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Merz Pharma : Der Vater der Erfolgsgeschichte

Rückzug: Nach Jahrzehnten in führender Position wird Jochen Hückmann einfaches Merz-Aufsichtsratsmitglied. Bild: Bergmann, Wonge

Der Arzneimittel-Hersteller Merz aus Frankfurt schließt sein bisher bestes Geschäftsjahr ab. Jochen Hückmann, über Jahrzehnte das Gesicht des Familienunternehmens, tritt in den Hintergrund.

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          Manche Unternehmer und Manager können gar nicht genug in der Öffentlichkeit stehen - im Fall von Jochen Hückmann ist es umgekehrt. Der Ökonom mit Doktorhut macht um sich wenig Aufhebens und geht lieber im Odenwald auf den Hochsitz statt zu Stehempfängen. Für die Jagd hat Hückmann fortan deutlich mehr Zeit als bisher. Denn nach gut drei Jahrzehnten in führender Position beim Arzneimittel-Hersteller Merz in Frankfurt zieht er sich in den Aufsichtsrat zurück. Als einfaches Mitglied, wie das langjährige Gesicht des Familienunternehmens hervorhebt.

          Thorsten Winter
          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dabei müsste der 69 Jahre alte Enkel des Unternehmensgründers, der die Merz Pharma maßgeblich geprägt hat, noch gar nicht in den Hintergrund treten und nicht nach sechs Jahren vom Vorsitz des einflussreichen Gesellschafterrats Abschied nehmen. Der Gesellschafterrat hat die Aufgabe, die Interessen der beiden hinter Merz stehenden Familienstämme Adam und Hückmann mit den Belangen des Unternehmens abzustimmen - und zwar ausdrücklich in operativer Verantwortung. Der Vorsitzende dieses Gremiums soll den Hut nehmen, wenn er 70 Jahre alt wird. „Mit 75 muss er es.“ So sehen es die Regeln des Unternehmens vor. Jochen Hückmann hat sich nach seinen Worten zum vorzeitigen Rückzug entschlossen, um ein Vorbild für das Unternehmen - „aber auch für andere Mittelständler“ - zu sein, wie er sagt. Wohlwissend, dass so mancher Unternehmer nicht loslassen kann: „Je älter man wird, desto mehr glaubt man, man sei unersetzlich.“

          Anwürfe abperlen lassen

          Zudem geht er mit der bisher besten Jahresbilanz von Merz, wie er hervorhebt. Der Konzern einschließlich des Schreibgeräteherstellers Senator hat den Umsatz binnen Jahresfrist um ein Sechstel auf rund 950 Millionen Euro gesteigert. Der Betriebsgewinn stieg sogar noch stärker, auf 250 Millionen Euro, wie Aufsichtsratschef Andreas Krebs berichtet, der Hückmann als Vorsitzender des Gesellschafterrats folgt. Es handelt sich zwar um vorläufige Zahlen, da das Geschäftsjahr 2011/12 erst in drei Tagen endet, doch ändert das nichts am Erfolg: Mit Merz Pharma geht es weiter aufwärts. „Ich hoffe, Sie nehmen mich so entspannt wahr, wie ich mich fühle“, sagt Hückmann.

          Ob er auch vor sechs Jahren schon so entspannt war, nachdem er den Vorsitz der Geschäftsführung des Konzerns nach 25 Jahren abgegeben hatte? Seinerzeit kamen bald Zweifel auf, da sein Nachfolger Bernhard Scheuble nach nur sieben Monaten Merz wieder verließ. Es hieß, der Vorgänger habe ihm, dem ehemaligen Vorstandschef des Arzneimittel- und Spezialchemikalienkonzerns Merck in Darmstadt, zu sehr in die Alltagsarbeit hineingeredet. Ob dem tatsächlich so war, wissen nur die beiden Herren. Dessen ungeachtet kann Hückmann die Anwürfe, gemessen am Werdegang von Merz, an sich abperlen lassen: In seiner Zeit als Unternehmenschef von 1981 bis 2006 etablierte Merz seine Marke Tetesept im Markt, das Unternehmen machte die Spezial-Dragees, die von Gründer Friedrich Merz entwickelten Schönheitspillen, noch populärer und mauserte sich vor allem zum Hersteller sogenannter ethischer Arzneien, also verschreibungspflichtiger patentgeschützter Wirkstoffe.

          Ausbau der Sparten Ästhetik und Spezial-Neurologie

          Der Merz-Kassenschlager schlechthin, das Alzheimer-Mittel Memantine, ist seit 2002 auf dem Markt. Das einzige gegen mittlere und schwere Verlaufsformen der Demenzerkrankung zugelassene Medikament ist zwar in Deutschland gerade aus dem Patent gelaufen, doch ist noch kein Nachahmerpräparat auf dem Markt. Vor allem aber genießt das Mittel auf dem wichtigsten Arzneimarkt der Welt, den Vereinigten Staaten, noch drei Jahre Patentschutz, zudem ist es in Japan erst 2010 zugelassen worden und wird also Merz noch mehrere Jahre gute Umsätze liefern. Zuletzt hatte Merz mit Memantine einschließlich der Lizenzgebühren, die Vertriebspartner in Amerika und Nordeuropa zahlten, fast 350 Millionen Euro erlöst.

          Um gar nicht erst an die in der Pharmabranche gefürchtete Patentklippe zu kommen und keinen Umsatzeinbruch nach Ablauf von Patenten zu erleiden, hat Hückmann in den vergangenen Jahren den Ausbau der Sparten Ästhetik und Spezial-Neurologie begleitet und den bisherigen Pharmachef Martin Zügel unterstützt. Zügel hat am Freitag seinen letzten Arbeitstag bei Merz, ihm folgt Philip Burchard. Wichtig für den Ausbau der Ästhetik war nicht zuletzt die Zustimmung Hückmanns zum Erwerb des kalifornischen Unternehmens Bio-Form. Damit kaufte Merz auch allerlei Ästhetikmittel wie etwa Faltenfüller. Fast 180 Millionen Euro ließen sich die Frankfurter diesen Zulauf kosten. Und wie Hückmann sagt, halten sie weiter nach Akquisitionsmöglichkeiten Ausschau - die „Kriegskasse“ ist mit 400 Millionen Euro prall gefüllt.

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