https://www.faz.net/-gzg-9waky

Milde Temperaturen : Frühe Vögel

Lufthoheit: Die stattlichen Kraniche werden in den nächsten Wochen wieder öfter am Himmel zu sehen sein (Archivbild). Bild: dpa

Schon kehren die ersten Kraniche aus dem Süden zurück, und Kröten machen sich auf Wanderschaft. Manche Tiere profitieren vom milden Winter – für andere ist er gefährlich.

          2 Min.

          Die ersten trompetenden Rufe sind Anfang Januar über Frankfurt und dem Rhein-Main-Gebiet zu hören gewesen. In diesen Tagen sind die markanten, keilförmigen Flugformationen der Kraniche schon öfter am Himmel zu sehen, und Mitte Februar „geht es dann so richtig los“, sagt Berthold Langenhorst vom Naturschutzbund (Nabu) Hessen. Bis zu 250.000 dieser Zugvögel fliegen nach Angaben des Nabu auf dem Weg von ihren Winterquartieren in Portugal und Nordfrankreich zu den Brutgebieten in Mecklenburg-Vorpommern und Nordeuropa über Hessen hinweg. Das Bundesland liegt unter einer der Hauptzugrouten der Tiere.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Kraniche im Januar über dem Rhein-Main-Gebiet, „das ist ungewöhnlich“, sagt Langenhorst. Die Vögel seien zwar relativ kälteunempfindlich, aber sie brechen erst dann zu den Brutgebieten auf, wenn sie erwarten, dass dort der Boden nicht mehr gefroren ist und sie ausreichend Nahrung finden. Andererseits kann es sich für sie lohnen, möglichst früh zu starten: Wer zuerst da ist, bekommt den besten Brutplatz.

          „Das ist viel zu früh“

          Dieses deutlich vorgezogene Frühlingserwachen ist nicht nur bei den Kranichen zu beobachten, sondern auch bei vielen anderen Vögeln. Sie befinden sich bereits in der Balz. „Da ist schon mächtig etwas los“, sagt Langenhorst, „auch das viel zu früh.“ Zudem seien die ersten Insekten aus der Winterstarre erwacht. Das gilt auch für die Kröten. Der Regen und die milden Nächte zu Beginn dieser Woche hätten den Amphibien „schon Beine gemacht“, sagt Langenhorst. Zwar sei die Laichwanderung in den vergangenen Tagen durch die gesunkene Nachttemperatur wieder gebremst worden, doch seien insgesamt schon erstaunlich viele Tiere unterwegs.

          Ursache für den frühen Aufbruch von Kröten und Kranichen sind die milden Temperaturen, die das Wetter in Frankfurt und Umgebung schon im Dezember und auch im Januar geprägt haben. Die Kraniche gehören offenbar zu den Profiteuren des Klimawandels: Ihre Zahl steigt seit längerem. In den vergangenen 30 Jahren habe sie sich verzehnfacht, so der Nabu. Die Tiere fänden in ihren Brutgebieten über lange Zeiträume optimale Lebensbedingungen vor, gleichzeitig ersparten sich immer mehr von ihnen den langen, kräftezehrenden Flug ins Winterquartier.

          Statt Portugal oder Spanien anzusteuern, landen viele im Norden von Frankreich, etwa an großen Seen wie dem Marnestausee. Bei entsprechendem Wind seien sie dann in einem Tag in Frankfurt. Sollte es wider Erwarten doch noch einmal kalt werden, flögen sie einfach wieder zurück. Manche Vogelbeobachter sind laut Langenhorst völlig verwirrt, weil sie feststellten, dass die Kraniche an einem Tag in Richtung Norden und am nächsten nach Süden unterwegs seien.

          Das System gerät durcheinander

          Der Biologe wagt die Prognose, dass in zehn Jahren die ersten Kraniche in Hessen überwintern. Bei den Weißstörchen sei das Phänomen schon lange zu beobachten. Viele von ihnen seien gleich im Rhein-Main-Gebiet geblieben. So gut Störche und Kraniche mit dem Klimawandel zurechtkommen, so dramatisch könnte er sich auf andere Arten auswirken, etwa auf „Langstreckenflieger“ wie Kuckuck und Trauerschnäpper. Die Bestände des Trauerschnäppers nehmen bereits ab. Der relativ kleine Singvogel, der im Winter über die Sahara hinweg in Richtung Südafrika fliegt, kehrt mittlerweile oft zu spät zurück. Andere Vögel haben dann schon die Nistkästen besetzt, und die Raupen, die für ihn und seinen Nachwuchs wichtige Nahrung sind, haben sich bereits zu Faltern entpuppt.

          Auch der Kuckuck darf nicht zu spät ankommen. Er will ja seine Eier anderen Vögeln in deren Nest unterschieben. Sind die Jungvögel der potentiellen Gasteltern aber schon geschlüpft, kann sein Trick nicht mehr verfangen. „Die Natur arbeitet mit ganz fein austarierten Mechanismen“, sagt Langenhorst. Durch die Klimaerwärmung gerate dieses System durcheinander – mit noch nicht abzusehenden Folgen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.