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Wohnen mit Behinderung : Trotzdem zu Hause sein

  • -Aktualisiert am

Zusammen daheim: Seit anderthalb Jahren leben Niels Happ und Jana Misof in einer WG im Nordend. Bild: Vogl, Daniel

Beziehungsgespräche am Küchentisch, einkaufen gehen, Abendessen mit Freunden. Jana Misof und Niels Happ leben in ihrer WG so selbständig wie möglich – trotz mehrfacher Behinderungen.

          5 Min.

          Das trübe Licht des Nachmittags fällt durch hohe Fenster in die Altbauwohnung. Jana Misof sitzt in der Küche, den Kopf in die Hände gestützt. „Mann, ey.“ Sie will einen Kürbis kaufen. Aber dazu müsste sie die Treppe aus dem ersten Stock hinuntersteigen. Das bedeutet fünf Minuten Schwerstarbeit.

          Jana Misof ist 20 Jahre alt und trägt das Haar kurz geschnitten. Im Bruchteil einer Sekunde kann sich ihr Schmollmund in ein breites Lächeln verwandeln. Ihr Mitbewohner Niels Happ ist 30 Jahre alt und trägt bei jedem Wetter ein Tuch um den Hals. Er schaut fremden Menschen grundsätzlich erst mal freundlich ins Gesicht.

          Rund um die Uhr betreut

          Die beiden sind mehrfach geistig und körperlich behindert. Jana Misof kann kaum laufen. Niels Happ kann nicht sprechen. Seit anderthalb Jahren wohnen die beiden zusammen in einer WG am Günthersburgpark. Ihr Alltag unterscheidet sich von dem anderer junger Leute vor allem durch eins: Rund um die Uhr ist ein Pfleger oder ein Betreuer für sie da.

          Sicherheit und Stabilität: Jana Misof wird rund um die Uhr betreut.
          Sicherheit und Stabilität: Jana Misof wird rund um die Uhr betreut. : Bild: Vogl, Daniel

          Niels Happ kommt in die Küche. An die Wange presst er ein schwarz-orangefarbenes Halstuch. Er sagt nichts, aber sein Lächeln verrät alles. Das Tuch hat ihm Sarah geschenkt, seine Freundin. Die beiden sind schon seit ein paar Jahren zusammen. Kennengelernt haben sie sich während der Arbeit in den Oberurseler Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Dort hat auch Jana Misof ihren Freund Moritz getroffen. „Er sagt immer Liebste zu mir.“ Sie verdreht die Augen, muss dann aber doch lachen.

          Hilfe beim Aufstehen

          Isabell Katrusa hilft Misof beim Aufstehen. Katrusa arbeitet als pädagogische Fachkraft im Alfred-Delp-Haus, das ist ein Wohnprojekt für beeinträchtigte Erwachsene in Oberursel. An zwei Nachmittagen in der Woche besucht sie Misof und Happ im Nordend.

          In Hessen werden etwa 17.000 Menschen mit Behinderung ambulant betreut, also in ihrer eigenen Wohnung oder einer Wohngemeinschaft. Das sind 3.000 Menschen mehr als in Heimen. Der Pflegeaufwand ist von der körperlichen, geistigen und seelischen Behinderung abhängig. Manchmal kommt ein Betreuer nur ein- oder zweimal in der Woche, hilft bei Einkäufen und Arztbesuchen. Eine 24-Stunden-Betreuung wie bei Jana Misof und Niels Happ ist die Ausnahme. Lange haben die beiden Familien nach einer geeigneten Wohnung und einem sozialen Träger gesucht, um die WG zu verwirklichen. Zweieinhalb Jahre vergingen so von der Idee bis zum Einzug.

          Kaum passende Wohnungen

          Jana Misof steht im Treppenhaus rückwärts am Treppenabsatz und hält sich am Geländer fest. Isabell Katrusa geht vorweg und hält Misofs Oberkörper fest. Stufe für Stufe arbeiten sich die beiden abwärts. In einer rollstuhlgerechten Wohnung ginge vieles einfacher. Doch passende Wohnungen für Menschen mit Behinderung gibt es in Frankfurt kaum.

          Auf Achse: Den Weg zum Supermarkt schafft Jana Misof nur mit Hilfe.
          Auf Achse: Den Weg zum Supermarkt schafft Jana Misof nur mit Hilfe. : Bild: Vogl, Daniel

          Unten auf der Straße steht der Rollstuhl bereit. „Bremsen los“, sagt Isabell Katrusa. „Affe tot“, antwortet Jana Misof und kichert. Kleine Leuchtdioden an den Vorderrädern schicken rote, grüne und blaue Blitze in die Dämmerung. Der Supermarkt ist nicht weit entfernt und doch an manchen Tagen schwer zu erreichen–so wie heute.

          „Je offensichtlicher die Behinderung, desto größer ist das Verständnis“

          Anstatt an einer ruhigen Stelle die Straße zu überqueren, müssen Jana und Isabell Katrusa über eine Kreuzung ohne Ampeln: Nur dort ist der Bordstein abgesenkt. Danach machen die beiden einen großen Schlenker, weil parkende Autos den Supermarkteingang versperren. Drinnen blinzelt Jana ins Neonlicht. Gestützt auf den Einkaufswagen, kann sie fast ohne Hilfe durch die Gänge laufen. Ein Verkäufer hievt einen Kürbis in den Wagen. Morgen wird er ausgehöhlt, übermorgen gibt es Kürbissuppe.

          Jana Misof bezahlt selbst. Hinter ihr hat sich eine kleine Schlange gebildet. „Können Sie ein Stück zur Seite gehen?“ fragt eine Frau und will sich vorbeischieben. Nein, das geht nicht so einfach. Jana ist unsicher auf den Beinen und kann nicht allein rückwärts laufen. „Je offensichtlicher die Behinderung, desto größer ist das Verständnis bei den Menschen“, sagt Isabell Katrusa. Das heißt: Wenn Jana Misof im Rollstuhl sitzt, behandeln die Leute sie nachsichtig. Wenn sie selbst läuft und alles etwas länger dauert, bekommt Jana manchmal genervte Blicke.

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