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Zum guten Wein geschummelt : Barrique-Aromen ohne Holz

  • -Aktualisiert am

Korrekt: Dieser Rotwein wird tatsächlich in Holzfässern gelagert. Bild: Rainer Wohlfahrt

Winzer sind auch nur Menschen, und die Versuchung, den mühseligen Weg zu gutem Wein unerlaubt abzukürzen, ist groß. Doch ebenso groß ist das Risiko, ertappt zu werden.

          3 Min.

          Im Wein liegt Wahrheit, aber nicht immer und nicht überall. Hochwertige Weine aus dem Barrique beispielsweise sind begehrte Spezialitäten. Aber nicht jeder Winzer will und kann sich die teuren Eichenholzfässer leisten. Und selbst der erlaubte Zusatz von Holzchips bei der Weinreifung war einem Weinbauern noch zu viel Aufwand, konnte er doch durch einen Verschnitt mit nach Vanille schmeckenden Spirituosen ein vergleichbares Geschmacksbild erreichen. Ertappt hat den am Ende geständigen Winzer im vergangenen Jahr das Mainzer Landesuntersuchungsamt. Dem Wein eine Vanillenote mit weinfremden oder künstlichen Aromastoffen zu verleihen, das gehörte 2015 zu den besonders dreisten Täuschungsversuchen, die von den Experten des Amtes aufgedeckt wurden.

          Oliver Bock
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Rheinland-Pfalz mit seinen sechs Weinregionen ist das mit Abstand größte deutsche Erzeugerland. Entsprechend hoch ist dort der Aufwand, um Winzer von Betrugsversuchen abzuschrecken. Nicht weniger als 23 Kontrolleure sind tagaus, tagein in Weinbergen und Weinkellern unterwegs. 5750 Überprüfungen zählten sie im vergangenen Jahr, und 4300 Proben wurden von den Analytikern im Weinlabor untersucht. Das Ergebnis nennt das Ministerium unter dem neuen Weinbauminister Volker Wissing (FDP) „durchwachsen“. Tatsächlich ergab sich eine Beanstandungsquote von mehr als zehn Prozent.

          Kontrolleure entdeckten mehr als 100 Verstöße

          Nicht alle Verstöße müssen Weintrinker beunruhigen. Ein beträchtlicher Teil betrifft das Bezeichnungsrecht. Das können zu kleine Schriftzüge auf den Etiketten sein, aber auch fehlende oder unrichtige Angaben bei Jahrgängen oder Rebsorten. Manche Weine haben sich zudem mikrobiologisch verändert, sie schmecken nach Essig oder oxydativ und werden deshalb aus dem Verkehr gezogen.

          Doch die Kontrolleure kamen auch mehr als 100 Verstößen auf die Spur, die der Präsident des Landesuntersuchungsamts, Stefan Bent, und Minister Wissing wegen der Überschreitung von Grenzwerten und unzulässiger Weinbehandlung als schwerwiegend einstufen. In diesen Fällen ermittelt nun die Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft in Bad Kreuznach. Es sind nicht immer nur Rheinland-Pfälzer Winzer, die ins Fadenkreuz der Ermittler geraten. Zollbehörden und Weinhandel reichen auch ausländische Weine zur Prüfung ein.

          Der unerlaubte Zusatz von Glycerin beispielsweise macht die Weine vollmundiger, kann aber im Labor zweifelsfrei nachgewiesen werden. Das war 2015 bei vier Krimsekten aus der Ukraine der Fall sowie bei zwei Weinen aus Moldau, wo sich die Feinheit der Mainzer Untersuchungsmethoden offenbar noch nicht herumgesprochen hat. Eher ein Laster deutscher Winzer scheint hingegen die unerlaubte Zugabe von Zucker zu sein, um den Weintrinkern eine höhere Qualität vorzugaukeln.

          Eiswein auch im Fokus der Ermittler

          Auch wenn ein Weingut eine überproportional hohe Erntemenge meldet und zudem einen hohen Anteil hochwertiger Prädikatsweine geerntet haben will, werden die Kontrolleure misstrauisch. Ein schon einschlägig bekannter Winzer wollte 2015 fast ein Drittel Beerenauslesen und Trockenbeerenauslesen geerntet haben. Tatsächlich waren jedoch alle Prädikatsweine nachträglich mit Zucker versetzt worden.

          Beliebt ist unter den „schwarzen Schafen“ der Winzerschaft auch die Manipulation mit der Amtlichen Prüfnummer (AP), die Qualität und Verkehrsfähigkeit des Weines bescheinigt. Tatsächlich wurden allein fünf Betriebe dabei erwischt, Qualitätsweine ohne AP-Nummer verkauft zu haben. Andere haben Weine auf dem Etikett mit fiktiven, erschwindelten oder für ganz andere Weine vorgesehenen Nummern verkauft. Solche ebenso wie gezuckerte Weine entdeckten die Prüfer auch beim Ausschank auf Weinfesten, immerhin in einer Menge von mehr als 15 000 Litern.

          Ein strenges Auge haben die Kontrolleure auf die Eisweinerzeugung. Der Streit um den Eisweinjahrgang 2011 mit vielen Erzeugern ist ausgestanden, nachdem das Oberverwaltungsgericht Koblenz den Kontrolleuren recht gegeben hatte. Sie hatten fast alle angemeldeten Eisweine nach der Qualitätsprüfung abgelehnt, weil es in der kurzen Frostperiode einfach nicht kalt genug gewesen sei. Für die Winzer war dies ein herber Schlag.

          Bis zu 2000 Euro Bußgeld

          Insgesamt haben die Prüfer 451 von 4300 Proben beanstandet, weil die Tropfen nicht den rechtlichen Vorgaben entsprachen. Die Folge war die Vernichtung von 11.000 Hektolitern Wein. Keinen Überblick hat das Land, in welcher Höhe Ordnungswidrigkeiten und andere Strafen ausgesprochen wurden.

          Hessen weiß in dieser Hinsicht etwas mehr: Laut Regierungspräsidium Darmstadt gab es im vergangenen Jahr 69 Beanstandungen. Sie mündeten in zwölf Bußgeldbescheide und drei Strafanzeigen. Neun Fälle wurden an andere Bundesländer abgegeben, die übrigen nach einer Belehrung für erledigt erklärt oder wegen Geringfügigkeit eingestellt. In zwölf Fällen wurden Ausnahmegenehmigungen erteilt, Weine mit geringfügigen Mängeln in den Verkehr zu bringen. Bei den Bußgeldverfahren wurden Verstöße in der Weinbuchführung und mit der missbräuchlichen Verwendung von AP-Nummern mit bis zu 2000 Euro geahndet. „Klassische Weinverfälschungen“ und nicht zugelassene önologische Verfahren habe es in Hessen nicht gegeben.

          In Rheinland-Pfalz geht Wissing davon aus, dass Manipulationen in der Regel aufgedeckt werden. Jeder, der betrüge, gehe ein „signifikantes Risiko“ ein, entdeckt zu werden, warnt der Weinbauminister, dem es darum geht, durch das Kontrollnetz die ehrlichen Winzer und die vertrauensvollen Kunden zu schützen. Auch will er das Image des rheinland-pfälzischen Weins nach dem Aufschwung der vergangenen Jahre nicht gefährden. Im Wein soll schließlich Wahrheit liegen.

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