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Misshandelte Heimkinder : Der Zeitgeist ist eine schlechte Entschuldigung

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„Das war ein schönes Leben, ich kann mich nicht beklagen“, sagt Schäfer über seine eigene Zeit nach dem Heim. Im November 1945 ist er unehelich in Frankfurt geboren worden, seine Mutter konnte sich nicht um ihn kümmern. Schäfer kam ins Heim, war lange in Bayern, und dann zehn Jahre in Hephata bei Schwalmstadt. Kurz bevor er nach zwanzig Jahren und einem halben aus der staatlichen Obhut entlassen wurde, konnte er noch eine Schuhmacherausbildung machen. Danach stellte ihn ein großes Kaufhaus in Frankfurt ein, er stieg zur Führungskraft auf, heiratete und bekam zwei Kinder.

Seit ein paar Jahren ist er Rentner, fährt Mountainbike und arbeitet als Trainer in einem Boxstudio in Rödelheim. Kürzlich hat er vom Jugendamt die offiziellen Unterlagen seiner zwei Jahrzehnte langen Heimkarriere bekommen. Darunter sind zwei psychologische Gutachten, die ihm eine geistige Behinderung diagnostizieren. Das brachte dem Träger seiner Heime, im Falle von Hephata war das die Diakonie, „eine Mark mehr“ für seine Unterbringung.

Staatliche Aufarbeitung sei noch nicht abgeschlossen

Obwohl es die Arbeitsgruppe gab, in der Vertreter von Bund, Land und Kirchen sowie drei Betroffene fast ein Jahr lang über die Zustände in den Heimen zwischen 1949 und 1975 debattierten, ist die „Quelle des Systems“ noch immer nicht erforscht. So sieht das Gareis, der selbst Heimkind war und heute versucht, in Archiven so viel wie möglich über die Zeit herauszufinden. Er kritisiert, dass sich der Staat vor der Verantwortung drücke. „Der Runde Tisch hätte die administrative Verantwortung für das Leid anerkennen müssen“, sagt Gareis. Der Zeitgeist, auf den in der Diskussion immer wieder einmal verwiesen worden ist und mit dem beispielsweise die Prügelstrafen gerechtfertigt wurden, hält Gareis für „eine ganz schlechte Entschuldigung“. Obendrein sei die Prügelstrafe in Hessen und in Nordrhein-Westfalen schon Anfang der fünfziger Jahre verboten worden.

Der Abschlussbericht des Gremiums ist 67 Seiten lang, er stellt die Situation in verschiedenen Heimen dar. Für Gareis ist das „keine erschöpfende Aufarbeitung, sondern nur eine Erklärung“. Besonders stört er sich an einem Satz auf Seite 31: „Ein ,Unrechtssystem‘ war es nach Bewertung des Runden Tisches jedoch nicht.“ Gareis findet das angesichts von staatlichen und kirchlichen Vorgaben aus der Zeit, wie Kinder in Heimen zu erziehen seien, ein Versäumnis. Er erklärt es sich aber so: „Wenn der Runde Tisch die administrative Verantwortung anerkannt hätte, dann hätte es eine Welle an Zivilklagen gegeben“.

Das hessische Sozialministerium verweist darauf, dass der Abschlussbericht die „Verantwortung der Einrichtungen und Aufsichtsbehörden in übergreifendem Sinne“ darstelle. Jedoch ist man auch dort der Meinung, dass die Verhältnisse kaum vollumfänglich erfasst worden sind. Dies sei aber auch gar nicht möglich gewesen. „Dies muss weiteren Forschungsarbeiten überlassen bleiben“, sagt eine Sprecherin. Das Ministerium verweist auf eine Dokumentation und eine Wanderausstellung zu dem Thema, die der Landeswohlfahrtsverband Hessen zu dem Thema erarbeitet hat.

Schäfer hat angefangen, seine Erinnerungen aufzuschreiben. Er ist ein bisschen erstaunt darüber, wie er es geschafft hat, ein normaler Mensch zu werden – mit all dem Hass und dem Willen zur Unterdrückung, mit dem er und die anderen behandelt worden sind. Wie er nicht völlig paranoid werden konnte, obwohl er als kleiner Junge zur Strafe in den dunklen Keller gehen musste, um dort die Kartoffeln zu „entkeimen“. Und obwohl der 6.Dezember für ihn und die anderen immer ein Tag der Angst war, weil der Nikolaus allzu oft eben nicht zu dem Säckchen mit den Plätzchen griff, sondern zur Rute.

Seitdem Schäfer seine Akten vom Jugendamt hat, staunt er noch mehr: Wie die Erzieher über ihn geurteilt haben, sogar die, denen er ein bisschen vertraute. Er glaubt, dass er seine Kindheit und Jugend so gut überstanden hat, weil er von der Natur ein Talent bekommen habe: „Ich bin schnell und wendig und habe viel Kraft.“ Der Heimleiter in Hephata bei Schwalmstadt war ein ehemaliger Boxer. In der Einrichtung, so erzählt der Frankfurter das, herrschte Faustrecht. „Ich wusste nur eins: Ich muss überleben.“

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