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Moderne Kunst im Städel : Fast schon eine Art Kanon

Die Ausstellung „Große Realistik & Große Abstraktion“ präsentiert Schätze der Moderne und der Postmoderne aus der Graphischen Sammlung des Städels.

          2 Min.

          Der Begriff der Zeichnung ist weit gefasst. Zumindest in dieser Schau. Er umfasst neben Bleistift-, Wachskreide-, Kohle-, Kugelschreiber-, Tuschezeichnungen auch Aquarelle, Gouachen, Lithographien, Holzschnitte, Collagen und mit der Arbeit „Großer Kopf“ von Sigmar Polke aus dem Jahr 1979 gar ein mit zwei Bildebenen operierendes Werk. Unter einer mit Acryl- und Wasserfarben bemalten, mit vielerlei Klecksen versehenen Schablone befindet sich ein weiterer Velinkarton, pastos in Blau und Schwarz bepinselt und besprüht. Es ist nicht einfach und vielleicht überhaupt nicht möglich, sich auf dieser Arbeit zurechtzufinden, was darauf zu sehen ist, lässt sich nicht gemeinsam in den Blick nehmen, es lauern doppelte Böden und Fallstricke, und das ist für diesen Künstler durchaus typisch. Sein großes Thema ist die Verwandlung, die Veränderung des Sichtbaren, der permanente Schein, der immer trügt und doch verführerisch glänzt. Der Maler wird zum Alchimisten. Das Kunstwerk zum Experiment. In Frage steht unsere Wahrnehmungsfähigkeit.

          Breite Auswahl an Kunststücken

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          In der Ausstellung „Große Realistik & Große Abstraktion“ nimmt Polke, auch wenn er einst unter der ironisch von ihm und einigen Mitstreitern propagierten Richtung des „Kapitalistischen Realismus“ firmierte, eine Mittelstellung ein. Es ist in diesem Werk viel Wirklichkeit, aber sie ist darin zugleich in unaufhaltbarer Auflösung begriffen. Auf einer Etage des Peichl-Baus sind insgesamt 100 Blätter aus der Graphischen Sammlung zu sehen, wahre Schätze der Moderne, auch einiges Postmoderne ist dabei. Was Rang und Namen hat in der deutschen Kunst des 20. Jahrhunderts, scheint hier versammelt zu sein, Werke von Künstlern, die stilbildend wirkten und jeweils sehr starke Positionen markieren. Fast könnte man sagen, man habe es hier mit einer Art Kanon zu tun, mit einer Ausstellung, in der die wesentlichen Stile des vorigen Säkulums, wie sie sich in Deutschland entwickelt haben, mit charakteristischen Arbeiten vertreten sind. So kommt einem vieles sehr bekannt vor, aber da das Material, das diese Kunst trägt, Papier oder Pappe ist, wird der erste Eindruck doch rasch korrigiert.

          Diese Arbeiten sind doch anders als die Ölgemälde, konzentrierter, feiner, manchmal klarer und deutlicher, aber zumeist weniger auftrumpfend. Die kleineren Formate führen oft ins Wesentliche einer ästhetischen Auffassung, bringen sie unvermittelter zum Ausdruck, lassen die große Geste vermissen, die mitunter die Bedeutung in den Hintergrund rückt. Und gelegentlich ergänzen oder konterkarieren diese Arbeiten auf Papier gar das Gesamtbild, das wir von einem Künstler oder einer bestimmten Phase seines Schaffens haben. So verraten etwa die Graphitzeichnungen Gerhard Richters eine Nervosität, die sich sonst im OEuvre des bei aller Wandlungsfähigkeit doch stets auf äußerste Akkuratesse bedachten Künstlers so nicht findet.

          Mit Max Beckmann und Ernst Ludwig Kirchner haben zwei der wichtigsten Neuerer, die im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts auf den Plan getreten sind, einen grandiosen Auftritt. Ebenso wie jene, die sich um 1980 auf den Expressionismus bezogen und mit wilder, heftiger Malerei alles Konzeptuelle hinter sich lassen wollten. Und Beuys, der entsetzt war über ihre neuerliche Wendung zum Figurativ-Malerischen, kommt auch vor. Wie die Spielarten des Informel, das der Weltsprache der Abstraktion einige eigenwillige Dialekte hinzufügte.

          GROSSE REALISTIK & GROSSE ABSTRAKTION.

          Zeichnungen von Max Beckmann bis Gerhard Richter bis 16. Februar 2020. Frankfurt, Städel Museum, Schaumainkai 63. Öffnungszeiten: Di, Mi, Sa, So und Feiertage 10 bis 19 Uhr, Do, Fr 10 bis 21 Uhr

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