https://www.faz.net/-gzg-9ojwm

Potentielle Anschläge : Normalität als Geschenk

  • -Aktualisiert am

Polizei sperrt den Tatort einer Schießerei in der Innenstadt von Rüsselsheim ab. (Symbolbild) Bild: dpa

Der Mord an Walter Lübcke hat deutlich gemacht, dass dem Fanatismus an allen Fronten begegnet werden muss. Verfassungsschützer und Polizei müssen Strukturen aufbauen, um die freie Gesellschaft zu verteidigen.

          Ein bedrückter Horst Seehofer hat vor einigen Tagen, als er den Verfassungsschutzbericht präsentierte, es noch einmal klar ausgesprochen: Die Gefahr terroristischer Anschläge in Deutschland ist hoch. Bemerkenswert ist, dass der Bundesinnenminister diesmal auf den Zusatz „abstrakt“ verzichtete. Eine solche Umschreibung wäre drei Wochen nach dem Anschlag auf den Kasseler Regierungspräsidenten auch nicht mehr angebracht gewesen. Und ganz offenbar warnen die Sicherheitsdienste so eindringlich wie lange nicht vor der wachsenden Gewaltbereitschaft von Extremisten aller Schattierungen.

          Der Mord an Walter Lübcke hat auf grausame Weise deutlich gemacht, dass dem Fanatismus an allen Fronten begegnet werden muss. Verfassungsschützer und Polizei müssen schneller als bisher geplant Strukturen aufbauen, um der Bedrohung durch die rechts- aber auch die weiterhin nicht zu unterschätzende linksextremistische Szene gerecht zu werden.

          Ist die Lage so schlimm wie nie?

          Es wäre freilich ein fataler Irrtum anzunehmen, man könne dabei die Kräfte neu verteilen, den Fokus wieder etwas abrücken von den Islamisten, da doch nun ihr „Staat“ militärisch besiegt sei. Nur die wenigsten der Kämpfer und Sympathisanten, die in diesen Wochen auch nach Hessen zurückkehren, werden sich von der Überzeugung verabschiedet haben, ein Gemeinwesen nach ihren Vorstellungen auch mit Gewalt errichten zu wollen und Andersgläubige dafür töten zu dürfen.

          Ist die Lage so schlimm wie nie? Nein, aber es gilt umso mehr: Die freie Gesellschaft muss mit hohem Einsatz verteidigt werden. Das wird gerade nach einer Phase der vermeintlichen Entspannung, die nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt eintrat, einem nun umso schmerzlicher bewusst. Mit Blick auf den Wahnsinn und den Hass, der in Teilen der angeblich sozialen Medien wütet, ist Achtsamkeit das Gebot der Stunde – nicht nur für den Staat, sondern für jedermann.

          Verhältnisse zu bewahren, in denen Veranstaltungen wie am Sonntag der Frankfurter Triathlon fröhlich und unbeschwert von vielen gefeiert werden können, verlangt einen immer höheren Aufwand. Normalität, das sollte einem an einem solchen Tag bewusst werden, ist ein Geschenk.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.