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Entgelt zum Januar gestiegen : „Mindestlohn macht Kilo Spargel um 50 Cent teurer“

Gestochen: Die Spargelernte in Rhein-Main 2016 ist angelaufen Bild: dpa

Der Mindestlohn in der Landwirtschaft ist vor der Erntesaison gestiegen. Das schlägt auf die Preise durch, wie der hessische Bauernverband sagt. Er rügt zudem das Ausmaß der vorgeschriebenen Ruhezeit für Erntehelfer.

          Spargel ist ein Saisongeschäft - aber nicht jede Saison verläuft wie die andere. Zum Beispiel wächst diese Delikatesse in diesem April noch nicht so stark wie vor einem Jahr. „Er ist im Kommen“, sagt Willi Billau über seinen Spargel. Der promovierte Bauer bewirtschaftet einen Hof in Lampertheim. In dieser Region, die er gerne Kalifornien Hessens nennt, sprießt die sogenannte Tunnelware zwar gut und wird jetzt nach und nach gestochen. Doch so manche Jungpflanze befindet sich noch halbwegs in der Winterruhe, wie Billau weiter berichtet. Diese Gemengelage hält die Preise auf einer für Landwirte angenehmen Höhe. Auf 14 Euro beziffert Billau das Kilogramm Spargel der ersten Klasse, Ware der Klasse II kostet zwei Euro weniger. Im Saisonverlauf wird das Edelgemüse aber viel billiger. Möglichst hohe Preise sind den Bauern aber wichtiger denn je - ist doch der Mindestlohn gestiegen.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Seit Januar müssen Bauern ihren Arbeitskräften acht Euro in der Stunde zahlen. Das sind 60 Cent mehr als im vergangenen Jahr und ein Euro mehr als im Sommer 2013. Und im Jahr davor waren noch 6,40 Euro üblich gewesen, wie der Hessische Bauernverband in Erinnerung ruft. Daraus folgt ein Lohnkostenaufschlag von 25 Prozent innerhalb von gut vier Jahren. Davon profitieren allein in Südhessen etwa 7500 Erntehelfer, die Spargel stechen und Erdbeeren pflücken. Umgekehrt müssen die Bauern mit ihrer Hilfe den Mehraufwand erst einmal erwirtschaften. „Diese Steigerung ist schwer zu verkraften“, heißt es aus dem Bauernverband. Je Kilogramm schlage der Mindestlohn mit 50 Cent zu Buche.

          Großkunden wollen „billigst“ einkaufen

          Die Bauern gleichen die Erhöhung damit aber nicht ganz aus. Zudem können sie den Aufschlag nur in der Direktvermarktung durchsetzen, nicht aber gegenüber Großkunden, die „billigst“ einkaufen wollen, wie es heißt.

          Dessen ungeachtet spielt derzeit das Wetter den Spargelbauern mit Blick auf die Mengen in die Karten. Denn eine geringe Verfügbarkeit aufgrund der relativ niedrigen Temperaturen führt bei anschwellender Nachfrage nach diesem Edelgemüse eben zu hohen Preisen, wie sie zu Erntebeginn typisch sind. Sollte es kühl bleiben, dürfte es zum Leidwesen vieler Kunden so bald keinen Preisverfall geben. Stiegen die Temperaturen aber merklich und würden von viel Sonnenschein begleitet, wendete sich das Blatt. Die Spargelmengen nehmen in solchen Fällen rasch zu - im Gegenzug verbilligt sich das Gemüse. Zum Saisonende hin kostet Spargel erfahrungsgemäß im Zweifel nur noch die Hälfte oder weniger.

          Überhaupt dürfen aktuelle Preise für Erster-Klasse-Spargel mit Blick auf die Durchschnittserlöse nicht zu falschen Schlüssen verleiten. Über alle Klassen hinweg hat ein Kilogramm dieses Edelgemüses in den vergangenen Jahren regelmäßig weniger als vier Euro eingespielt. Das weisen jedenfalls Zahlen der Agrarmarkt-Informations-Gesellschaft aus, die sich auf den Mittelwert und den Absatz an Großkunden beziehen. Wer einen Ausreißer nach oben sucht, muss bis 1991 zurückblicken. Seinerzeit kostete ein Kilo Spargel über alle Klassen hinweg durchschnittlich gut fünf Euro. Das Angebot war in jenem Jahr mau, wie sich Billau erinnert. Von 2003 bis 2005 lag der mittlere Preis laut Agrarmarkt-Information dagegen unter drei Euro je Kilogramm. An solche Preise mag Billau, der vier feste Mitarbeiter, darunter drei Familienmitglieder, sowie derzeit 25 Erntehelfer aus Rumänien und Polen hat, gar nicht denken.

          Von 22.000 Euro Umsatz bleiben 4000 Euro übrig

          Der erhöhte Mindestlohn schmerzt Erzeuger auch, weil schon bislang die Hälfte der mit der Spargelernte zusammenhängenden Kosten auf die Löhne entfiel, wie Billau sagt, der den regionalen Bauernverband Starkenburg führt. In der Branche ist dazu folgende Rechnung zu hören: Im Mittel wirft ein Hektar Ackerland etwa 5500 Kilo Spargel ab. Macht einen Umsatz von rund 22 000 Euro. 2,50 Euro je Kilogramm kostet es, das Gemüse aus dem Boden zu holen, zu reinigen und zu sortieren. Daraus folgen Lohnkosten von rund 13 750 Euro. Hinzu kommen jeweils 500 Euro für Pflanzenschutz, für Bewässerung und für Dünger, 1000 Euro für Jungpflanzen und 1300 Euro für Folien, mit denen die Pflanzen abgedeckt werden. Nicht zu vergessen Abschreibungen auf Maschinen und Kosten für die Nutzung von Kühlhäusern. So bleiben von 22.000 Euro Umsatz nach Abzug der Kosten gut 4000 Euro Gewinn - vor Steuern. „Wegen des Mindestlohns können wir uns einen Preisverfall nicht leisten“, folgert Billau. Unter das mittlere Preisniveau der vergangenen Jahre dürfe es jedenfalls nicht gehen.

          Den Bauernverband treibt zudem die Bürokratie um. Landwirte müssten die Arbeitszeit ihrer Beschäftigen aufschreiben. Ein Problem sei die Nachtruhe von mindestens elf Stunden am Stück: „Es gibt viele Betriebe, die von 6 bis 10 Uhr und dann von 17 bis 21 Uhr wieder Erdbeeren pflücken. In der Zwischenzeit haben die Arbeiter Pause.“ Die vorgeschriebene Nachtruhe sei so aber nicht einzuhalten. „Das ist praxisfremd“, urteilt der Bauernverband.

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