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Landgericht Hanau : Kampf mit Messern, Fäusten und Stöcken

Eine Messerstecherei im April in Hanau endete für etliche der Beteiligten mit lebensgefährlichen Verletzungen. Bild: dpa

Eine Messerstecherei im April in Hanau endete für etliche der Beteiligten mit lebensgefährlichen Verletzungen. Am Freitag machte eine Litauerin als erste Zeugin in der Verhandlung vor dem Landgericht Hanau ihre Aussage.

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          Die orangefarbene Jacke wird zum Erkennungszeichen. Kaum zu übersehen ist das Outfit der jungen Frau. Auf dem Bild, aufgenommen von einer Überwachungskamera, ist sie von vorne abgebildet, so dass ihr Gesicht gut zu erkennen ist. Dorna B. schaut auf die Leinwand, auf die das Bild projiziert wird. Ja, das sei sie, sagt die 27 Jahre alte Litauerin in der Verhandlung des Landgerichts Hanau auf die Frage der Vorsitzenden Richterin Katharina Jost. Dank der auffälligen Jacke, die am Rücken einen weißen Ziersteifen trägt, ist die junge Frau auch auf anderen Überwachungsbildern vom Hanauer Freiheitsplatz wiederzuerkennen, so lässt sich leicht ein Zusammenhang zwischen den Aufnahmen herstellen, die aus verschiedenen Blickwinkeln aufgenommen sind.

          Jan Schiefenhövel

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Noch etliche Fotos und Videos werden auf die Leinwand im Hindemith-Saal im Congress-Park Hanau geworfen, den das Landgericht für diesen Prozess gemietet hat. Die Bilder stammen teils aus Überwachungskameras in der Hanauer Innenstadt, teils von Profilen im Internet. Zusammen mit der jungen Litauerin ist darauf der 26 Jahre alte Eraldo H. zu sehen, bei dem die Frau sich anlehnt – die beiden sind offensichtlich ein Liebespaar.

          Teils lebensgefährliche Verletzungen

          Der Anklageschrift zufolge war der Albaner Eraldo H. an einer Messerstecherei am Abend des 28. April in der Hanauer Innenstadt beteiligt. Der Staatsanwaltschaft zufolge gerieten er und zwei weitere Albaner mit einer Gruppe von sechs jungen Männern aus Syrien und dem Irak aneinander. Die Auseinandersetzung auf einem Parkplatz an der Langstraße in der Nähe des städtischen Klinikums endete blutig. Etliche der Männer erlitten teils lebensgefährliche Verletzungen: tiefe Stiche, Schnitte und Platzwunden am Kopf.

          Die drei Albaner sowie ein Syrer sitzen in Untersuchungshaft. Ihnen wird versuchter Totschlag vorgeworfen, weil sie nach Überzeugung der Anklage Messer eingesetzt haben. Die übrigen müssen sich wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten.

          Litauerin erste Zeugin

          Die Strafkammer ist seit mehr als drei Wochen dabei, den Gewaltausbruch aufzuklären. Weil das bei einem Kampf von neun Beteiligten nicht einfach wird, hat das Gericht noch zehn weitere Verhandlungstage angesetzt. Die Litauerin wird am Freitag als erste Zeugin befragt, weil sie das Geschehen und seine Vorgeschichte unmittelbar miterlebt hat. Mit ihrem Freund war sie an dem Abend im April auf dem Freiheitsplatz. In der Nähe des Paars urinierte ein Mann, wie die Zeugin erzählt. Dabei handelte es sich um den 26 Jahre alten Syrer Azad S. Dieser Mann sei aggressiv gewesen, habe sich benommen, „als ob er nach Problemen gesucht“ habe, so schildert es die Zeugin. Sie und ihr Freund hätten weggehen wollen, doch der Mann habe ihnen zugerufen, er wolle mit ihnen reden, habe mehrfach ausgerufen, er sei Kurde, und damit gemeint, sie müssten Angst vor ihm haben. So seien der Fremde und Eraldo in Streit geraten. Ein Teil des Geschehens ist auf Überwachungsbildern zu sehen.

          „Wahl, zu sterben oder sich zu verteidigen“

          Bald darauf habe das Paar den Bruder von Eraldo und einen Freund getroffen, sagt die Zeugin. Diese beiden Albaner sind ebenfalls angeklagt. Kurz danach sei die Gruppe auf der Langstraße „überfallen“ worden. Etwa zehn junge Männer, unter ihnen der Mann vom Freiheitsplatz, seien „mit langen Stöcken“ auf die Albaner losgegangen. Dieses Geschehen auf dem Parkplatz, von dem es keine Bilder gibt, beschreibt die Zeugin allerdings lange nicht so detailliert wie die Vorgeschichte auf dem Freiheitsplatz. Die Richter insistieren, fragen immer wieder nach, wie genau der Kampf abgelaufen sei. Doch die junge Frau spricht nur von einer „Schlägerei“. Ein Messer habe sie dabei nicht gesehen. Eines dagegen wiederholt die Zeugin mehrfach: „Meine Freunde hatten nur die Wahl, zu sterben oder sich zu verteidigen.“

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