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Metzler-Entführung : Trauer, Wut und Verachtung sind geblieben

  • -Aktualisiert am

Das traurigste Foto der Frankfurter Kriminalgeschichte: Ein Bild des vor zehn Jahren ermordeten Jakob auf dem Familiengrab der Metzlers. Bild: ddp

Vor zehn Jahren erschütterten die Entführung und der Tod Jakob von Metzlers Frankfurt und Deutschland. Es war ein Verbrechen aus Eitelkeit.

          Auf dem traurigsten Foto der Frankfurter Kriminalgeschichte ist ein kleiner Junge abgebildet, der breit und ein wenig schüchtern lächelt. Was jeder weiß, der das Bild sieht: Dieses Kind, Jakob von Metzler, ist entführt und ermordet worden. Der Junge wurde nur elf Jahre alt, am 27. September 2002 wurde er ermordet.

          Gegen den ein Jahr später zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilten Täter Magnus Gäfgen erheben sich noch ein Jahrzehnt nach seinem Verbrechen regelmäßig Tausende von Stimmen. Wut und Verachtung entladen sich weniger wegen der Tat selbst, sondern wegen der schier unermüdlichen Hartnäckigkeit, mit der ein verurteilter Verbrecher seine Rechte wahrgenommen hat. Unter dem lauten Herzschlag der Empfindung für das getötete Kind und dem Hass gegenüber dem Täter ist die Erinnerung an den Mordfall verblasst, dessen reine Äußerlichkeiten die Tragödie des kleinen Jungen zu einem ganz besonderen Fall haben werden lassen.

          Die Auswirkung von Prominenz auf den Einzelfall

          Das getötete Opfer gehörte einer Familie an, die an Verdienst und Ansehen in Frankfurt kaum zu überbieten ist. Von Metzler, das sind drei Jahrhunderte Tradition, persönliche Tüchtigkeit und Engagement für das Gemeinwohl und eine wechselseitige Beziehung zwischen dem Namen und der Gemeinde Frankfurt am Main. Friedrich von Metzler, der Chef des Hauses, ist Ehrenbürger der Stadt Frankfurt.

          Welche Auswirkung Prominenz im Einzelfall auf die Arbeit der Strafverfolger haben mag, lässt sich nur erahnen. Mit Sicherheit haben alle Frankfurter Polizeibeamten, die mit der Fahndung und Aufklärung zu tun hatten, von der ersten Sekunde an dieses Besondere gespürt. Von Beginn an war der Entführungsfall Jakob von Metzler auch unter der direkten Beobachtung der Landespolitik. Die erste Meldung über den Erpresserbrief erreichte den Staatssekretär im Hessischen Innenministerium, der das Notwendige veranlasste.

          Ein Verbrechen aus Eitelkeit und Rücksichtslosigkeit

          Über die Verfassung und Vorgehensweise des Täters wurde relativ viel bekannt. Er hat sich sowohl in der Exploration durch einen erfahrenen Gerichtspsychiater, der ihn fünfmal traf, als auch während des Schwurgerichtsprozesses vor dem Frankfurter Landgericht bereitwillig geäußert. Gäfgens eitler und rücksichtsloser juristischer Kampf in fast einem Jahrzehnt nach der Verurteilung liefert Belege genug, ihn als berechnenden und gegenüber dem Empfinden anderer eher unempfindlichen Charakter zu verstehen. Auch die Vermutung, er nehme es nicht immer und mit jeder Wahrheit genau, haben verschiedene Gerichte zum Ausdruck gebracht.

          Eitelkeit und Rücksichtslosigkeit aber sind auch die Kennzeichen seines Verbrechens und seiner Motivation. So hat er geschildert, welch immense emotionale Bedeutung ein junges Mädchen, das seine Geliebte wurde, für ihn hatte. Die Sechzehnjährige, elf Jahre jünger als er selbst, erschien ihm als Traumfrau, als eine, die „in einer anderen Klasse spielt“. Er war stolz darauf, dass diese vermeintliche Göttin sich zu ihm neigte, und glücklich, mit ihr Heiratspläne schmieden zu können.

          Eine finanziell desaströse „große Liebe“

          Der Preis war, dass Gäfgen nun nicht nur ein kleines Vermögen, das teils aus einer Unterstützung des Elternhauses, teils aus Tätigkeiten neben dem Jurastudium und teils aus geglückten Börsenspekulationen stammte, für den sorgsam gepflegten Schein ausgab, er sei ein erfolgreicher junger Anwalt, sondern der Geliebten Wünsche von den Augen ablas und sie in den Weltmarkengeschäften der Frankfurter Goethestraße realisierte.

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