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Selbstoptimierung : Mit Ritalin fit für die Prüfung?

Mit Ritalin fit für die Prüfung? Pädagogen warnen vor dem Zwang zur Selbstoptimierung Bild: dpa

Zahlreiche Studenten greifen zu Hirndoping-Mitteln, wie Umfragen in Seminaren ergeben. Pädagogen warnen aber vor wachsendem Zwang zur Selbstoptimierung.

          In seinen Seminaren erkundigt sich Thomas Damberger manchmal, wie viele Teilnehmer jemanden kennen, der Hirndoping betreibt. Von 40 Leuten meldeten sich dann meist fünf bis zehn, berichtet der Mitarbeiter des Instituts für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung an der Uni Frankfurt. Aus seinen nicht repräsentativen Umfragen schließt Damberger, dass die Leistungssteigerung mit chemischer Hilfe ein Thema ist, das viele Studenten umtreibt. Für den Erziehungswissenschaftler ist das ein Grund zur Sorge: Offenbar wachse der Druck, sich selbst so zu optimieren, dass man den Anforderungen der Hochschule und später denen des Arbeitsmarkts genüge.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Mit der Frage, ob das „Neuro-Enhancement“ in der Bildungs- und Arbeitswelt tatsächlich immer weiter um sich greift, hat sich am Freitag ein Symposion an der Hochschule Darmstadt beschäftigt. Über persönliche Beobachtungen wie die von Damberger wurde dabei ebenso diskutiert wie über die Ergebnisse von Studien. Zumindest das Pressegespräch zu der Veranstaltung vermittelte dabei den Eindruck, dass die subjektiven Wahrnehmungen bisweilen beunruhigender sind als die Statistiken.

          Auch Nicola Erny, Professorin für Praktische Philosophie an der Hochschule Darmstadt, empfindet Berichte über massenhaft um sich greifendes Hirndoping als verzerrt. Gleichwohl nimmt sie einen wachsenden Leistungsdruck in der Gesellschaft wahr, verursacht durch eine „kompetitive Leitkultur“. In einem solchen Klima schrecken dann womöglich auch Gesunde nicht mehr davor zurück, zur Konzentrationssteigerung ein Mittel wie Ritalin zu nehmen, das eigentlich zur Behandlung krankhafter Aufmerksamkeitsstörungen gedacht ist.

          Zwei Studien, auf die Erny verweist, stützen nur begrenzt die These, dass das Mental-Tuning mit pharmazeutischer Hilfe vor allem unter Hochschülern grassiere. Das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung hat im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums in den Jahren 2010/11 und 2014/15 Studierende an Unis und Fachhochschulen dazu befragt. Im zweiten Durchgang gaben 14 Prozent an, schon einmal Substanzen eingenommen zu haben, um dem Lernstress standzuhalten - das sind zwei Prozentpunkte mehr als bei der ersten Studie vier Jahre zuvor. Um einen Punkt (von fünf auf sechs Prozent) stieg der Anteil jener, die im Sinne der Autoren Hirndoping betrieben haben, nämlich mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln oder illegalen Drogen. Von dieser Gruppe gab zuletzt nur knapp ein Viertel an, die Substanzen zur Leistungssteigerung zu nehmen; mehr als die Hälfte bekämpfte damit Schlafstörungen.

          Auch in der Arbeitswelt ist Hirndoping bisher offenbar kein Massenphänomen. Uwe Rose von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zitierte aus einer Studie seines Hauses, an der Ärzte, Programmierer, Werbefachleute und Publizisten teilgenommen hatten - also Beschäftigte mit vermutlich besonders stressanfälligen Berufen. 8,3 Prozent sagten, sie hätten schon einmal zu einem „Neuro-Enhancement“-Präparat wie Ritalin oder einem Antidepressivum gegriffen, nur 1,3 Prozent hatten das in den vier Wochen vor der Befragung getan. Trotz der geringen Häufigkeit sehen die Autoren der Studie im Hirndoping ein ernstes Risiko, weil ein solches Verhalten auf einen falschen Umgang mit beruflichen Belastungen hindeute.

          Für Erny ist es denn auch wichtig, in der Bildungsarbeit über nicht medikamentöse Möglichkeiten zur Stressbewältigung aufzuklären. Und wie ihr Frankfurter Kollege Damberger wünscht sie sich eine Diskussion darüber, ob die Ansprüche, denen Schüler, Studenten oder Arbeitnehmer genügen sollten, denn die richtigen seien. Statt sich den Verhältnissen anzupassen, könne man auch einmal fragen: „Stimmt vielleicht etwas an den Verhältnissen nicht?“

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