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Mord am Frankfurter Bahnhof : Kein Tweet ist zu böse

400 Menschen nehmen an der Trauerandacht für den getöteten Jungen auf dem Frankfurter Bahnhofsvorplatz teil. Hat Frankfurt nicht 750.000 Einwohner? Bild: Frank Röth

Während Linke und Rechte krakeelen, schweigen die meisten Bürger zu dem Mord am Frankfurter Hauptbahnhof. Warum überlassen wir den Radikalen die Debatten und die Plätze?

          Montagabend in Frankfurt. Kaum zehn Stunden ist es her, dass ein Kind am Hauptbahnhof gestorben ist. Ein Eritreer hat um zehn Uhr morgens einen Achtjährigen vor einen einfahrenden ICE gestoßen. Eine unfassbare Tat. Die dritte unfassbare Tat in Hessen in kurzer Zeit. Erst der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke durch einen Rechtsextremen, dann die Schüsse eines Ausländerfeinds auf einen jungen Eritreer in Wächtersbach. Und jetzt der Mord an einem kleinen Kind, begangen von einem Ausländer.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          In der Frankfurter Innenstadt treffen sich zu dieser Stunde etwa 80 Leute. Mit dem furchtbaren Verbrechen im Herzen der Stadt hat ihr Treffen nichts zu tun. Sie sind gekommen, um gemeinsam Sport zu machen. Die meisten sind jung, sportlich, ehrgeizig. Sie kommen aus der Mitte der Gesellschaft. In ihren Gesprächen geht es um den jüngsten Wettkampf, das neue Trainingsprogramm, die richtige Kleidung. Die Tat am Hauptbahnhof ist kein Thema.

          Die Mitte der Gesellschaft – warum zeigt sie sich in diesen Tagen eigentlich nicht? Wo ist sie in diesen Wochen, in denen drei schreckliche Taten Hessen und Deutschland treffen? Drei Taten, die bei allen Unterschieden doch eines miteinander verbindet: Sie berühren das Verhältnis von Deutschen und Migranten. Sie erschüttern den Zusammenhalt, sie treiben einen Keil in dieses Land.

          Die Reaktionen auf die Tat schaffen eine zweite Wirklichkeit

          Wer sich mit den Reaktionen auf die jüngste Tat beschäftigt, ist fassungslos. Auf Links- und Rechtsaußen wird gegeifert und krakeelt. In einer Lautstärke, als wären diese Leute die Mehrheit. Kein Tweet zu böse, um nicht in die Tastatur gespien zu werden. Die Tat, sie ist die eine schlimme Wirklichkeit. Aber die Reaktionen auf die Tat erschaffen sich eine zweite Wirklichkeit, die ebenfalls schlimm ist, weil sie den Eindruck verstärkt, diese Gesellschaft falle auseinander. Als gehe es nicht mehr um das Ob, sondern nur noch um das Wann. Beide Seiten instrumentalisieren die Morde für ihre Zwecke. Beide wollen zündeln, beide wollen die Deutungshoheit. Und beiden Seiten geht es nicht darum, die Lage zu beruhigen, die Ermittlungsergebnisse der Behörden abzuwarten und dann die richtigen Schlüsse zu ziehen. Es geht ihnen bloß darum, die Menschen gegeneinander aufzuhetzen.

          Zeichen der Trauer an Gleis 7 am Frankfurter Hauptbahnhof

          In den sozialen Medien ist das alles nachzulesen. Wer kurz nach der Tat die Trends auf Twitter verfolgte, also die Begriffe, nach denen Nutzer besonders oft suchten, fand unter den ersten zehn diese sechs, jeweils mit Hashtag: #Frankfurt, #Herkunft, #Afrikaner, #FrauWeidel, #Taten, #Todesstrafe. Die Verachtung, vor der manche Einträge triefen, ist erschütternd. Viele der Hetzer scheinen sich ihren Account nur zum Hassen angelegt zu haben.

          Dienstagabend, Bahnhofsvorplatz. Gleich beginnt die Trauerandacht für das tote Kind und seine Mutter. Die hatte der Täter ebenfalls auf das Gleis gestoßen; die Frau konnte sich gerade noch retten. Organisiert wird die Andacht von der Bahnhofsmission und den beiden großen Kirchen. In die Gebete eingeschlossen werden die Angehörigen des Jungen, die Rettungskräfte, die Augenzeugen und der Lokführer. Der Platz ist ganz ordentlich gefühlt. Etwa 400 Menschen sind da. Hat Frankfurt nicht 750.000 Einwohner?

          Gekommen, um Kapital aus dem Tod des Jungen zu schlagen

          Zu hören sind vor dem Hauptbahnhof wieder einmal nur ein paar Dutzend. Sie sind nicht gekommen, um zu trauern und zu beten. Sie sind gekommen, um aus der Tat und dem Tod des Jungen Kapital zu schlagen. Während die eine Seite „Say it loud, say it clear, refugees are welcome here“ skandiert, nimmt die andere Seite die Herkunft des eritreischen Täters zum Anlass, die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung zu verdammen. Nur knapp verhindern Polizisten eine Schlägerei. Dass der Täter seit 2006 in der Schweiz lebte, sich dort legal aufhielt, in psychiatrischer Behandlung war und deshalb mit der deutschen Flüchtlingspolitik seit 2015 gar nicht in Verbindung zu bringen ist? Spielt keine Rolle in der aufgeheizten Atmosphäre am Hauptbahnhof.

          Die beiden ranghöchsten Politiker der Stadt haben den Ernst der Lage erkannt. Deshalb stehen sie ganz vorn. Wie andere aus der Stadtregierung auch. Als erster Bürger Frankfurts ist Stadtverordnetenvorsteher Stephan Siegler im dunklen Anzug und mit dunkler Krawatte zur Andacht erschienen. Der CDU-Politiker sagt: „Es geht darum, Präsenz zu zeigen.“ Darum, den Radikalen nicht das Feld zu überlassen. Auch Oberbürgermeister Peter Feldmann versucht, die Lage zu beruhigen. Er wünsche sich, dass der Täter „seiner gerechten Strafe nicht entgeht“, sagt der SPD-Politiker. Er warnt auch vor neuem Hass gegen Ausländer.

          Wem gehört dieses Land? Wem gehört diese Stadt?

          Reicht das? 30 Minuten Andacht, 400 Teilnehmer und jetzt weitermachen? Nein. Die Vernünftigen, die Besonnenen dürfen den Zündlern, Hetzern, Verharmlosern nicht die Debatten und die Plätze überlassen. Wem gehört dieses Land? Wem gehört diese Stadt? Nicht der AfD und ihren Anhängern, die auf perfide Weise eine direkte Verbindung zwischen der Aufnahme von Flüchtlingen und dem Mord an Gleis 7 ziehen. Und auch nicht denjenigen, die uns seit Jahren weismachen wollen, dieses Land müsse seine Grenzen uneingeschränkt für alle öffnen, die auch gern hier leben wollen.

          Die Mitte der Gesellschaft muss etwas tun. Muss sich endlich mehr Gehör verschaffen. Muss die Balustrade verlassen, von der aus sie teils angewidert, teils desinteressiert beobachtet, was da gerade in ihrem Land geschieht. Die Mitte der Gesellschaft. Falls es sie noch gibt.

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