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Bistum Limburg : Missbrauchsopfer kritisiert zähe Ermittlungen

Kai Moritz, der von 1986 bis 1993 von seinem Cousin und Pflegevater, einem Priester aus Mittelhessen, missbraucht wurde. Bild: Frank Röth

Einem Priester aus dem Bistum Limburg wird sexueller Missbrauch vorgeworfen. Dem Opfer dauert das Verfahren zu lange. Dabei gibt es einen Brief mit eindeutigen Hinweisen.

          Im Verfahren gegen einen Priester des Bistums Limburg wegen jahrelangen sexuellen Missbrauchs ist kein Ende in Sicht. Acht Monate nach der Anzeige der Taten, die zwischen 1986 und 1993 begangen worden waren, sei die Voruntersuchung nun beendet, sagte ein Bistumssprecher gestern auf Anfrage. Die kompletten Akten inklusive Zeugenaussagen seien zur Entscheidung des Falls nach Rom weitergeleitet worden. Der beschuldigte Geistliche ist pensioniert und lebt im Erzbistum Bamberg. Seitdem die Vorwürfe gegen ihn im Dezember 2018 bekannt wurden, hat er Berufsverbot.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Sein Cousin Kai Moritz, zur Zeit der Taten minderjährig, beschuldigt den 72 Jahre alten Fritz B. erheblich. Es geht um vielfachen schweren sexuellen Missbrauch über Jahre hinweg. Moritz lebte nach dem Tod seiner Mutter von 1986 an als Pflegesohn des Priesters in dessen Haus in Mittelhessen. Der mittlerweile 43 Jahre alte Moritz hat sein Martyrium mehrmals geschildert, im März auch in dieser Zeitung. Bis jetzt hat der Darstellung niemand widersprochen. B. will sich zu den Vorwürfen nicht äußern. Während die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen wegen Verjährung eingestellt hat, ist das kirchenrechtliche Verfahren noch nicht beendet.

          Ein zähes Verfahren

          Nach Ansicht von Kai Moritz dauern die Ermittlungen zu lange. „Es tut sich nichts“, sagt der Mann, der sich nicht als „Opfer“, sondern als „Überlebender“ sieht. „Mir geht langsam die Puste aus. Das Verfahren ist sehr zäh, es zieht sich.“ In einem Gespräch mit dem Limburger Bischof Georg Bätzing zu Jahresbeginn habe er zwar den Eindruck gewonnen, dieser sei ernsthaft betroffen von den Geschehnissen und werde alles daran setzen, den Täter zu bestrafen. Mittlerweile frage er sich aber, „ob ein Bischof über Betroffenheitsbekundungen hinaus überhaupt in der Lage ist, die Sache konsequent zu verfolgen“, sagt Moritz und fügt hinzu: „Das Ganze ist für mich sehr kränkend.“

          Immerhin liege der Fall nun bei der entscheidenden Instanz, der römischen Kleruskongregation, sagt Moritz, der von Beruf Schauspieler ist. Das Bistum habe ihm mitgeteilt, dass Bischof Bätzing den Unterlagen auch ein eigenes Votum beigefügt habe. Das sei allerdings geheim. „Ich bedauere, dass ich das Votum als Betroffener nicht erfahre.“ Er gehe davon, dass Bätzings Votum zu seinen Gunsten ausgefallen sei. Der Bischof hatte zu Jahresbeginn gesagt, dass er Moritz glaube.

          „Ich bin schuldig und schäme mich so“

          Dieser Zeitung liegt mittlerweile ein mehr als 20 Jahre alter Brief vor. Darin wendet sich der Beschuldigte Fritz B. an ein mit Moritz eng befreundetes Psychologen-Paar, das diesem nach den Taten zur Seite stand. In dem Brief heißt es unter anderem: „Ich weiß: ich bin schuldig und schäme mich so. Vor allem hoffe ich, daß es für Kai noch nicht zu spät ist und ich vielleicht die Chance habe, aus meinem verkorksten Leben doch noch etwas machen zu können.“ Den Brief kennt nach Moritz’ Angaben auch der Missbrauchsbeauftragte des Bistums Limburg, Hans-Georg Dahl.

          Der Brief stammt von März 1997. Das passt zeitlich zu anderen entscheidenden Ereignissen in dem Fall. So hatte sich der damals 20 Jahre alte Moritz Ende 1996 der besten Freundin seiner verstorbenen Mutter offenbart, ebenjener Psychologin. Sie stellte daraufhin Pflegevater Fritz B. zur Rede und informierte das Bistum Limburg in Person des damaligen Personaldezernenten Helmut Wanka. Es ist davon auszugehen, dass Wanka nicht der einzige aus der Führung des Bistums war, der fortan von dem Missbrauch wusste.

          Unterlagen manipuliert oder nie korrekt geführt

          Entgegen dem schon damals geltenden Kirchenrecht wurde der Fall jedoch nicht der Zentralbehörde des Vatikans gemeldet. Auch die Staatsanwaltschaft wurde vom Bistum nicht über die Vorwürfe in Kenntnis gesetzt. Stattdessen wurde Fritz B. wenig später in eine Pfarrei im Taunus versetzt. Weder seine Personalakte noch die im Geheimarchiv des Bistums aufbewahrten Schriftstücke enthalten laut Diözese einen Hinweis darauf, dass der Geistliche ein Sexualverbrechen begangen haben könnte. Das bedeutet, dass die Unterlagen entweder nachträglich manipuliert worden sind, was das Bistum bestreitet. Oder sie sind im Fall des Geistlichen Fritz B. nie korrekt geführt worden.

          Kai Moritz wünscht sich eine rasche lückenlose Aufklärung und eine „sichtbare Bestrafung“ seines ehemaligen Pflegevaters. Außerdem will er regelmäßig vom Bistum Limburg über den Stand des Verfahrens informiert werden und nicht selbst immer wieder um Informationen betteln müssen, wie er sagt. Das empfinde er als entwürdigend. Stellt die Kleruskongregation in Rom die Schuld von Fritz B. fest, kann dessen temporäres Berufsverbot auch in eine Entlassung aus dem Klerikerstand münden. Wann ein Urteil gefällt wird, ist unklar.

          Das Bistum Limburg will den Missbrauch in den eigenen Reihen aufarbeiten und dadurch Taten in Zukunft verhindern. Bis Sommer 2020 sollen neun Teilprojekte einzelne Aspekte aus der Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz von Herbst 2018 vertiefen. Von einer Mitarbeit ausgeschlossen sind laut Projektskizze alle, „die Personal- und Leitungsverantwortung auf Bistumsebene haben oder hatten“.

          In der Missbrauchsstudie waren für Limburg die Personalakten von Klerikern und männlichen Ordensangehörigen untersucht worden, die zwischen 2000 und 2015 aktiv oder im Ruhestand waren. Daraus ergaben sich 57 Beschuldigte, von denen 20 die Taten gestanden. Die anderen leugnen den Missbrauch oder sind verstorben.

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