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Messe für Vegetarier in Wiesbaden : Hauptsache kein Fleisch

„I love Tofu“: Die Firma Taifun liebt ihr Produkt und zeigt, wie man es zubereiten kann. Bild: Kretzer, Michael

Wer zur Veggie World in Wiesbaden geht, muss kein Vegetarier oder Veganer sein, aber es hilft vielleicht. Besuch auf einer kleinen Messe, die mit dem Leben ohne Fleisch ein großes Thema hat.

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          Gäbe es die Frauen nicht, so heißt es in der Buchbranche, hätten Romane auf dem Markt keine Chance. Vom weiten Feld der Essgewohnheiten ist immerhin bekannt, dass Frauen in Deutschland nur halb so viel Fleisch essen wie Männer, 600 Gramm gegenüber 1,1 Kilogramm in der Woche. Das hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung dieser Tage publiziert. Sieben Millionen im Land essen hingegen überhaupt kein Fleisch, rund 800.000 überhaupt keine tierischen Produkte. Diese Zahlen hat gestern der Vegetarierbund Deutschland veröffentlicht, zum Start einer Ausstellung in den Wiesbadener Rhein-Main-Hallen, die sich dort zum dritten Male dem vegetarischen und veganen Leben widmet, in seiner kulinarischen Erscheinungsform vor allem.

          Jacqueline Vogt

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Als Priska Hinz, die Grünen-Politikerin und neue hessische Ministerin für Umwelt und Verbraucherschutz, am Freitag auf der Grünen Woche in Berlin ankündigte, die Förderung ökologischen Landbaus zu einem ihrer Schwerpunktthemen machen zu wollen, öffnete in der Landeshauptstadt, nicht weit von Hinz’ Dienstsitz, die Veggie World. Es ist eine Veranstaltung, die einerseits klein ist, gerade rund 80 Aussteller sind dabei. Die Resonanz, die sie im Verhältnis dazu findet, ist andererseits groß: Nach den Erfahrungen, die sie in den vergangenen Jahren gemacht haben, rechnen die Veranstalter mit 20.000 Besuchern. Zielgruppe sind Verbraucher und Händler, auch Gastronomen sind angesprochen. Optisch größer wird die Veggie World dadurch, dass zur selben Zeit und ebenfalls in den Rhein-Main-Hallen die Paracelsus-Gesundheitsmesse stattfindet mit Schwerpunkt auf Behandlungsmethoden abseits der Schulmedizin.

          Tofu-Geschnetzeltes mit Gyrosgewürz

          Die Schnittmenge der Besucher ist groß, schon deshalb, weil es im vegetarisch-veganen Sektor vieles zu probieren gibt vom Petersilienpesto über gedörrte Äpfel und Tofuwürstchen bis zur Chili-Salsa auf der Basis von Pulver aus der Frucht des Affenbrotbaums. Das Gros des Angebots sind Halbfertig-Produkte wie Soja- und Gemüsebratlinge in Trockenmasse, die mit Wasser angerührt werden muss, oder gleich fix und fertige Dinge wie die vielen Waren, die im Ansatz aussehen und schmecken wie Fleisch, wenn sie erhitzt worden sind. Besonders weit gediehen ist das bei der Firma Wheaty. Ihr Stand hat gutgelauntes Personal, das vegane Salami aufschneidet, Würstchen brät und Geschnetzeltes, das wie Gyros gewürzt ist: laktosefrei, eifrei, ohne Palmöl, dafür aus Wasser und Weizeneiweiß, Sonnenblumenöl, Zwiebeln und mit dem Verdickungsmittel Johannisbrotkernmehl.

