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Mobilität in Wiesbaden : Die fahrradbewegte Stadt

Hartes Pflaster: In Wiesbaden, hier vor dem Kurhaus, läuft für Radfahrer noch längst nicht alles glatt. Bild: dpa

Noch gilt Wiesbaden nicht gerade als ein Paradies für Radler. Doch das drohende Dieselfahrverbot hat ein radikales Umdenken befördert.

          Die Landeshauptstadt gilt alles andere als fahrradfreundlich. Die Topographie ist nicht eben einladend, und die viel zu wenigen Fahrradwege sind nicht selten zugeparkt. Beim ersten öffentlichen Radverkehrsforum vor wenigen Monaten wurde die Situation für Radler mehrfach als „lebensgefährlich“ beklagt. Bei den Städtebewertungen des ADFC schnitt Wiesbaden mehrfach niederschmetternd schlecht ab. Doch seit Andreas Kowol (Die Grünen) für Umwelt und Verkehr zuständig ist und seit dieser passioniert radelnde Dezernent in der Folge drohender Dieselfahrverbote ganz neue politische und finanzielle Spielräume erhalten hat, ändert sich das Bild.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Und das Bewusstsein der Bürger. Zwar hatte der Radverkehr in Wiesbaden bis vor kurzem noch einen höchst bescheidenen Anteil von weniger als sechs Prozent. Und bei einer repräsentativen Mobilitäts-Umfrage der Stadt gaben nur zwölf Prozent an, das Fahrrad für ihre Alltagsmobilität zu nutzen.

          Dem Radverkehr mehr Raum geben

          Doch es könnten offenbar schnell deutlich mehr werden. Denn bei der Umfrage wurden Fahrradwege und Radverkehrssicherheit mit Abstand am negativsten beurteilt. Lediglich jeder Zehnte äußerte sich zufrieden. Mehr als die Hälfte drückte große Unzufriedenheit. Darauf stützt Kowol seine Prognosen. Er hält es für möglich, den Radverkehrsanteil sehr schnell auf mehr als zehn Prozent zu steigen. Eine Zahl, die sich auch im Luftreinhalteplan wiederfindet, mit dem das Dieselfahrverbot abgewendet wurde. Die Stadt hat sich damit verpflichtet, dem Radverkehr mehr Raum zu geben, und das tut sie auch.

          Sie erfüllt damit zudem die Erwartungen der Bürger, von denen in der Umfrage der Stadt fast 70 Prozent es für vordringlich gehalten hatten, die Situation für Fahrradfahrer im Hinblick auf ihre Sicherheit und Wegeführung, zu verbessern. Das war die Forderung an die Verkehrsinfrastruktur mit der höchsten Zustimmung, während überraschenderweise nur jeder Fünfte die Wiederkehr einer Straßenbahn für dringend hält.

          Aufbruchstimmung für Radler

          Inzwischen vergeht kaum ein Monat, in dem Kowol nicht neue Radwege eröffnet oder einen Beschluss zur Ausweitung des Radwegenetzes verkünden kann. Rund 500 orangefarbene Mietfahrräder signalisieren seit einem Jahr zudem die Aufbruchstimmung für Radler in Wiesbaden.

          Noch in diesem Sommer werden die Fahrradverleih-Systeme der beiden Landeshauptstädte Wiesbaden und Mainz kompatibel sein. Dann werden sich beider Fahrradflotten im jeweiligen Stadtbild vermischen, weil ein Mainzer Leihfahrrad in Wiesbaden zurückgegeben werden kann und umgekehrt. Geht es nach Kowol, wird schon bald das nahe Umland einbezogen, beispielsweise durch eine Station am beliebten Eltviller Rheinufer.

          Noch ausbaufähig

          In Wiesbaden selbst wächst das Netz der Verleihstationen von derzeit 60 auf 90 Stationen. Damit werden auch Vororte wie Bierstadt und Erbenheim einbezogen. In den ersten neun Monaten wurden rund 37.000 Ausleihen registriert. Rund 11.000 Nutzer haben sich die notwendige Anwendung auf ihr Smartphone geladen. Ein schöner Erfolg für das Mietfahrradsystem, aber noch ausbaufähig.

          Denn Wiesbaden lässt es sich einiges kosten, um den Anteil des Radverkehrs zu steigern. Nach einer Investition von rund einer Million Euro wendet Eswe derzeit jährlich 250.000 Euro für den Betrieb der 500 Mietfahrräder einschließlich Abschreibungen auf. Das sind rechnerisch immerhin 500 Euro pro Fahrrad und Jahr.

          Kowols Plänen kommt zudem entgegen, dass die Stadt finanziell derzeit nicht auf jeden Euro schauen muss. Es standen daher nicht nur Mittel zur Einstellung von Personal für ein kommunales Radbüro im Rathaus zur Verfügung. Kowol kann derzeit rund drei Millionen pro Jahr für Projekte ausgeben, die Radfahrern den Weg ebnen sollen.

          Erst kürzlich wurde ein 2,3 Kilometer langer Radweg fertiggestellt, der entlang der Äppelallee vom Herzogsplatz bis zur Autobahnzufahrt führt. Diese Trasse ist im städtischen Rad-Grundnetz 2020 als Hauptverbindungsachse verzeichnet und schließt eine Lücke in Richtung Biebrich. Zudem wurde am ersten Ring der erste Abschnitt einer Umweltspur für Fahrräder und Busse fertig, der vom Sedanplatz aus stadteinwärts führt. Investiert wird auch in neue Fahrrad-Abstellanlagen sowie in eine verbesserte Beschilderung. Und es gibt eine Kaufprämie von bis zu 1000 Euro für Lastenfahrräder.

          Für Kowol ist der Radverkehr jedenfalls „kein Nischenthema mehr“, sondern eines, das die breite Bevölkerung beschäftigt. Bei der Aufteilung des Wiesbadener Verkehrsraumes werden die Prioritäten neu gesetzt. Die Autofahrer werden mit weniger Platz auskommen müssen. Und schon gibt es auch Gedankenspiele für einen Schnellradweg nach Frankfurt und über den Taunuskamm.

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