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Metzler-Entführung : Trauer, Wut und Verachtung sind geblieben

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Die finanziell desaströse „große Liebe“ war nur der Höhepunkt in einem von der Sehnsucht nach Macht und Reichtum geprägten illusionären Leben. Durch Zufall und mit verlogenem Geschick hatte sich der Junge aus kleinbürgerlichen Verhältnissen in einen Freundeskreis von Kindern wohlhabender Eltern geschmuggelt. Es gelang ihm, eine Weile mitzuhalten bei Vergnügungen und im Urlaub. Die Welt der Selbstsicheren und Sorglosen gefiel ihm natürlich und das Mädchen setzte dem Märchen die Krone auf.

Jakob starb, weil er seinen Entführer kannte

Im Sommer 2002 aber war Gäfgens Geld zu Ende. Bei der letzten Reise nach Florida musste er sich telegraphisch bei den Eltern Geld pumpen. Es war, so sah er es, zur Rettung der Scheinwelt, die so überaus wichtig geworden war, dringend notwendig, eine Geldquelle anzuzapfen, buchstäblich koste es, was es wolle. Er erinnerte sich an den kleinen Sohn der Familie Metzler, dem er einmal flüchtig begegnet war, und entwickelte den Entführungsplan. Ursprünglich war wohl der Tod nicht geplant. Doch im Blick auf das bekannte traurige Ende des Falls verbietet es sich, die unsinnigen und eben deshalb nicht verwirklichten Ideen nachzuzeichnen, die angeblich das Leben des Kindes geschont hätten.

Es führte kein Weg daran vorbei: Jakob von Metzler starb, weil er seinen Entführer kannte. Der Mörder erstickte ihn noch in derselben Stunde, in der er es entführt hatte, in seiner Wohnung. Er verpackte die Leiche, legte sie in den Kofferraum und fuhr zum Haus Metzler, wo er den Erpresserbrief ablegte: mit dem Versprechen, bei Zahlung von einer Million Euro werde Jakob freigelassen. Dann fuhr er in den Vogelsberg und versteckte das tote Opfer in einem abgelegenen Waldsee unter einem Steg.

Eine Ausrede nach der anderen

Dieser schauerlich kaltblütige Mann war zwei Tage später so dumm, mit demselben Wagen und dem auf ihn registrierten Nummernschild zur Straßenbahn-Haltestelle Oberforsthaus im Stadtwald zu fahren, um das in einem Papierkorb deponierte Lösegeld abzuholen. Er wurde observiert, und bis auf eine bange Viertelstunde, in der sie ihn aus den Augen verlor, hat ihn die Polizei ständig überwacht. Er unternahm nichts, was auf die Freilassung des Kindes deutete, vielmehr buchte er am Montag nach der Geldübergabe eine Auslandsreise. Die Staatsanwaltschaft drängte auf Festnahme.

In der Vernehmung log der Verdächtige, zog Unschuldige in die Fahndung, erfand eine Ausrede nach der anderen. Er wirkte wie ein Verbrecher, der sich herauszuwinden versucht, man könnte auch sagen, er benahm sich für einen Haupttatverdächtigen nicht ungewöhnlich. Polizeivizepräsident Wolfgang Daschner verfiel gleichwohl zur Rettung des Kindes, für dessen Überleben er noch eine winzige Chance sah, auf einen in den Polizeiannalen bisher einmaligen Vorgang: Er ordnete die Androhung von Schmerzen durch einen Untergebenen an, er ordnete Vorbereitungen zum Schmerzzufügen an, er verlangte, dies solle unter ärztlicher Aufsicht geschehen, und er ordnete Nachforschungen über die Möglichkeit eines Wahrheitsserums an. Darüber fertigte Daschner eine inzwischen berühmt gewordene Aktennotiz.

3000 Euro Entschädigung wegen Bedrohung

Gäfgen wurde weisungsgemäß im Polizeipräsidium bedroht und gab daraufhin das Versteck der Leiche preis. Er wurde vor Gericht gestellt und zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Die besondere Schwere der Schuld wurde festgestellt. Daschner wurde in einem eigenen Prozess vom Gericht lediglich verwarnt.

Dem verurteilten Mörder hat das Frankfurter Landgericht 3000 Euro Entschädigung wegen der Bedrohung zugesprochen. Das Land Hessen hat das Urteil angefochten. Es wird noch einen Prozess geben, vermutlich im Oktober.

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