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Pflege in der Familie : Angehörige oft überfordert

Tragende Rolle: Pflegende Angehörige sind oft überfordert und kennen Hilfsangebote nicht (Symbolbild). Bild: dpa

Einer Untersuchung der Krankenkasse Barmer zufolge wünschen sich pflegende Familienmitglieder Unterstützung. Hilfsangebote sind ihnen aber kaum bekannt.

          In Hessen werden die meisten Menschen zu Hause gepflegt. Nicht einmal ein Viertel der Pflegebedürftigen lebt im Heim, gut die Hälfte wird ausschließlich von Angehörigen versorgt. Diese Zahlen hat die Kranken- und Pflegeversicherung Barmer in ihrem jüngsten Pflegereport veröffentlicht.

          Ingrid Karb

          Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dabei handelt es sich nach Erkenntnissen der Kasse häufig um Ehefrauen, die selbst schon älter als 75 Jahre sind und mit der Pflege an ihre Belastungsgrenze stoßen. Rund sieben Prozent der Angehörigen überlegten, das Engagement aus gesundheitlichen Gründen zu beenden. Das würde den Pflegenotstand durch Fachkräftemangel verschärfen, warnte gestern Barmer-Landesgeschäftsführer Norbert Sudhoff.

          Daten von 180.000 pflegenden Angehörigen

          Weil Familienmitglieder in Deutschland die Hauptlast der Pflege tragen, hat die Krankenkasse die Situation der pflegenden Angehörigen ins Zentrum gestellt. Dafür hat sie Versicherte befragt, die der Pflegekasse für die häusliche Betreuung gemeldet sind. 1872 Bürger haben letztlich mitgemacht. Außerdem hat die Kasse Daten von 180.000 pflegenden Angehörigen ausgewertet.

          Zu zwei Dritteln sind es Frauen, die sich um Angehörige kümmern. Die meisten sind zwischen 50 und 70 Jahre alt, 38 Prozent sogar älter. 85 Prozent kümmern sich täglich um die Angehörigen, oft bis zu zwölf Stunden. Die Hälfte pflegt den Partner, 28 Prozent die Eltern. Die wenigsten der Pflegenden sind berufstätig, ein Fünftel hat die Arbeitszeit wegen der Pflege reduziert, acht Prozent arbeiten in Vollzeit.

          Pflegende sind häufiger krank

          Die Barmer hat festgestellt, dass die psychischen und physischen Belastungen nicht spurlos an den Pflegenden vorbeigehen. Sie sind häufiger krank als andere Versicherte. So zeigten zwölf Prozent der Pflegenden eine Belastungsstörung, während es bei der Gesamtbevölkerung acht Prozent sind. Mehr als die Hälfte von ihnen klagte über Rückenschmerzen, ein Drittel über Schlafstörungen und ein Viertel über Depressionen.

          Die Pflegenden gaben an, sie fühlten sich „in der Rolle gefangen“, hätten ein schlechtes Gewissen, der Pflege nicht gerecht zu werden, Existenzängste und keine Zeit für Kontakte. Sie wünschten sich weniger Bürokratie mit Anträgen, eine bessere Aufklärung über Leistungen, Informationen zu Hilfen, finanzielle Unterstützung sowie mehr Zeit für sich und eigene Unternehmungen.

          „Wir müssen ein Umfeld schaffen, das die häusliche Pflege ermöglicht“

          „Wir können in diesem Bereich ruhig mehr Geld ausgeben“, hob Sudhoff hervor. 80 Prozent der Bürger wollten zu Hause gepflegt werden. „Wir müssen ein Umfeld schaffen, das die häusliche Pflege ermöglicht.“ Es gebe schon heute eine Reihe von Hilfen, die die Pflegekassen finanzierten, sie würden aber selten in Anspruch genommen. So erhielten die Pflegebedürftigen Geld für häusliche Umbauten wie Duschen, Treppenlifte und Rampen. Jedes einzelne Vorhaben werde mit bis zu 4000 Euro bezuschusst. Zudem zahlten die Pflegekassen bis zu 125 Euro im Monat für die stündliche Betreuung, Begleitung oder Beaufsichtigung von Pflegebedürftigen, um Angehörige zu entlasten.

          Künftig sollen auch hauswirtschaftliche Hilfen bezahlt werden. Die Aufgaben dürfen aber nur zugelassene Dienstleister übernehmen. Ihre Qualität soll von Kreisen und kreisfreien Städten überprüft werden, die derzeit Ansprechpartner dafür benennen müssen. Wer dann zugelassene Anbieter, die in einem Internetportal veröffentlicht werden, in Anspruch nimmt, kann einfach die Rechnung bei der Kasse einreichen. Die Kosten werden nicht vom Pflegegeld abgezogen, sondern zusätzlich bezahlt. Auch wer einen ambulanten Pflegedienst engagiert, muss nicht ganz auf das Pflegegeld verzichten, wie Sudhoff hervorhebt. Übernehme der Dienst 50 Prozent der Versorgung, würden auch nur 50 Prozent vom Pflegegeld abgezogen. Bisher nutzten viel zu wenige diese Kombination, sagte Sudhoff.

          Auch Maren Kochbeck von der Selbsthilfekontaktstelle in Frankfurt empfiehlt Angehörigen, sich früh Hilfe zu suchen. Die professionellen Pfleger entlasteten die Angehörigen, gäben ihnen Tipps und achteten auf den Gesundheitszustand der Pflegebedürftigen. Außerdem könnten sie im Notfall einspringen, wenn der Pflegende erkranke oder wichtige Termine habe. In Selbsthilfegruppen könnten Angehörige weitere Tipps zu Hilfsangeboten und Ansprechpartnern bekommen. Über entsprechende Gruppen informierten die Kontaktstellen, die unter www.selbsthilfe-hessen.net zu finden seien.

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