          Wenn der Eindruck nicht täuscht, ist das Publikum am ersten Messetag zu größeren Teilen weiblich und eher älter als 40 Jahre denn jünger, aber es ist auch nicht so, dass keine Jugend zu sehen wäre. Das Interesse am Thema scheint sich durch Schichten und Altersgruppen zu ziehen. Das Angebot ist breit, kein Wunder in Zeiten, in denen schon die Worte vegetarisch und vegan als so zugkräftig gelten, dass sich viele Angebote damit schmücken lassen. Urgesteine der Bio-Bewegung, deren Waren in den Regalen schon der ersten Bioläden standen, sind in Wiesbaden dabei, die Firma Rapunzel zum Beispiel und Bruno Fischer mit den legendären „Zwergenwiese“-Aufstrichen. Für zehn Euro im Viererpack verkaufen sie sich wie geschnitten Brot.

          Nachfrage steigt ständig

          Einen besonders aufwendig gestalteten und weitläufigen Stand hat „Lebe Gesund“. Unter diesem Namen werden Produkte der landbautreibenden Quasi-Sekte Universelles Leben vertrieben, die sich von ihrem einstigen Vermarktungs-Label „Gut zum Leben“ nach und nach trennt. „Die Nachfrage wird immer stärker.“ Das sagt fast jeder Aussteller, dem diese Frage gestellt wird. Dank der Möglichkeiten des Internets kann die Nachfrage, entsprechende Logistik vorausgesetzt, auch bedient werden; niemand, der nicht einen Online-Shop betreibt.

          Sie hat Öle, Senf und Honig im Sortiment, Gewürze und Trockenfrüchte: Brigitte Roth, Gründerin und Inhaberin von „Die Kulinaristen“, ist ganz neu in der Szene, Ende 2013 hat sie ihre Firma eröffnet. Ihr quereinsteigender Zugang zum Thema ist vielleicht exemplarisch für einen Teil derer, die sich auf diesem boomenden Feld tummeln. Mit dem Vertrieb via Netz hat sie die Möglichkeit, sich „den gesamten deutschsprachigen Raum“ zu erschließen, wie sie sagt. „Für kleine Betriebe ist das auf dem Weg über den herkömmlichen Handel sonst so gut wie unmöglich.“

          Auch bei Bio dominieren die Großen, das meiste Geschäft wird mit Produkten gemacht, deren kleinster gemeinsamer Nenner das Öko-Siegel der EU ist. Wer damit auf der Veggie World wirbt, wirkt wie ein Fremdkörper. Noch mehr tut es der türkische Imbiss, der frittierte Blätterteigröllchen verkaufen will, Gemüsepizzen und Wraps, ohne jedwedes Siegel, was ungewöhnlich ist in diesem Umfeld. Es gibt noch andere derart unpuristische Anbieter, vielleicht haben sie ja am besten die Spielregeln der neuen Unübersichtlichkeit begriffen, nach denen es erst einmal gut ist, kein Fleisch im Sortiment zu haben. Für mehr Informationen heißt es, genau hinzugucken, wie immer eigentlich.

          Die Veggie World in den Rhein-Main-Hallen in Wiesbaden dauert noch bis Sonntag. Sie ist von 10 bis 18 Uhr geöffnet, der Eintritt kostet 12 Euro.

          Vegan leben

          Vegan leben Veganer haben sich für ein Leben ohne Tierprodukte entschieden. Das Wort „vegan“ prägte der Brite Donald Watson, der 1944 die Vegan Society gründete. Ihre Anhänger lehnen Fleisch und Produkte wie Milch, Eier und Honig ebenso ab wie Lebensmittel mit tierischen Inhaltsstoffen, etwa Gelatine. Zudem verzichten sie auf Kleidung aus Pelz, Leder, Seide und Wolle. Auch Pinsel mit Borsten, Musikinstrumente mit Darmsaiten oder Knochenleim werden abgelehnt. Veganer töten auch keine Insekten. Die Vegane Gesellschaft Deutschland rät, Kleinstlebewesen in der Wohnung vielmehr vorsichtig lebend zu fangen und dann in die Freiheit zu entlassen. Einer aktuellen Studie zufolge lebt ein Prozent der Deutschland nach den Regeln der Veganer. (dpa.)

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