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Mord an junger Afghanin : Fotos der toten Tochter für die Familienehre

Kurz nach Weihnachten wurde im Frankfurter Gutleutviertel eine junge Afghanin erwürgt, die als gut integriert galt. Der Vater hat sich abgesetzt, wie die Polizei bald vermutete. Und nun sind Fotos der Toten aufgetaucht.

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          Es war einen Tag nach Weihnachten, als Naima B. ermordet wurde. Die Nachricht wurde der Polizei von einem Nachbarn in einem kurzen Telefonat übermittelt. Eine junge Frau liege tot in ihrer Wohnung, hieß es kurz und knapp. Die Polizei schickte sofort eine Streife zu dem Haus im Frankfurter Westen und fand die Vierundzwanzigjährige leblos in ihrem Zimmer, die Hände gefesselt, der Mund mit Paketband zugeklebt. Die Obduktion bestätigte, was die Beamten längst ahnten. Naima B., deren Name zum Schutz der Familie für diesen Artikel geändert wurde, starb „durch Gewalteinwirkung gegen den Hals“ - sie wurde erwürgt.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Schon als Naima gefunden wurde, deutete die Polizei an, es könne sich um ein Familiendrama handeln. So steht der Vater der afghanischen Familie bis heute unter dringendem Tatverdacht, seine Tochter umgebracht zu haben. Er ist unmittelbar nach der Tat nach Afghanistan geflüchtet, dort hält er sich noch immer auf. Langsam klären sich die Hintergründe des Verbrechens, und die Polizei spricht mittlerweile offen von „Ehrenmord“.

          Fotos als „Beweis“

          So soll Naima, laut Nachbarn eine fröhliche, gut integrierte junge Frau, kurz vor der Zwangsheirat mit einem afghanischen Mann gestanden haben, mit dem sie dann auch in Afghanistan leben sollte. Beides lehnte sie ab und soll dies auch ihrem Vater deutlich gesagt haben. Der habe es als Schande angesehen, dass seine Tochter sich gegen die Hochzeit wehre. Mit ihrem Tod, so heißt es unter den Ermittlern, sollte die Familienehre wiederhergestellt werden.

          Die Polizei sieht sich in ihrer Einschätzung vor allem dadurch bestätigt, dass der Vater offenbar nicht nur nach Afghanistan gereist ist, um dort unterzutauchen. Wie aus Ermittlerkreisen zu hören ist, sind Fotos der toten Naima aufgetaucht, die der Vater nach der Tat aufgenommen hat. Er hat sie im eigenen Familienkreise herumgezeigt ebenso wie in der Familie des Mannes, den Naima heiraten sollte. Offenbar, so vermuten die Ermittler, sollte dieser „Beweis“ dazu dienen, zu demonstrieren, dass innerhalb der Familie das „Recht“ wiederhergestellt sei. Darüber hinaus soll es auch um eine Wiedergutmachung der bereits gezahlten Mitgift gegangen sein.

          Die Frankfurter Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Totschlags gegen den Vater. Die Sprecherin der Behörde sagte jedoch, es könne später auch wegen Mordes angeklagt werden, sollten sich die Mordmerkmale erhärten. Innerhalb der Polizei unterdessen hält man von dieser juristischen Unterscheidung nichts. Dort herrscht schon jetzt die Meinung vor, der Vater habe die Tochter aus niederen Beweggründen „eiskalt“ ermordet. Nach Angaben der Polizei kämen „Ehrenmorde“ immer häufiger vor. Eine Statistik darüber gibt es aber nicht. Auf den ersten Blick, so ein Sprecher, seien es Beziehungsdelikte, wie sie sich in jeder Kultur ereignen könnten - nur dass bei solchen Taten kulturelle und religiöse Motive im Vordergrund stünden.

          Online-Beratung zu drohender Zwangsheirat

          Wie groß der Bedarf nach Beratung ist, hat der städtische Präventionsrat vor fünf Jahren untersucht. Er nahm an einem Pilotprojekt des Berliner Vereins Papatya teil, das erstmals eine anonyme Online-Beratung zum Thema „Zwangsheirat und familiäre Gewalt“ anbot. 181 Mädchen und junge Frauen meldeten sich daraufhin, wie der Geschäftsführer des Präventionsrats, Frank Goldberg, sagt. 26 davon kamen aus Hessen, die meisten aus Frankfurt; sie waren fast alle zwischen 18 und 22 Jahre alt. „Also genau in dem Alter, in dem Zwangsheirat für junge Frauen konkret wird und in der Familie eine Rolle spielt.“

          Ob es jemals zur Anklage gegen Naimas Vater kommen wird, ist unklar. Trotz eines internationalen Haftbefehls kommen die Strafverfolgungsbehörden nicht an ihn heran, solange er sich in Afghanistan aufhält. Auch die Mutter von Naima konnte bislang nicht helfen. Sie hat vor allem ihre beiden anderen Töchter im Blick.

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