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Kannen im Überfluss : Milch, die aus Nasenlöchern rinnt

Sortiert nach Hersteller und Ursprungsland: Die Künstlerin Nirava vor Teilen ihrer Sammlung. Bild: Rainer Wohlfahrt

Gut 1300 Milchkännchen hat Silvia Becker aus Großkrotzenburg gesammelt und daraus ein kleines Privatmuseum gemacht. Am Wochenende wird es eröffnet.

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          Manche Sammler sind verloren an ihre Leidenschaft, Dinge in großer Zahl zusammenzutragen und aufzubewahren. Sie wissen irgendwann nicht mehr, wohin damit. Oft in Kisten verstaut, harren die Stücke auf Dachböden, in Kellerräumen oder Abstellkammern dem Moment entgegen, der vielleicht niemals kommen wird – der Würdigung durch interessierte Betrachter. Bei der Großkrotzenburgerin Silvia Becker, Künstlername Nirava, ist das anders. In mehr als 20 Jahren sammelte die Lehrerin, Kunsttherapeutin und Künstlerin 1336 Milchkännchen, die sie sorgsam nach Herstellern und Ländern sortierte. Sofern die Herkunft nicht klar war, verfolgte sie die Spur jedes Einzelnen anhand von Stempeln und Signets genau. Dabei half ihr das Internet nicht immer weiter. Geforscht wurde vor allem in Katalogen und Büchern.

          Luise Glaser-Lotz

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Das Ergebnis dieser akribischen Arbeit ist von morgen an in ihrem Haus in Großkrotzenburg zu begutachten. Dann, am offiziellen „Tag der Milch“, öffnet die Keramikkünstlerin und Malerin erstmals das wohl umfangreichste Milchkännchenmuseum Deutschlands. In zwei Räumen stehen die Gefäße, jedes in einem eigenen kleinen Regalfach, ordentlich und übersichtlich aufgereiht an den Wänden. Schilder weisen darauf hin, welche Manufaktur sie hergestellt hat und aus welchem Land sie stammen.

          Den Betrachter erstaunt die Vielfalt der Formen ebenso wie die der Dekors, mal romantisch verspielt, mal barock pompös, mal abstrakt oder in klassisch blauem Zwiebelmuster. Girlanden, Liebesszenen, Blumen, Schmetterlinge, Weihnachtsbäume, Tiere, bunte Punkte, abstrakte Muster oder nur ein einfacher Goldrand am weißen Porzellan zieren die Gefäße. Obwohl sie alle dem gleichen Zweck dienen, gleicht kein Kännchen exakt dem andern. Jede Tülle zum Ausgießen, jeder Bauchumfang und jeder Henkelschwung sind anders. Gefertigt sind die meisten aus Porzellan, es gibt aber auch Exemplare aus Steingut, Keramik, Glas, Metall und Kunststoff.

          Zeitlose Machart

          Die Namen vieler Hersteller erscheinen dem Laien fremd, andere wie WMF, Wächtersbacher Keramik, Seltmann Weiden, Könitz und Rosenthal sind allgemein bekannt und teilweise schon am unverwechselbaren Stil zu erkennen. Die Kännchen sind von zeitloser Machart oder können den gängigen Kunststilen der vergangenen Jahrzehnte zugeordnet werden. Dazu zählen vor allem Jugendstil-Kännchen, doch auch auf die klaren, funktionalen Proportionen des Weimarer Bauhauses trifft das Auge immer wieder.

          Weiß trifft bunt: Die Milchkännchensammlung von Silvia Becker besitzt viele Facetten. Bilderstrecke

          Während die in Deutschland produzierten Kännchen nach Marken gegliedert sind, stehen die Exemplare aus Europa und der weiteren Welt nach ihrem Herkunftsland sortiert zusammen. Vertreten sind alle Kontinente und fast alle europäischen Länder.

          Zum Schmunzeln lädt die Ecke ein, die den Kuriositäten der Sammlung gewidmet ist. Dort gibt es Kännchen, die aussehen wie Kühe. Eines stellt eine Eule dar, ein anderes eine weibliche Brust, und eines trägt ein Männergesicht, aus dem die Milch beim Einschenken aus den Nasenlöchern rinnt.

          170 Jahre altes Kännchen

          Das vermutlich älteste Stück ist ein blau-weißes Kännchen aus Böhmen, das nach den Recherchen von Nirava mindestens 170 Jahre alt ist, andere zählen um die 100 Jahre. Viele Exponate entdeckte die Künstlerin beim Stöbern auf Floh- und Antikmärkten oder erwarb sie im Einzelhandel in Deutschland und im Ausland. Eine Reihe von Kännchen bekam sie auch geschenkt, oder jemand stellte sie einfach vor die Tür ihres Hauses, in dem sie ihre Künstlerwerkstatt betreibt.

          Hier entstehen außer Bildern und Skulpturen unter anderem auch stilvolle Urnen und andere Gefäße, ein Thema, das die Künstlerin seit langem berührt, wie sie sagt. Gefäße gehören nach ihren Worten zur Kultur des Menschen. Sie umhüllen, nehmen auf und schützen ihren Inhalt, wobei sie oft eine eigene Ästhetik besitzen. Die Anfertigung künstlerischer Gefäße habe sie vor etwa zwei Jahrzehnten auch dazu gebracht, bei sich zu Hause Milchkännchen aufzubewahren. Daraus entstand allmählich ihre umfangreiche Sammlung.

          Als junge Frau und Mitbewohnerin einer Wohngemeinschaft sei es üblich gewesen, die Kaffeemilch im Tetrapack auf den Esstisch zu stellen. Das sei damals in Ordnung gewesen. Doch heute gehe es ihr darum, die Esskultur mit nachhaltigem, formschönem Geschirr zu pflegen. Die Milch in ein Kännchen zu füllen bedeute auch, das Lebensmittel wertzuschätzen.

          Milchkännchenmuseum

          Das Milchkännchenmuseum, Breite Straße 33 in Großkrotzenburg, öffnet morgen, 17 Uhr, und am Sonntag, von 11 bis 17 Uhr. Danach ist an jedem zweiten Sonntag im Monat geöffnet, an diesen Tagen ist gegenüber auch das Heimatmuseum Großkrotzenburg zugänglich. Termine auch unter 0 61 86/13 14. Eintritt frei.

           

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