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Mögliche Bankenfusion : „Gefangen in zu niedrigen Erträgen und zu hohen Kosten“

Kann die mögliche Bankenfusion laut Experten kompensieren: Der Finanzplatz Frankfurt Bild: Wolfgang Eilmes

Tausende Arbeitsplätze haben die Banken in Frankfurt in den letzten beiden Jahrzehnten abgebaut. Bei einer Fusion von Commerzbank und Deutscher Bank würden wohl weitere 30.000 Stellen wegfallen. Und das ist nicht das Ende.

          Einer Fusion zwischen Deutscher Bank und Commerzbank würden zweifellos Tausende Stellen zum Opfer fallen, die Rede ist von mindestens 30.000 Arbeitsplätzen. Frankfurt könnte davon überproportional betroffen sein. Doch Michael Grote ist um den Finanzplatz deshalb nicht bange. Dem Finanzprofessor an der Frankfurt School of Finance reicht dafür ein Blick in die Geschichte. Aus der vergangenen, zehn Jahre zurückliegenden Finanzkrise sei kein Finanzplatz mit weniger Beschäftigten hervorgegangen als zuvor.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Zwar ginge die Zahl der Beschäftigten bei den beiden Banken im Fall einer Bankenhochzeit zunächst zurück. „Aber der Finanzplatz ist resilient genug, um das zu verkraften“, sagt Grote. Allein durch den Brexit entstünden Tausende neuer Arbeitsplätze in Frankfurt und der Region, wenn auch nicht zwingend bei den Banken selbst, sondern eher im Finanzsektor, zu dem auch Dienstleister wie Anwälte oder Berater gehören, die sich mit dem Brexit befassen.

          Wo findet die Abwärtsbewegung ihr Ende?

          Die Zahl der Beschäftigten im klassischen Kreditgewerbe hingegen werde in Deutschland und damit in Frankfurt weiter abnehmen, prognostizierte der Finanzprofessor. Seinen Quellen zufolge ist die Summe der Angestellten seit Mitte der Neunzigerjahre bundesweit von rund 700.000 auf heute 500.000 Männer und Frauen zurückgegangen. Doch wo findet diese Abwärtsbewegung ihr Ende? Grote ist überzeugt, dass sich die Zahl der Beschäftigten in diesem Segment in den nächsten Jahren nochmals halbieren wird.

          Dafür macht Grote eine Rechnung auf, die sich daran orientiert, dass die großen Privatbanken wie Deutsche Bank und Commerzbank als zu ineffizient gelten und demnach zu viel aufwenden müssen, um einen Euro zu verdienen – derzeit liegt dieser Betrag bei der Deutschen Bank bei 93 Cent, bei der Commerzbank bei 80 Cent, bei der ING aber bei nur 47 Cent.

          Das heutige Bankgeschäft abbilden

          Grote fragt, was passieren würde im Kreditwesen, wenn alle Banken so effizient wären wie die ING mit ihren derzeit rund 4000 Mitarbeitern – und liefert die Antwort. Da die ING nämlich in Deutschland etwa die Hälfte der Bankgeschäfte anbiete und einen Marktanteil von rund fünf Prozent habe, wären nur rund 160.000 Arbeitsplätze notwendig, um das heutige Bankgeschäft abzubilden. Da die ING vermutlich tendenziell eher auf personalintensive Dienstleitungen verzichtet, rechnet Grote noch mal 100.000 Stellen dazu, als Puffer sozusagen. Damit kommt er auf 260.000 Stellen statt der bisher 500.000. Käme es tatsächlich zu solch einer Entwicklung, wäre Frankfurt mit seinen derzeit geschätzt 65.000 Stellen in der Finanzbranche davon in erheblichem Maße betroffen.

          Ob es bis dahin noch zwei oder nur noch eine große Privatbank in Deutschland gibt, weiß zum jetzigen Zeitpunkt vermutlich noch niemand. Bei der Entscheidung dürfte die Frage, ob sich durch eine Fusion Kosten sparen ließen, eine wichtige Rolle spielen. Sascha Steffen, ebenfalls Finanzprofessor an der Frankfurt School, glaubt nicht daran, dass Unternehmen durch Fusionen profitabler werden. „Historisch betrachtet, ist diese Theorie nicht haltbar“, sagt Steffen. Mit Blick auf diese Profitabilität, ergänzt Steffens Kollege an der Hochschule, Tobias Berg, seien Commerzbank und Deutsche Bank gefangen in zu niedrigen Erträgen und zu hohen Kosten.

          Berg sagte, in Deutschland funktionierten derzeit vor allem zwei Geschäftsmodelle: Jenes der Sparkassen und Volksbanken mit relativ hohen Erträgen, aber auch hohen Kosten. Und jenes der Direktbanken wie der niederländischen ING mit relativ geringen Erträgen, aber auch niedrigen Kosten. Dazwischen fänden sich die beiden Frankfurter Häuser, die derzeit über ein Zusammengehen diskutieren, „mit Erträgen wie bei den Direktbanken und Kosten wie bei Volksbanken und Sparkassen“, so Berg.

          Dass dies nun für eine Fusion von Deutscher Bank und Commerzbank spricht, glaubt Berg hingegen nicht. „Denn dieses Grundproblem lässt sich durch einen Zusammenschluss allein nicht lösen.“

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