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Museum Wiesbaden : Abschied mit Jugendstil

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Abschied: Alexander Klar, Direktor des Museums Wiesbaden, zieht es nach Hamburg. Bild: dpa

Für ihn geht es bald nach Hamburg: Unter der Leitung von Alexander Klar ist das Museum Wiesbaden offener und vielseitiger geworden. Aber nicht alles ist ihm gelungen.

          Seinen Abschied als Direktor des Museums Wiesbaden hätte Alexander Klar selbst nicht besser inszenieren können. Die öffentliche Aufmerksamkeit für ihn und sein Haus war noch nie so groß wie kurz vor seinem Wechsel nach Hamburg, wo er am 1. August die Leitung der Kunsthalle übernimmt. Seine letzte Großtat, die er mit der Eröffnung der Jugendstilabteilung vollbrachte, wird derzeit aus gutem Grund begeistert gefeiert. Das beeindruckend komplette Konvolut aus Kunst, Möbeln, Lampen und Vasen, das Ferdinand Neess zusammengetragen und dem Museum großzügig überlassen hat, schärft das Profil der bislang vor allem für Jawlensky und den Expressionismus sowie für Kunst nach 1960 bekannten Adresse stärker als frühere Sammlungserweiterungen, die angesichts des schmalen Etats eines mittleren staatlichen Hauses ohnehin nur eingeschränkt möglich waren.

          Komplett saniertes Haus

          In dem Zweispartenmuseum verbindet die von Kustos Peter Forster verantwortete Präsentation jener Bewegung, die an der Schwelle zum 20. Jahrhundert die florale Form in allen Lebensbereichen etablierte, nicht nur die Kunsthistorische mit der Naturhistorischen Sammlung. Sie schließt auch die Fehlstelle zwischen der Kunst des 19. und des 20. Jahrhunderts. Apropos 19. Jahrhundert: Forsters Ambitionen, die Kunst dieser Epoche aufzuarbeiten und ihre vielfältigen Strömungen sichtbar zu machen, erhielten unter Klars Ägide den dafür nötigen Raum. Auch von den noch älteren, in Wiesbaden weniger gut vertretenen Meistern fanden einige aus dem Depot heraus und wurden mit Mut zur nicht selten mit zeitgenössischer Kunst gefüllten Lücke durchaus überzeugend arrangiert.

          Damit, dass Klar nun ein komplett saniertes Haus hinterlässt, vollendet er freilich nur das Werk, das sein Vorgänger Volker Rattemeyer schon vor Jahrzehnten auf den Weg gebracht und über mehrere Bauabschnitte begleitet hat. Gleiches gilt für die nach ästhetischen Gesichtspunkten neu geordnete Naturhistorische Sammlung, die nach ihrer Wiedereröffnung im Mai 2013 ein Erlebnis für sich ist. Unterdessen hat Klar sich von Anfang an dafür starkgemacht, dass direkt nebenan das Museum Reinhard Ernst gebaut wird. Sollte das Vorhaben tatsächlich irgendwann Wirklichkeit werden, muss der namensgebende Limburger Geschäftsmann und Sammler informeller Kunst sich dafür also auch bei ihm bedanken.

          Offenere Atmosphäre

          Für den Generationenwechsel am Museum Wiesbaden steht der 1968 in Waiblingen geborene Direktor nicht allein. Neben Forster repräsentieren ihn auch der für die Kunst des 20. Jahrhunderts und die Gegenwart zuständige Kustos Jörg Daur sowie der Expressionismus-Experte Roman Zieglgänsberger. Spürbar wurde unter Klars Leitung zudem eine offenere Atmosphäre. Beispielsweise legte zum Saisonstart ein DJ im Foyer auf, der sich damit an ein anderes als das etablierte, überwiegend grauhaarige Wiesbadener Publikum wandte. Im Widerspruch zu dieser Verjüngung stehen die etwas museumsdörflich wirkenden Wegweiser, die Klar als eine seiner ersten Amtshandlungen in seinen neuen Räumen aufstellte. So werden sie auch zu Sinnbildern dafür, dass nie wirklich deutlich geworden ist, welches Konzept er für seine Wirkungsstätte hatte. Jugendstil und Ernst-Museum sind ihm ja gewissermaßen in den Schoß gefallen. Wobei man ihm zugutehalten muss, dass er im Unterschied zu anderen Museumsleuten und Stadtverwaltungen, denen die Projekte zuvor angetragen worden waren, ohne zu zaudern, zugriff. Außerdem stritt er für die räumliche Erweiterung seines Hauses, die ihm die neue Landesregierung schließlich zusagte. Als Kurator indes hat sich Klar kaum hervorgetan. Große Ausstellungen zu Antonio Saura und Albert Oehlen blieben 2012 und 2014 hinter den Erwartungen zurück. Nur mit Eduardo Chillida schaffte er es dann doch in die Feuilletons. Darüber hinaus schien sein Ausstellungsprogramm mit weit mehr als einem Dutzend Schauen im Jahr vor allem quantitative Rekorde brechen und auf diese Weise das erklärte Ziel von jährlich etwa 100.000 Besuchern realisieren zu wollen.

          Mit seinem Wechsel an die Hamburger Kunsthalle, die eine der zentralen deutschen Museumssammlungen mit Kunst seit dem Mittelalter beherbergt, macht Klar nun schon den zweiten großen Karrieresprung. Ehe er 2010 nach Wiesbaden kam, hatte er das kleine private Emil-Schumacher-Museum in Hagen geleitet. Einiges hatte dafür gesprochen, dass er wie sein Vorgänger bis zum Renteneintritt im Amt bleiben würde. Schließlich ist er in Wiesbaden auch zum Familienvater geworden, hat sich in die kommunale Kulturpolitik eingemischt und seine Eloquenz und Bildung als Fürsprecher der Fahrradfahrer genutzt. Als dann bekannt wurde, dass er demnächst nach Hamburg wechselt, war vor allem in den sozialen Medien schnell die Rede von einem herben Verlust. Wie herb der Verlust tatsächlich ist, hängt freilich ganz von der Nachfolge ab, und knapp neun Jahre sind ein angemessener Turnus für Veränderungen. Erst seit dem 19. Juni ist die Stelle ausgeschrieben. Wie in der Branche längst üblich, wird ein Kurator, Öffentlichkeitsarbeiter und Spendensammler in Personalunion gesucht. Bewerbungsschluss ist der 13. Juli.

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