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Mohammad Baharlo : Schreibender Einsiedler

Vom Persischen Golf an den Main: Für den iranischen Autor Mohammad Baharlo ist Frankfurt „Stadt der Zuflucht“. Bild: Fricke, Helmut

Im Iran war Mohammad Baharlo Opfer der Zensur. Ein Stipendium gewährt ihm jetzt Zuflucht in Frankfurt.

          Am Main fühlt er sich schon wie zu Hause am Schatt al Arab. Dort, wo die Flüsse Euphrat und Tigris zusammenfließen, bevor sie in den Persischen Golf münden, wurde Mohammad Baharlo 1955 geboren: in Abadan. Seit Juni weilt der persische Schriftsteller als Stipendiat des Programms „Städte der Zuflucht“ in Frankfurt. In Iran war er zwar nicht unmittelbar verfolgt, aber seine Arbeit wurde ihm immer schwerer gemacht. Die Möglichkeiten, seine Manuskripte zu veröffentlichen, schrumpften, die Orte, an denen er sich mit Gleichgesinnten traf, um Literaturzeitschriften herauszugeben, wurden spätestens nach sechs Monaten geschlossen. „Manchmal fehlt einfach nur das Papier“, erläuterte Jürgen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, die subtilen Behinderungen durch ein repressives Regime, als sich Baharlo jetzt im Haus des Buchs vorstellte.

          Claudia Schülke

          Feste freie Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Zu den Aufgaben der Frankfurter Buchmesse gehöre das Eintreten für die Freiheit des Wortes, sagte Boos. Die Buchmesse war es daher, die 1997 die Stadt in Zugzwang brachte, als sie den Vorschlag des damaligen Dezernenten für multikulturelle Angelegenheiten, Daniel Cohn-Bendit, aufnahm, sich dem Internationalen Netzwerk „Städte der Zuflucht“ anzuschließen. Mittlerweile kommt das Kulturamt für die Wohnung und die Krankenversicherung des jeweiligen Autors auf, die Buchmesse unterstützt ihn zwei Jahre lang mit einem Stipendium von 1200 Euro monatlich, und die Plattform „litprom“ der Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika unter Leitung von Anita Djafari kümmert sich um die soziale Einbindung des Gastes. Nach dem ersten Stipendiaten Faraj Sarkuhi und der jüngsten Stipendiatin Pegah Ahmadi ist Baharlo schon der dritte Schriftsteller aus Iran, der in Frankfurt Zuflucht sucht.

          „Die Literatur ist der Sinn meines Lebens“

          Unterstützt von der Dolmetscherin Susanne Baghestani stellte er sich als schreibender Einsiedler vor. Auch in Teheran verlasse er nur zweimal in der Woche seine Wohnung: einmal für eine dreistündige Schreibwerkstatt und einmal, um seine Mutter zu besuchen. Doch Peter Ripken, Vorstandsvorsitzender des Internationalen Netzwerks (ICORN), dem mehr als 40 Städte angehören, erinnert sich, wie irritiert Baharlo war, als bei seinem Einzug in Sachsenhausen der Computeranschluss nicht funktionierte und damit auch seine Website unbrauchbar war. Soviel zur „Einsamkeit des Schriftstellers“. Der Autor, ein Single, der seit 20 Jahren als Autodidakt ohne jedwede Förderung an einer mehrbändigen Enzyklopädie der persischen Umgangssprache arbeitet, war um Pathos auch sonst nicht verlegen: „Ich gehe dorthin, wohin es mir die Literatur gebietet.“ Aber Amerika oder Mexiko waren ihm doch zu weit.

          Nichtsdestoweniger: „Die Literatur ist der Sinn meines Lebens“, bekannte er. Romane und Kurzgeschichten hat er verfasst, die aber noch nicht ins Deutsche übersetzt sind. Sein jüngster Roman „Die Braut des Nils“ lag 15 Monate der Zensur vor, dann riss dem Autor der Geduldsfaden und er ließ das Buch in Schweden veröffentlichen. Jetzt arbeitet er an einem Roman über zwei Iranforscher aus Italien, die Ende des 18. Jahrhunderts den südlichen Iran bereisten.

          Ein Rückzug in die Geschichte ist nicht so verfänglich wie Äußerungen zur Tagespolitik, von der sich, nach Baharlos Ansicht, die Literatur ohnehin fernhalten sollte. Zudem möchte der Autor auch gern wieder in seine Heimat zurückkehren dürfen. Was seiner Vorgängerin vorerst versagt bleibt: Pegah Ahmadi hatte sich nicht nur mit ihrem grünen Schal offen zur Revolte der jungen Iraner bekannt.

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