegen Kurt die Runde. Der SPD-Landtagsabgeordnete Turgut Yüksel sieht konservativ-orthodoxe, der türkischen AKP nahestehende Kräfte am Werk, die Kurt loswerden wollten. Für die hessische Landesregierung stelle sich die Frage, ob Ditib noch als unabhängige Organisation betrachtet werden könne. Yüksels Kollege von der CDU, Ismail Tipi, plädiert dafür, Ditib „kritisch“ zu beobachten. „Ich wünsche mir vom neuen Vorstand, dass er die gute Arbeit des alten Vorstands fortsetzt, der viel für die Integration getan hat.“

          Ditib-Vorsitzende weist Vorwürfe zurück

          Zweifel an der Unabhängigkeit wurden laut, weil der neue Vorstand auf Vorschläge der in Köln ansässigen Ditib-Zentrale zurückgeht. Der Bundesvorstand fungiert wie ein Aufsichtsrat des Landesverbands und hat ein solches Vorschlagsrecht. Der neue Vorsitzende Salih Özkan widerspricht der Befürchtung, der neue Vorstand sei ein „Außenposten“ Kölns. Trotz mehrmaliger Nachfrage habe sich bei der Wahl niemand anders zu einer Kandidatur bereit erklärt, sagt Murat Kayman. Er ist der Koordinator der Zentrale für die Ditib-Landesverbände und war einer der Wahlleiter. Die Wahl sei ruhig verlaufen und habe allen satzungs- und vereinsrechtlichen Bestimmungen genügt.

          Dass der Religionsattaché die Wahl beeinflusst haben soll, hält der Ditib-Vorsitzende Özkan für eine „Mutmaßung“. Auch Kayman weist solche Vorwürfe zurück. Der Attaché sei im Verband ausschließlich als theologischer Ansprechpartner gefragt.

          Wer hinter den Attacken stehen soll

          Dem Vernehmen nach soll der Attaché nahegelegt haben, Kurt im Falle einer Kandidatur nicht zu wählen. Daran gebunden gefühlt hätten sich vor allen die Imame in der Wahlversammlung, deren Dienstherr der Attaché ist. Kritiker sehen darin einen unstatthaften Einfluss aus der Türkei auf eine Wahl in Deutschland. Sie führen dabei auch die Verbindung von Ditib mit der türkischen Religionsbehörde in Ankara an. Ditib für fremdgesteuert zu halten sei ein Klischee, das lediglich dazu diene, die Organisation in einem bestimmten Licht erscheinen zu lassen, entgegnet Kayman. Einen Einfluss aus der Türkei anzunehmen „ist aberwitzig“.

          Genauso klar distanziert sich Kayman auch von der Diffamierung Kurts, die es vor der Wahl gab, er würdigt vielmehr dessen Verdienste. Der Aufsichtsrat habe den früheren Vorsitzenden „in Schutz genommen“ und unsachliche Angriffe auf ihn verurteilt. „Das war schädlich für die Person und für den Verband.“ Hinter den Attacken auf Kurt soll der Landeskoordinator von Ditib Hessen, Selcuk Dogruer, gestanden haben, was dieser ausdrücklich zurückweist: „Mir eine Verleumdungskampagne zu unterstellen ist lächerlich.“

          Özkan bemängelt „Informationsdefizit“

          Der neue Vorstand ist für zwei Jahre gewählt. Er arbeitet ehrenamtlich. Özkan ist Vorsitzender der Ditib-Gemeinde in Neu-Isenburg. Hauptberuflich ist er als Nachrichtentechniker eines Mobilfunkunternehmens tätig. Die anderen Vorstandsmitglieder, unter ihnen eine Frau, kommen aus Bad Homburg, Hanau, Rüsselsheim, Alsfeld, Gelnhausen und Kassel. Einer gehörte schon dem früheren Vorstand an. Auch Özkan verfügt über Erfahrung im hessischen Verband, denn er war von 2009 bis 2011 im Gründungsvorstand.

          Özkan sagt, er wolle einen guten Kontakt zu den Gemeinden pflegen. Es gebe ein „Informationsdefizit“. Zu den Gemeinden soll Kurt eine zu große Distanz gehabt haben, was der eigentliche Grund dafür gewesen sei, ihn nicht abermals wählen zu wollen. Wichtig ist Özkan auch, die Jugendarbeit zu fördern, die Kooperation mit dem Land beim Religionsunterricht fortzusetzen und den Kontakt zur Frankfurter Universität zu pflegen.

          Auch das Uni-Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam hat die Wahl und ihre Vorgeschichte aufmerksam verfolgt. Eine Frage wird nun etwa sein, was Ditib Hessen zu jenen Lehrplänen für den islamischen Religionsunterricht in weiterführenden Schulen sagen wird, an denen derzeit Harry Harun Behr, Religionspädagoge an der Goethe-Universität, arbeitet. „Wir haben die Hoffnung, dass mit Herrn Özkan die an der Sache orientierte, gute Zusammenarbeit weitergeführt wird“, sagt Bekim Agai, der Geschäftsführende Direktor des Instituts. Da ist er nicht der Einzige in Hessen.

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