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Michael Quast : Ein Perfektionist und ein melancholischer Komiker

Noch ist er Herr im Haus: Michael Quast im Zuschauersaal des Cantatesaals seiner „Fliegenden Volksbühne“ Bild: Wonge Bergmann

„Der tollkühne Theaterdirektor“ heißt die Uraufführung, mit der Michael Quast in diesem Jahr das Festival „Barock am Main“ eröffnet. Der Titel passt auch auf den Schauspieler, Kabarettisten, Sänger, Regisseur und Chef der „Fliegenden Volksbühne“.

          Am Freitag die ganze „Carmen à trois“ mit Sabine Fischmann. Gestern der ganze Schiller - „Verrat, Verrat und hinten scheint die Sonne“ mit Philipp Mosetter. Heute Grimms Märchen. Fast ganz. Und von Mittwoch an, jeden Abend, bis der Vorhang am Großen Hirschgraben in Frankfurt endgültig fällt, Niebergalls „Datterich“. Regie: Michael Quast und Sarah Groß, Rolle des Dummbach: Michael Quast.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Viel Zeit hat Michael Quast nicht. Auch nicht dafür, wie er es manchmal tut, von seiner Bühne, dem Cantatesaal, hinunter ans Mainufer zu spazieren und sich für einen Moment auf eine Bank am Fluss zu setzen. Er holt eine Schiebermütze aus der Tasche, gegen die Sonne. Spricht darüber, was nun kommen könnte, wenn er, der Schauspieler, Regisseur, Prinzipal, mit seinem Trüppchen wieder zur „Fliegenden Volksbühne“ wird.

          Quast: Ich war so naiv

          Am nächsten Sonntag ist Kehraus: Bis 2018 soll das neue Romantikmuseum am Hirschgraben entstehen, so lange kann auch der dort gelegene Cantatesaal nicht genutzt werden, in dem Quast mit seinem Ensemble seit zwei Spielzeiten versucht hat, eine neue Form des Volkstheaters zu etablieren. „Volkstheater, das heißt nicht: harmloses, beliebiges Theater. Ich habe nie versucht, Theater zu machen, das jedem wohl und niemandem weh tut“, sagt Quast. Vielmehr sagt er „niemand’“. Eine leise Mundart, irgendwas zwischen Hessisch und Pfälzisch, ist auch zu hören, wenn der Mann hinter den Rollen spricht. Er tut es, meistens, leise und eher ernst, bisweilen fast ein wenig streng - wie die meisten, die auf der Bühne dem Komischen zuneigen. Mitdenken, den doppelten Boden wanken fühlen, das soll das Publikum, auch wenn meist „Komödie“ auf dem Spielplan steht.

          Derzeit probt Quast Molières „Eingebildeten Kranken“ und „Der tollkühne Theaterdirektor“, eine Neufassung von Molières „Impromptu de Versailles“ von Rainer Dachselt. Passender könnte wohl kaum ein Stück sein. Ein tollkühner Theaterdirektor, das ist auch aus Michael Quast geworden. Theater spielen wollte er schon als Heidelberger Gymnasiast, ein Jahr vor dem Abitur hat er sich an der Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst beworben. Nirgendwo sonst: „Ich war so naiv“, sagt Quast, „ich wusste gar nicht, wie das geht.“ Er ist prompt genommen worden. Die Eltern waren einverstanden. Und es hat dann ja auch geklappt mit der Karriere.

          Was man mit Mundart erreichen kann

          Seit zehn Jahren schlägt Quast mit seinen Schauspielerkollegen im Sommer eine Bühne im Höchster Bolongarogarten auf, jede Vorstellung ist ausverkauft. Das Theaterfestival „Barock am Main“ ist zu einer festen Größe geworden, seit Quast es, zusammen mit dem „hessischen Molière“ Wolfgang Deichsel, ins Leben gerufen hat. 2011 ist Deichsel gestorben, Quast vermisst ihn. „Wolfgang Deichsel getroffen zu haben war für mich ein Glücksfall“, sagt Quast. Von ihm hat er die Beschäftigung mit dem Dialekt gelernt, die kritische, wie er betont. „Mit der Mundart erreichen Sie Dimensionen, die Sie im Hochdeutschen nie erreichen, das ist meine persönliche Erfahrung als Schauspieler.“ Ein kritischer Kopf, leidenschaftliche und ernste Auseinandersetzung mit Stoffen, so wie damals, als er Deichsel kennenlernte, das fehlt ihm heute.

          Damals, das war 1985. Vom Altstadtufer aus hat man Sachsenhausen gut im Blick. „Dribbdebach“, in Oberrad, wohnt Michael Quast. Mit Regisseurin Sarah Groß und den drei gemeinsamen Kindern. Fünf hat er insgesamt, das älteste 19, das jüngste vier Jahre alt. Nicht einfach, zwei Theatereltern und die Familie unter einen Hut zu bringen. Sommerferien, das heißt für die Kinder: Festivalzeit. Theater „ist kein familienfreundlicher Beruf“, sagt Quast.

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