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Kinderbetreuung in Frankfurt : Mit Phantasie zu mehr Kita-Plätzen

  • -Aktualisiert am

Saubere Arbeit: kleine Künstler werden „Unter der Kastanie“ mit Malkitteln geschützt. Bild: Lehnen, Etienne

Seit 2011 sind in Frankfurt mehr als 10.000 neue Kita-Plätze entstanden. Wie das möglich ist und welche Konzepte dahinterstehen, zeigen drei Kitas.

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          Riesige Schaufenster, hohe Decken und eine Fachwerk-Fassade - die Krabbelstube „Unter der Kastanie“ ist auf den ersten Blick nicht gerade das, was man sich unter einer modernen Kita vorstellt. „Man braucht Phantasie, um in einer vollen Stadt noch Platz für Kitas zu finden“, sagt Nina Strüber. Sie ist Architektin und hat den früheren Laden für Babybedarf in der Höchster Altstadt in eine Betreuungseinrichtung für Ein- bis Dreijährige verwandelt.

          Theresa Weiß
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Alle reden so abstrakt über den Kita-Ausbau“, sagt Bildungsdezernentin Sarah Sorge (Die Grünen). Wie er konkret aussieht, hat sie deswegen auf einer Fahrt zu drei Kitas gezeigt, die beispielhaft für die verschiedenen Programme stehen, mit denen die Stadt für mehr Betreuungsplätze sorgt.

          Bauliche Besonderheiten bei „Unter der Kastanie“

          Die Krabbelstube in Höchst ist Teil des Sofortprogramms, das durch Ausbau und Umnutzung von Gebäuden schnell neue Kita-Plätze schaffen soll. In den letzten fünf Jahren entstanden so 8300 zusätzliche Betreuungsplätze.

          Der Weg zu den 20 Plätzen „Unter der Kastanie“ war nicht leicht: Die baulichen Besonderheiten bereiteten Architektin Strüber Kopfzerbrechen. Sie musste die denkmalgeschützte Fassade erhalten, aber auch Brandschutzbestimmungen berücksichtigen. Die Kita ist außerdem auf mehrere Ebenen verteilt. Die Treppe mache das Gebäude nicht zum idealen Krabbel-Ort, und die teils verwinkelten Zimmer hätten nicht den perfekten Zuschnitt für mehrere Kindergruppen, sagt Strüber. Weitere Schwachstellen des Gebäudes sind, dass der Zugang nur über einen Hof möglich ist und sich die Außenanlage auf einen Sandkasten beschränkt.

          Pädagogische Konzept an Räumlichkeiten anpassen

          Planung und Umbau dauerten laut Strüber zwei Jahre und damit doppelt so lange wie üblich. Trotzdem konnte die Krippe Ende 2012 eröffnet werden. Dass die Räume trotz ungünstiger Voraussetzungen letztlich wohnlich und individuell nutzbar wurden, liege an dem Raumkonzept, mit dem die Zimmer jeden Tag flexibel gestaltet werden könnten, sagt Katharina Werkmann-Reck. Sie leitet die Einrichtung zusammen mit einer Kollegin.

          Dass es keine richtige Außenanlage gibt, wird durch viele Ausflüge und Wanderungen ausgeglichen. So machten die Kinder unterschiedliche Erfahrungen und hätten Abwechslung, sagt Werkmann-Reck. Dies sei wichtig, da die Kinder bis zu zehn Stunden in der Ganztagseinrichtung verbrächten. „Wenn man das pädagogische Konzept anpasst, kann man auch mit wenig Raum viel bewirken“, sagt die Leiterin.

          Viel Raum hat dagegen das Kinderzentrum 90 in Schwanheim. Der Neubau bietet den 46 Kindern, die dort betreut werden, mehr als 1000 Quadratmeter zum Spielen und Entdecken. Zusätzlich gibt es eine ebenso große Außenanlage. Der gesamte Bau ist aus Holzmodulen gefertigt und duftet nach Wald. „Deswegen haben wir ,Wald‘ auch als Thema unserer Kita gewählt“, sagt die Leiterin Gabriele Dürk. Mit Naturpädagogik und viel Platz zur freien Entfaltung betreuen 20 Mitarbeiter die Kinder im Alter von wenigen Monaten bis zu drei Jahren. Die Kita arbeitet mit den Kleinkindern bereits an Projekten: „Wir haben mit den Kindern zum Beispiel ein Vogelhäuschen gebaut und Sonnenblumen gezogen. Auch mit den Kleinen hat man ganz große Möglichkeiten“, sagt Dürk.

          Qualitative Angebote anstelle von viel Spielzeug

          In der Ganztagseinrichtung bekommen die Kinder drei frisch gekochte Mahlzeiten täglich und werden in Kleingruppen individuell angesprochen. Dabei hätten sie immer die Möglichkeit, sich zurückzuziehen. „Weniger ist mehr“, sagt die Leiterin der Kita und zeigt die schlichten Gruppenräume.

          Auch das Kinder- und Familienzentrum „Sonnenwind“ an der früheren McNair-Kaserne in Höchst setzt auf qualitative Angebote anstelle von viel Spielzeug. Es sei wichtig, in den Stadtteilen mit „verdichtenden sozialen Problemen“ Beratungs- und Betreuungsangebote für Eltern und Kinder anzubieten, sagt Marcel Maurer, der das Kinder- und Familienzentrum (Kifaz) leitet. Im Lindenviertel gebe es dafür einen sehr hohen Bedarf. Die Kommunikation mit den Eltern auf Augenhöhe sei besonders wichtig, sagt der Pädagoge.

          Sprachförderung bei Kifaz wichtig

          Die Stadt stellt Einrichtungen, die neben Kinderbetreuung auch Familienberatung anbieten, im Jahr 100 000 Euro extra zur Verfügung. Mit diesem Geld werden vor allem Stellen bezahlt: Sozialpädagogen, Familienberater und Erzieher kümmern sich derzeit um die 91 Kinder, die in dem Haus einen Platz haben. Es sollen demnächst noch mehr Ein- bis Zehnjährige aufgenommen werden, denn insgesamt habe das Kifaz Platz für 130 Kinder, sagt Maurer. Die Familie wird im „Sonnenwind“ praktisch eingebunden: So gibt es etwa Nähkurse und ein Café, außerdem Gesellschaftsräume und Platz zum Spielen.

          Die Kinder werden darüber hinaus besonders gefördert, vor allem Sprachförderung ist ein Thema. „Kleinkinder, die ein Kifaz besuchen, sprechen Deutsch auf Muttersprachler-Niveau, wenn sie in die erste Klasse kommen“, sagt Bildungsdezernentin Sorge. Ein Kifaz sei auch geeignet, um Flüchtlingen Angebote zu machen, sagt Kai Wagner, der im Stadtschulamt für die Kinder- und Familienzentren zuständig ist. Die Räumlichkeiten und das geschulte Personal könnten leicht als „Andockstation“ dienen, um Flüchtlingen Zugang zur Bildung zu eröffnen. Für die Bewohner des Stadtteils funktioniere das Konzept bisher, das Zentrum werde angenommen.

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