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Mitfahrgelegenheit : Zusammen fahren und sparen

  • -Aktualisiert am

Fahrgemeinschaft: Um die Vermittlung von Fahrgemeinschaften ist längst ein Markt entstanden - auch mit ersten Verlierern. Bild: obs

Fahrgemeinschaften werden - dank schneller Vermittlung über Handy - immer beliebter. Jetzt führen die ersten Portale Gebühren ein. Profitieren könnten kleinere Portale.

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          Die gute alte Mitfahrgelegenheit erlebt eine Renaissance. Alle zwei Minuten. So oft fährt nach Angaben des Marktführers Blablacar an einem normalen Wochenende in Frankfurt ein Auto mit einer Fahrgemeinschaft ab. Statt wie früher eine telefonische Mitfahrzentrale sind es jetzt Handy-Apps, die Fahrten zwischen Auto- und Mitfahrern unkompliziert vermitteln.

          Der Markt ist in Bewegung. Ausgerechnet der Pionier der Branche, die Internetplattform Mifahrgelehenheit.de, gab kürzlich bekannt, dass sie ihren Betrieb zum 31. März einstellen werde. Dem von Studenten gegründete Portal ist maßgeblich zuzuschreiben, dass sich Fahrgemeinschaften in den vergangenen Jahren vor allem bei jungen Leuten als günstige und schnelle Alternative zu Bahn und Fernbus etablieren konnten.

          Marktführer Blablacar erhebt bald Gebühren

          Der rasante Niedergang von Mitfahrgelegenheit.de begann im Jahr 2013 mit der Einführung von Service-Gebühren. Wer über die Internetseite eine gemeinsame Fahrt über mehr als 100 Kilometer vereinbaren wollte, musste elf Prozent des Fahrpreises an den Vermittler abführen. Die Absprachen zwischen Fahrer und Mitfahrern sollten so verbindlicher, die Organisation der Fahrten einfacher werden. Die Nutzer überzeugte das nicht, sie rebellierten und versuchten das neue Buchungssystem zu umgehen - oder wechselten gleich zur Konkurrenz.

          Nutznießer war vor allem das französische Start-up Blablacar, das die gemeinsamen Fahrten weiterhin gratis vermittelte. Nach einem steilen Aufstieg übernahm das mit viel Investorengeld ausgestattete Unternehmen den deutschen Rivalen Carpooling.com mit den Portalen Mitfahrgelegenheit.de und Mitfahrzentrale.de und stieg zum führenden Vermittler für private Mitfahrgelegenheiten in Deutschland auf.

          Ob den Marktführer bald das gleiche Schicksal ereilt? Auch Blablacar will Mitfahrer in diesem Jahr zur Kasse bitten, um einen Schritt Richtung Profitabilität zu gehen. Schon jetzt ist das Bezahlen für viele Strecken in Nord- und Westdeutschland nur noch über die Internetseite von Blablacar per Kreditkarte oder Paypal möglich. Schon bald sollen Mitfahrer eine Reservierungsgebühr zahlen. Das Unternehmen verspricht im Gegenzug weniger kurzfristige Absagen, die häufig bemängelt würden, sowie einen Versicherungsschutz.

          Langfristige Reiseplanung ist schwierig

          Hoffnung machen sich jetzt kleinere Plattformen wie Fahrgemeinschaft.de und Bessermitfahren.de. „Wir merken jetzt schon, dass sich viele Nutzer neu orientieren“, sagt Sven Domroes, Gründer von Fahrgemeinschaft.de - ein Portal, das sich unter anderem über Werbeeinnahmen und Mitfahrkonzepte für Unternehmen finanziert. Auch künftig soll die Vermittlung von Fahrten keine Gebühren kosten. 1,5 Millionen sind das laut Domroes im Jahr. Blablacar veröffentlicht keine Zahlen.

