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Metzler-Prozeß : Gäfgen klagt im Schlußwort sich und andere an

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Der Angeklagte Magnus Gäfgen, gegen den die Staatsanwaltschaft die lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes an dem Schüler Jakob von Metzler und wegen der abscheulichen Tatumstände die Feststellung der ...

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          Der Angeklagte Magnus Gäfgen, gegen den die Staatsanwaltschaft die lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes an dem Schüler Jakob von Metzler und wegen der abscheulichen Tatumstände die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld beantragt hat, las am Freitag vor der 22.Großen Strafkammer sein Letztes Wort von sechs Seiten Manuskript ab. Ihm sei, so sagte er, in den vergangenen Tagen so vieles durch den Kopf gegangen, er könne nicht frei sprechen. Die zu Papier gebrachten Überlegungen gipfelten rhetorisch in Sätzen wie "ich bereue unendlich, ich schäme mich abgrundtief", "ich habe eine Schuld auf mich geladen, die nach harter Ahndung verlangt" und, in der Wiederholung der früheren Erklärung, "ich würde mein Leben geben, wenn Jakob dadurch wieder lebendig würde". Dies sei keine Floskel, meinte Gäfgen hervorheben zu müssen.

          Bereits im November vergangenen Jahres war dem psychiatrischen Gutachter Professor Norbert Leygraf aufgefallen, daß Gäfgens Sprache, wenn er sich selbst und seine Gefühlswelt beschrieb, pompös, floskelhaft und wohlklingend ist, jedoch ohne persönliche Färbung, den Zutritt zum Wesen des Sprechenden verwehrend und damit letztlich inhaltslos. So war dies auch auch im Letzten Wort, das die Strafprozeßordnung jedem Angeklagten als bedeutende Chance der Selbstdarstellung eröffnet und die dieser Angeklagte vertan hat: mit Vorwürfen gegen die Welt und Selbstmitleid.

          Der Mangel an Fähigkeit, Inneres zu offenbaren, ist Gäfgen möglicherweise selbst bewußt. Er könne nicht erklären, was er selbst nicht verstehe, sagte er und reagierte damit auf die mahnende Kritik von Anklage und Nebenklage, sein Geständnis weise größte Lücken auf, denn es schildere lediglich äußere Abläufe. Er verstehe selbst nicht, sagte Gäfgen am Freitag, daß aus ihm, dem netten, hilfsbereiten, liebenswerten Menschen, der er doch gewesen sei, einer wurde, der ein Kind tötete und die Eltern erpreßte.

          Die glattgefeilte Sprache, die Unlust, Klischees zu vermeiden, und der weinerliche Grundton, in dem Gäfgen nun wohl zum letzten Mal zu seinen Richtern redete, trug mit zu dem Eindruck von Unaufrichtigkeit bei, die nach seinen früheren Einlassungen von mehreren Prozeßbeteiligten festgestellt worden war. Gänzlich schlecht beraten aber war der Angeklagte, als er das Schlußwort auch dazu nutzte, Gericht mit den Anklägern, den Medien und den psychiatrisch-psychologischen Sachverständigen zu halten. In seinem Text schien stellenweise er es zu sein, dem Unrecht geschehen war, dem niemand zuhört, dem falsch und mit zu wenig Einfühlungsvermögen begegnet wird.

          Er habe doch ein umfassendes, schonungsloses Geständnis abgelegt, er habe doch durch Kooperation zur Beschleunigung des Prozesses beigetragen, er habe sich doch bei den Eltern entschuldigt. Mit seiner fast stolzen Aufzählung von prozessualen Leistungen gab Gäfgen gleichsam den netten Angeklagten von nebenan und spürte nicht im mindesten, was seine Rede bei den Zuhörern anrichten konnte - bei Zuhörern, denen die durch ihn selbst hervorgerufenen Bilder des qualvoll ums Leben gebrachten Jakob von Metzler unauslöschlich sind. Unfreiwillig hat Gäfgen mit seinem Letzten Wort in seinem Prozeß einen Beweis dafür geliefert, daß er wohl tatsächlich unfähig ist, Gefühle anderer Menschen auch nur zu ahnen, geschweige denn, Rücksicht auf sie zu nehmen. Der selbst nach Auffassung seiner Verteidiger überführte Mörder Magnus Gäfgen, der am Ende darüber klagte, daß ihn niemand verstehe, wirkte abstoßend und lächerlich.

          Die Kammer unter Vorsitz von Richter Hans Bachl will das Urteil am 28.Juli verkünden. Die Entscheidung wird wie die Hauptverhandlung Augenmerk auf die Frage richten, ob die Verbrechen des Angeklagten, ein Mord und ein tateinheitlich begangener erpresserischer Menschenraub mit Todesfolge, die ohnehin festzustellende Verwerflichkeit derart schwerer Straftaten überragen. Das Gericht würde in diesem Fall die besondere Schwere der Schuld feststellen und einen Zeitpunkt nennen, zu dem frühestens ein Antrag auf vorzeitige Entlassung aus der nur noch formal verhängten lebenslangen Freiheitsstrafe gestellt werden kann. Die Schwere der Schuld könnte sich nicht nur daraus ergeben, daß das Opfer des Mörders ein bemitleidenswert wehrloses Kind war. Die Staatsanwaltschaft hat in ihren Plädoyers auf die Verwirklichung von drei Mordmerkmalen hingewiesen, der Habgier, der Heimtücke und der Verdeckung einer weiteren Straftat. Als Nebenklagevertreter für die Eltern von Metzler hat Rechtsanwalt Eberhard Kempf ähnlich argumentiert. Verteidiger Stefan Bonn hat mit rechtlicher Argumentation widersprochen und ist in seiner Fallanalyse zu dem Ergebnis gelangt, daß "nur" das Mordmerkmal der Heimtücke vorliege. Rechtsanwalt Hans Ulrich Endres appellierte an die Kammer, von der Feststellung der besonderen Schwere der Schuld aus rechtspolitischen Gründen abzusehen: Der Mandant habe trotz Gewaltdrohung durch die Polizei im Prozeß kooperiert. THOMAS KIRN

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