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Mentoring-Programme : Karriere-Hilfe für Forscherinnen

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Bisher ist nicht einmal ein Fünftel der Professorenstellen in Deutschland mit einer Frau besetzt Bild: Fricke, Helmut

Spezielle Mentoring-Programme sollen zielstrebige Wissenschaftlerinnen an Universitäten weiterbringen. Fünf Hochschulen in Hessen machen mit.

          Sylvie Geisendorf hat es geschafft: Sie hat einen Lehrstuhl. Die 46 Jahre alte Frau ist seit September Professorin für Umweltökonomik und Allgemeine Volkswirtschaftslehre an der ESCP Europe Wirtschaftshochschule in Berlin. Habilitiert hat sie sich an der Universität in Kassel. Dort war sie Privatdozentin und hat an dem Programm „Pro Professur“ teilgenommen, das zielstrebige Wissenschaftlerinnen der fünf hessischen Universitäten weiterbringen soll.

          Den ersten Jahrgang von „Pro Professur“ gab es 2008/2009, damals war es noch ein vom Land mitfinanziertes Pilotprojekt. Mittlerweile wird es ganz von den Universitäten in Frankfurt, Darmstadt, Gießen, Marburg und Kassel getragen. Der Anmeldeschluss für die Förderung 2012/2013 endet am 23. Januar. Astrid Franzke von der Goethe-Universität koordiniert das Projekt und hofft, dass es auch 2014 fortgeführt wird.

          Intensivtraining für Frauen

          „Im Durchschnitt sind 18 Prozent der Lehrstühle in Deutschland von Frauen besetzt“, sagt Franzke. Damit will sie sich nicht zufrieden geben. Von den 45 Teilnehmerinnen aus dem Jahrgang 2010/2011 seien vier auf eine Professur berufen worden, hebt sie hervor. Drei weitere hätten einen Ruf erhalten, fünf eine Stelle als Vertretungsprofessorinnen inne und zwölf ihre Habilitation abgeschlossen.

          Auch Geisendorf gehörte zu diesem Jahrgang. Sie hat vor allem die Seminare geschätzt und den "sehr intensiven Austausch" der Teilnehmerinnen untereinander. Zu dem "Intensivtraining", wie es Franzke nennt, gehören unter anderem jeweils zweitägige Kurse zu Berufungsverfahren, Drittmittelakquise und Forschungsförderung sowie Hochschulmanagement. Jede Teilnehmerin wird außerdem von einem Mentor betreut, einem Professor oder einer Professorin. Sie kommen auch von Universitäten außerhalb Hessens. Als drittes Element gibt es Hilfen zum Aufbau eigener Netzwerke. Im Juni soll die erste Veranstaltung stattfinden.

          Zuletzt 78 Bewerberinnen

          Franzke rechnet damit, dass es dieses Mal, wie schon im vergangenen Jahr, wieder mehr Interessentinnen gibt als die zur Verfügung stehenden 45 Plätze. 78 Bewerberinnen waren es seinerzeit - Postdoktorandinnen, Habilitandinnen, Juniorprofessorinnen und Privatdozentinnen. Die Plätze werden nach dem Finanzierungsanteil der fünf Unis aufgeteilt. Frauen aus Frankfurt stehen 13 Plätze zur Verfügung, elf jenen aus Darmstadt und je sieben jenen aus Gießen, Marburg und Kassel. Nach Ansicht von Franzke trägt es zum Ansehen der Hochschulen bei, Förderprogramme für Wissenschaftlerinnen zu unterhalten.

          Zu den Themen, die bei "Pro Professur" besprochen werden können, zählt auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, wie sie sagt. "Mehr als die Hälfte der Teilnehmerinnen des vergangenen Jahrgangs hat Kinder." Sylvie Geisendorf zum Beispiel hat zwei; sie sind sieben und zehn Jahre alt. Doch sie kann sich voll ihrem Beruf widmen, weil ihr Mann seine Arbeit stark reduziert hat. Ein seltener Fall: "Fast immer ist es so, dass die Frau nebenher arbeitet", sagt die Professorin.

          Franzke zufolge gibt es bundesweit mehr als 100 Mentoring-Programme für Frauen. Zu ihnen gehört auch das hessische Projekt "Scimento" für Doktorandinnen und Postdoktorandinnen der Natur- und Ingenieurwissenschaften. Um Doppelförderungen zu vermeiden, können sich Teilnehmerinnen jenes Programms nicht gleichzeitig für "Pro Professur" anmelden.

          Ein Programm namens Christine

          An der Mainzer Universität gibt es seit 2008 ein nach der 1987 verstorbenen Ärztin und Medizinhistorikerin Edith Heischkel benanntes Programm für promovierte Ärztinnen und andere Wissenschaftlerinnen in der Medizin. Seit dem vergangenen Jahr werden in Mainz auch Geistes- und Sozialwissenschaftlerinnen unterstützt. Dieses Programm trägt den Namen von Christine de Pizan, einer Schriftstellerin des 15. Jahrhunderts. Wegen der großen Nachfrage will die Universität die Zahl der Plätze von 20 auf 30 erhöhen und mehr Veranstaltungen anbieten. Für das Heischkel-Programm kann man sich noch bis zum 2. Februar bewerben, beim Pizan-Programm läuft das Auswahlverfahren schon. Bis zum 30. Januar können sich Interessentinnen in Mainz außerdem für das Ada-Lovelace-Programm anmelden. Lovelace hatte im 19. Jahrhundert eine Programmiersprache für Rechenmaschinen entwickelt. In dem Projekt werden in ganz Rheinland-Pfalz naturwissenschaftlich Interessierte gefördert, auch Schülerinnen und Studienanfängerinnen.

          Sylvie Geisendorf ist so weit, dass sie inzwischen selbst Studenten hat. Die Berliner Professorin denkt gern an ihre Zeit bei "Pro Professur" zurück: "Das war klar eine Unterstützung."

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