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Flüchtlinge in Rhein-Main : Arbeiten, um „einen Fuß in der Tür zu haben“

  • -Aktualisiert am

Zupackend: Michael Tewoldebihan (rechts) und Desale Tefamichael Embaye arbeiten im Hattersheimer Freibad. Bild: Michael Kretzer

Flüchtlinge helfen im Rahmen eines Modellprojekts beim Frühlingsputz im Hattersheimer Freibad. Der Job ist wichtig, denn er gibt ihnen Hoffnung.

          3 Min.

          Von „Frau Silke“ haben sie viel gelernt. Dazu zählten weniger die handwerklichen Fähigkeiten. Mit einem Pinsel und Farbe konnten Michael Tewoldebihan und Desale Tefamichael Embaye schon vor ihrer Beschäftigung im Hattersheimer Freibad umgehen. Aber die Verständigung mit den deutschen Kollegen klappt nach der wochenlangen gemeinsamen Arbeit in dem Freibad schon viel besser, der alljährliche Frühlingsputz wird pünktlich zum 1. Mai abgeschlossen, und „Frau Silke“ alias Bademeisterin Silke Schwenn ist mit den beiden Männern aus Eritrea sehr zufrieden. Weitere acht Flüchtlinge haben die Chance ergriffen und unterstützen den Bauhof 20 Stunden wöchentlich in sogenannten Ein-Euro-Jobs.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Wegen des Geldes mache er das nicht, sagt der 40 Jahre alte Tewoldebihan. Aber „Frau Silke“ bringe ihm eben viel Deutsch bei. Stolz formuliert der Asylbewerber einen Satz aus diesem neu erworbenen Repertoire, der ihm besonders gut gefällt: Es gehe ihm darum, „einen Fuß in der Tür zu haben“.

          Ein Hoffnungsschimmer

          Seit zwei Jahren lebt Tewoldebihan schon in Deutschland, einen Sprachkursus bekam er bisher nicht finanziert: „Keine Papiere, kein Sprachkurs“, habe ihm die Mitarbeiterin der Ausländerbehörde trotz mehrfacher Nachfragen bedeutet, berichtet er. Aber der Eritreer ist sich bewusst, dass sich sein Traum, in Deutschland eine Existenz aufbauen zu können, ohne ausreichende Sprachkenntnisse nicht erfüllen wird. In seinem Land sei er zum militärischen Dienst gezwungen worden und schließlich auf abenteuerlichen Wegen nach Deutschland gelangt. Frau, Kind und die alte, kranke und schwerhörige Mutter habe er zurücklassen müssen. Der Kontakt mit ihnen sei spärlich, aber immerhin habe er der Mutter schon einmal ein wenig Geld schicken können.

          Für den Vierzigjährigen und seinen 25 Jahre alten Landsmann Embaye bedeutet die Arbeitsgelegenheit einen ersten Hoffnungsschimmer: Er wolle doch mit seinen 25 Jahren nicht nur herumsitzen und grübeln, macht Embaye mit Händen und Füßen klar und strahlt über das ganze Gesicht ob der zahlreich frisch gestrichenen Fassaden auf dem Gelände, zu denen er mit seiner Arbeit beitrug.

          Arbeit für Flüchtlinge reglementiert

          Hattersheim zählt laut Bürgermeisterin Antje Köster (SPD) zu den ersten Kommunen, die sofort an dem durch den Main-Taunus-Kreis initiierten Modellprojekt teilnahmen. Das Angebot ziele darauf, Asylbewerber möglichst frühzeitig bei der Eingliederung in den Arbeitsmarkt zu unterstützen, erläuterte Sozialdezernent Johannes Baron (FDP). So könnten die Flüchtlinge in Schulen, Bauhöfen und sozialen Einrichtungen im Rahmen von sogenannten Arbeitsgelegenheiten beschäftigt werden. Dieser Einsatz sei aber an Bedingungen geknüpft. Das Konzept werde zunächst auf drei Jahre befristet und auf 60 Teilnehmer begrenzt. „Wir wollen damit Hilfe zur Selbsthilfe bei der Integration leisten“, sagt Baron. Wegen ausländerrechtlicher Regelungen und als Vorbeugung gegen Missbrauch sei es nötig, für Beschäftigungen im Main-Taunus-Kreis einen Rahmen zu schaffen. Die Asylbewerber lernten nicht nur das deutsche Arbeitsleben kennen, sie würden auch verpflichtet, an Deutschkursen teilzunehmen, und könnten so ihre Chancen zur Eingliederung in die Gesellschaft erhöhen.

          Das Konzept stellt laut Baron verschiedene Anforderungen an diese Arbeitsgelegenheiten. Sie müssen „gemeinnützig“ und „zusätzlich“ sein, dürfen also keine regulären Arbeitsplätze ersetzen. Die Teilnehmer müssen sich mindestens schon drei Monate in Deutschland aufhalten. Mit dieser Arbeit könnten sie maximal 84 Euro im Monat zu ihren Sozialleistungen hinzuverdienen.

          Asylbewerber in der Stadt beliebt

          Nach dem Einsatz im Landratsamt und den Kommunen sollen Asylbewerber im vierten Quartal dieses Jahres ebenso in karitativen Organisationen eingesetzt werden, etwa bei den „Tafeln“, in Kleiderkammern und im Sozialkaufhaus. Die Teilnehmer am Programm sollen jeweils drei Tage arbeiten und zwei Tage einen Deutschkurs besuchen. Koordiniert würden die Einsätze vom Main-Taunus-Kreis, der diese Plätze den Bewerbern zuteile, erläuterte Baron. Die Tätigkeiten seien „hilfreich, aber ebenso sinnstiftend“, fügte er hinzu.

          Bürgermeisterin Köster, in deren Kommune Hattersheim und den zwei Stadtteilen Eddersheim und Okriftel in verschiedenen Unterkünften derzeit 139 Flüchtlinge auf ihre Anerkennung warten, ist voll des Lobes. Alle acht Asylbewerber, die in der Stadt schon beschäftigt worden seien, gingen mit großer Tatkraft an ihre Arbeit, sie seien beliebt und trügen allein durch ihre Präsenz in der Stadt zu einem positiven Miteinander bei. Aber auch die vielen Ehrenamtlichen, die Asylbewerber „aus reiner Nächstenliebe ohne Eigennutz“ bei ihren täglichen Gängen unterstützten, trügen zu dem guten Klima bei. Fremdenfeindliche Tendenzen erlebe sie in Hattersheim jedenfalls nicht. Im Gegenteil: Wer mitschaffe, werde sofort von seinen Kollegen anerkannt, und selbst Sprachbarrieren könnten so leichter überbrückt werden.

          Tewoldebihan ist jedenfalls voller Vorfreude, demnächst steht für ihn als Teilnehmer des Modellprojektes nach getaner Arbeit sein erster Deutschkursus an - obwohl er den Ämtern immer noch keine Ausweispapiere vorlegen kann.

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