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Mikro-Appartements : Kleine Wohnung für große Geldbeutel

Rot: „The Flag“ entsteht an den Adickesallee. Bild: Simulation Forster

Mikro-Appartements sind für Investoren eine gute Möglichkeit, hohe Mieten zu erzielen. In Frankfurt sind auf diese Art schon mehr als 3000 Zimmer entstanden. Doch Stadtplaner warnen vor den Folgen.

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          Rot oder Grau? Der Architekt Stefan Forster hat einen ungewöhnlichen Weg gewählt, um sich über die Fassadenfarbe seines neuen Studentenwohnheims im Frankfurter Nordend klarzuwerden. Er ließ auf seiner Facebook-Seite über den Farbton abstimmen, den der Backsteinbau tragen soll. Die Mehrheit war für Rot, was in der eintönig grauen Umgebung an der Adickesallee immerhin einen Farbtupfer bedeutet. Zwischen dem Polizeipräsidium und der ebenso grauen Frankfurt School of Finance soll das Wohnheim bis zum Wintersemester 2016 entstehen.

          Rainer Schulze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Haus mit 340 Appartements ist schon das dritte der Marke „The Flag“ in Frankfurt und eines von etwa einem Dutzend in der Stadt, die sich vor allem an Studenten und Berufsanfänger wenden. Sein Bauherr Rudolf Muhr hält den Markt noch nicht für gesättigt. „Die Studenten müssen irgendwie unterkommen“, sagt er.

          Ein Zimmer ab 1090 Euro im Monat

          Der Campus Westend der Goethe-Universität ist nur fünf Gehminuten entfernt. Muhr sagt, er lege Wert auf zentrale Lage und eine gute Ausstattung. „Wir wollen etwas Schönes bieten und ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.“ Das Standardzimmer ist bei ihm 23 Quadratmeter groß, teilmöbliert und soll für weniger als 500 Euro im Monat vermietet werden. Das wäre nur halb so viel wie im ersten „The Flag“ schräg gegenüber. In dem Boardinghouse, das sich offenbar eher an Geschäftsleute wendet, kostet ein Zimmer mindestens 1090 Euro.

          Der Übergang zwischen privaten Studentenwohnheimen und Appartementhäusern ist fließend. In den vergangenen Jahren ist das Angebot stark gewachsen, mehr als 3000 Zimmer sind entstanden. Die Stadt sieht den Zuwachs mit Skepsis: Appartementhäuser könnten wegen der hohen Fluktuation negativ auf ihre Umgebung ausstrahlen, meint Planungsamtsleiter Martin Hunscher. Die Bewohner glichen Hotelgästen und würden im jeweiligen Viertel nicht heimisch. „Wenn so etwas massiert auftritt, ist das für ein Quartier nicht gut. Ich habe das Gefühl, es gibt langsam genug von diesen Dingern.“

          Bau von Appartementhäusern sehr lukrativ

          Reine Studentenwohnheime gibt es nur in öffentlicher oder kirchlicher Trägerschaft. Die Zimmer sind günstiger als die privaten Angebote, aber sie decken die Nachfrage nicht ab. Die privaten Wohnheime wenden sich an eine breitere Kundschaft. Das gilt allerdings nicht immer. In dem Projekt „Headquarter“ des Projektentwicklers Benchmark Development zum Beispiel bekommt man nur mit einer Immatrikulationsbescheinigung ein Zimmer. Der These, dass die Appartementhäuser die Nachbarschaft negativ beeinflussen, widerspricht Geschäftsführer Götz Hufenbach. Mit einer Dachterrasse, einem Billardraum und einer Gemeinschaftsküche entstehe eine lebendige Atmosphäre, die auch auf das Viertel abfärbe.

          Die Zimmer im Bockenheimer „Headquarter“ kosten zwischen 400 und 640 Euro. Wie viele andere Anbieter rechnet auch Benchmark eine „Flatrate“ ab: Die Nebenkosten umfassen den Internetzugang. Benchmark beginnt gerade im Gallus an der Mainzer Landstraße mit dem Bau des zweiten Projekts, das sich mit 166 Appartements ausschließlich an Studenten wendet. Daneben entsteht ein Gebäude mit 100 Mikro-Appartements, die auch Pendlern und Berufsanfängern offenstehen.

          Und weiß: „Headquarter“ an der Mainzer Landstraße
          Und weiß: „Headquarter“ an der Mainzer Landstraße : Bild: Simulation Benchmark

          Für Projektentwickler ist der Bau von Appartementhäusern besonders lukrativ, weil sich hohe Quadratmeterpreise von mehr als 20 Euro erzielen lassen. Das ist besonders bei der Umnutzung ehemaliger Büroimmobilien entscheidend: Weil der Umbau aufwendig ist und die Grundrisse die Nutzung stark einschränken, ist eine Umwandlung der Büros zu Appartements, die von einem langen Flur abgehen, die wirtschaftlichste Möglichkeit. Zudem ist der Stellplatzschlüssel bei Wohnheimen großzügiger: Ein Bauherr muss nur für jedes dritte Appartement einen Parkplatz nachweisen.

          Neuer Trend bei großen Unternehmen

          Im Gallus hat die International Campus AG das alte Ordnungsamt zum „The Fizz Frankfurt Gallus“ umgebaut, einem Appartementhaus mit 381 vollmöblierten Einzelappartements für Studenten. Die Zimmer kosten zwischen 590 und 750 Euro. In der Bürostadt Niederrad sind etliche Appartementhäuser entstanden, auch am West- und Ostbahnhof gibt es solche Angebote.

          Das Unternehmen Mercurius hat sich auf den Bau von Mikro-Appartements spezialisiert und vermietet in Frankfurt in fünf Objekten rund 800 Zimmer, etwa zehn Prozent davon an Studenten. Vorstand Atilla Özkan berichtet von einem neuen Trend: Große Unternehmen wie die Bundesbank oder die Deutsche Bahn mieteten ganze Häuser und bündelten dort ihre Mitarbeiter. Für Özkan hat Frankfurt unter den deutschen Städten eine Sonderstellung, weil die Einwohnerzahl unter der Woche besonders stark steigt. Hotels und der Wohnungsmarkt könnten das nicht abfedern. „Da muss es Zwischenlösungen geben.“

          Wegen der hohen Grundstückspreise sei der Bau von Appartementhäusern für einige Entwickler ein „Schlupfloch“, sagt Özkan. Er rechnet damit, dass die Studentenzahlen abnehmen werden. „Manche füllen dann mit Berufsanfängern auf.“

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