          Fest steht aber: Beim Angebot an Fahrten liegt der Branchenprimus klar vorn. Wer zeitlich nicht flexibel ist, hat es bei den Mitbewerbern schwer. Allerdings kann auch die Anzahl der verfügbaren Fahrten bei Blablacar erheblich variieren: Nicht nur wird die Strecke von Frankfurt nach Hamburg häufiger angeboten als etwa Fahrten von Wiesbaden nach Oldenburg. Auch werden viele Angebote erst wenige Tage vor dem Reisedatum ins Netz gestellt. Für die langfristige Reiseplanung sind Portale für Mitfahrgelegenheiten also weniger geeignet.

          Auch BMW drängt auf den Markt

          Für die Mitfahrdienste spricht der Preis. Eine Fahrt von Frankfurt nach Köln kostet bei Blablacar zwischen neun und 13 Euro, die Strecke nach München wird zwischen 19 und 24 Euro angeboten, und der Weg nach Berlin schlägt mit 20 bis 30 Euro zu Buche. Bei den anderen Anbietern bewegen sich die Preise im selben Rahmen.

          Anders als bei der kleineren Konkurrenz müssen Nutzer bei Blablacar ein Konto anlegen. Der Fahrer kontaktiert den Interessenten, sofern das noch möglich ist, direkt über das Portal, per Anruf oder Handy-Nachricht. Fahrer haben meist ein Foto von sich hochgeladen und informieren darüber, welches Automodell sie fahren, wie viel Platz für Gepäck ist, ob Tiere erlaubt sind und auch darüber, ob sie Plaudertaschen oder eher schweigsam sind. In Frankfurt ist der Hauptbahnhof ein beliebter Treffpunkt. Stets hilfreich bei Blablacar sind auch Bewertungen von Nutzern zu Fahrweise, Pünktlichkeit und Freundlichkeit. Umgekehrt können auch Fahrer ihre Mitfahrer bewerten. Bei Fahrgemeinschaft.de und Bessermitfahren.de gibt es diese Möglichkeit nicht. Grundsätzlich schlecht ist es, wenn ein Fahrer vergisst, sein Angebot zu aktualisieren, und sich der freie Platz als schon besetzt entpuppt.

          Doch der Markt bekommt weiter Zuwachs. Der Autobauer BMW hat kürzlich angekündigt, nach dem Carsharing auch in das Geschäft mit Ridesharing - so heißt im Englischen die Fahrgemeinschaft - einzusteigen. Dabei wollen die Münchner auf ihre Carsharing-Flotte zurückgreifen.

          Flinc, der Spezialist für die Kurzstrecke

          Auf Fahrten von Haustür zu Haustür und Strecken unter 100 Kilometern hat sich das Darmstädter Start-up Flinc spezialisiert, an dem die Deutsche Bahn und General Motors beteiligt sind. Bislang konnten die Darmstädter bundesweit 300.000 registrierte Nutzer überzeugen, davon 40.000 im Rhein-Main-Gebiet.

          Flinc vermiete Fahrten „auf Taxi-Niveau, was die Kurzfristigkeit angeht“, sagt ein Sprecher. Wer etwa spontan jemanden auf seinem Weg zum nahegelegenen Arbeitstermin mitnehmen möchte, vermerkt sein Angebot im System. Dank Ortung per GPS kann die Handy-App von Flinc seit neuestem den Standort des Fahrers genau anzeigen - das sei bislang „einzigartig“ in der Branche, heißt es.

          Der Mitfahrer erhalte zudem kurz vor der Abholung eine Nachricht. Wünschenswert seien langfristige Fahrgemeinschaften. Aus diesem Grund hat Flinc die Initiative 2proAuto gegründet, die Pendler dazu veranlassen will, freie Sitze im Auto zu besetzen. Wenn nur zehn Prozent ihr Auto morgens stehen ließen, verkehrten allein rund um Frankfurt täglich 32.000 Autos weniger, so die Rechnung. Mit dieser Idee hat Flinc einen Klimaschutz-Wettbewerb der Stadt Frankfurt gewonnen. Schon bald dürften sich weitere Städte in der Region der Initiative anschließen. Der Anbieter muss aber noch bekannter werden. Bei Buchungsversuchen dieser Redaktion liefen einige Anfragen für Stadtfahrten in Frankfurt noch ins Leere.

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