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Verzweifelte Obstbauern : Mit Jadestein-Wasser gegen Kirschessigfliegen

Bedroht nicht nur rote Trauben: Die Kirschessigfliege bohrt auch Beeren aller Art an und legt ihre Eier in ihnen ab - Kälte macht ihr kaum etwas aus Bild: dpa

Die Kirschessigfliege macht nicht nur Rotwein-Winzern erhebliche Sorgen. Obstbauern im Rhein-Main-Gebiet suchen verzweifelt praktikable Mittel gegen den Schädling aus Asien. Kälte richtet wenig aus, wie ein Forscher sagt.

          Im Grunde müsste Obstbauer Berthold Heil in Kriftel seine Himbeersträucher dieses Jahr noch erneuern. Aber das wird er nicht tun. Der Grund ist ein kleiner Obstschädling, den Fachleute Drosophila suzukii nennen. Die aus Südkorea eingeschleppte Kirschessigfliege bereitet nicht nur Heil und seinen Kollegen erhebliches Kopfzerbrechen, weil sie schon in diesem Jahr die Ernte teilweise zunichtegemacht hat. Auch Winzer sehen sich von dem Insekt herausgefordert. Der Grund: Während die heimische Essigfliege nur heruntergefallene Früchte mit verletzter Haut befällt, setzt sich der neue Schädling auch auf intaktes Obst, bohrt es auf und legt seine Eier darin ab. Das gilt auch für rote Weinbeeren.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Kirschessigfliege ist nach den Worten von Marc Schetelig aus mehreren Gründen nur schwer beizukommen. Mit Chemikalien sei das Insekt zum Beispiel nicht effektiv zu bekämpfen, erläutert der Leiter einer auf diesen Schädling spezialisierten Arbeitsgruppe am Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und angewandte Ökologie in Gießen. Verfügbare Mittel wirkten zwar gegen erwachsene Insekten, aber nicht gegen ihre Larven in den Früchten. Zudem sei die Dezimierung der Fliegen durch diese Chemikalien auch deshalb nur bedingt hilfreich, weil man eine Zeitlang vor der Ernte mit dem Spritzen aufhören müsse, andernfalls verblieben Rückstände auf dem Obst. „Und genau dann können sich die Larven bestens entwickeln, und es gibt keinen Schutz gegen die Adulten mehr.“

          Nachwuchs binnen zwei Wochen fertig

          Das Weibchen der Kirschessigfliege kann am Tag bis zu 16 Eier legen, aus denen sich binnen 14 Tagen der Nachwuchs entwickelt. Die Tiere leben bis zu neun Wochen lang und können bis zu zwei Kilometer am Stück fliegen, wie Experten in der Schweiz herausgefunden haben. Auch dort bereitet die Fliege den Obstbauern inzwischen große Sorgen.

          Vor diesem Hintergrund hoffen Weinbauern in Rheinhessen und im Rheingau auf einen kalten Winter - in der Annahme, die Kälte werde dem „neuen Feind des Rotweins“ den Garaus machen. Doch Schetelig kann den Winzern nicht viel Hoffnung machen: Auch in Südkorea seien Winterfröste üblich - und die Fliegen überlebten trotzdem. „Je höher das Aufkommen in diesem Jahr war und je mehr Fliegen in die Überwinterungsperiode gehen, desto drastischer werden die Auswirkungen im nächsten Jahr werden.“

          Nun wollen Heil und seine Kollegen auf Bundesebene selbst Forscher auf die Kirschessigfliege ansetzen und die Suche nach Gegenmitteln fördern, wie der Chef des hessischen Landesverbands Erwerbsobstanbau sagt. Bis es so weit ist, suchen die Obstbauern auch im Ausland nach Tipps. Aus der Schweiz stammt etwa der Rat, sehr engmaschige Netze über Kirschbäume und Beerensträucher zu hängen.

          Der Weisheit letzter Schluss ist diese Methode nach den Worten von Heil aber auch nicht. Denn zum einen greife die Kirschessigfliege trotz der Netze bis zu einem Fünftel der Kirschen an. Um die Früchte ernten zu können, müssten die Netze nämlich angehoben werden - und dann habe das Insekt freie Flugbahn. Zum anderen müssten Bäume und Sträucher im Grunde überdacht werden, um Netze richtig über sie hängen zu können. Das sei kostspielig, vor allem bei Erdbeerfeldern, die sich über viele Hektar erstreckten: „Wie wollen Sie das in den Griff kriegen?“

          Fast die Hälfte des Umsatzes bedroht

          Auch an ein Hausmittel denkt Heil in seiner Not: Saftfallen aus Apfelsaft, Essig, Leitungswasser und Spülmittel, das die Oberflächenspannung der Flüssigkeit verringert und die Insekten absinken lässt. Die Methode funktioniere zwar, allerdings müsste der Obstbauer alle zwei Meter eine solche Falle plazieren und regelmäßig erneuern - was auf großen Erdbeerfeldern ebenfalls kaum zu machen sei. „Ich hoffe, dass die Forscher etwas finden, das praktikabel ist“, sagt Heil. Denn sollte sich der kleine Einwanderer aus Asien weiter ausbreiten, drohe ein Desaster für die Obstbauern. Heil verlöre im Zweifelsfall bis zu 40 Prozent seines Umsatzes - jene Erlöse, die er bisher mit Kirschen und Beerenobst erwirtschaftet.

          In diesem Jahr hat die Kirschessigfliege späte Erdbeersorten befallen. Zwar hielt sich der wirtschaftliche Schaden in Grenzen - dennoch war er groß genug, um Heil „aus Verzweiflung“ auch zu einem esoterisch anmutenden Mittel greifen zu lassen: Auf den Rat eines Bio-Obstbauern hin ließ er Wasser über Jadesteine in einem Sieb laufen und träufelte es anschließend über das Obst. „Angeblich soll das Wasser durch den Jadestein im molekularen Bereich gewisse Schwingungen haben, die die Fliege nicht mag“, erläutert er. Nach der Behandlung zeigten sich dann auch tatsächlich weniger Fliegen. Aber ob das an dem Jadestein-Wasser lag, ist unklar: „Zu der Zeit war es auch recht kühl.“

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